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Er hat nur das Eine im Kopf: Ethan Hawke als Nikola Tesla und Eve Hewson als Anne Morgan.

Biopic

Kino-Film „Tesla“: Ethan Hawke ist der genialere Edison

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Ethan Hawke spielt den visionären Erfinder Nikola Tesla in Michael Almereydas Biopic „Tesla“ angemessen anachronistisch.

Biografiefilme über Erfinder und Wissenschaftler sind selbst nicht unbedingt Hollywoods größte Erfindung. Meist folgen sie noch heute Konventionen, die sich in den dreißiger Jahren etablierten. Geniales und allzu Menschliches gingen in Filmen wie „Der große Edison“, 1940 von Spencer Tracy verkörpert, eine für das breite Publikum unwiderstehliche Mischung ein. Und nährten die damals noch sehr lebendige Idee des amerikanischen Traums, der gute Ideen mit unermesslichem Reichtum belohnen konnte.

Biopic „Tesla“ über den Pionier drahtloser Energieübertragung

Edisons großer Konkurrent, der Physiker und Visionär Nikola Tesla, kam im Film von 1940 nicht vor. Dabei war der Erfinder des Zweiphasenwechselstroms und – neben vielem anderen – Pionier drahtloser Energieübertragung durchaus eine Berühmtheit, geehrt mit zwölf Ehrendoktorwürden. Als er 1943 mit 86 Jahren starb, besuchten etwa 2000 Menschen sein Begräbnis. Doch vermutlich war Tesla einfach zu sehr ein außergewöhnlicher Erfinder für ein gewöhnliches Erfinder-Biopic.

Anders als Thomas Alva Edison war er kein großer Unternehmer, Reichtum interessierte ihn so wenig wie ein romantisches Privatleben. Nicht mal einen Sinn für Humor soll der Immigrant aus dem heutigen Kroatien besessen haben. Für Kreative aller Sparten machte ihn das erst recht zur Kultfigur: David Bowie spielte ihn im Film „Prestige – der Meister der Magie“, und ein gewisser Elon Musk benannte nach ihm eine Firma, die erst noch etwas ähnlich Geniales in die Welt setzen muss.

Nun also hat Nikola Tesla doch noch sein Biopic bekommen, und Filmemacher Michael Almereyda setzte alles daran, dass es kein konventionelles wurde. Für einen Mann, der so weit in die Zukunft blickte, erschien dem Regisseur einer in die Gegenwart verlegten „Hamlet“-Verfilmung mit Ethan Hawke ein rein historischer Film unpassend. Dem Premierenpublikum in Sundance, wo der Film im vergangenen Februar Premiere hatte, nannte er als Vorbild den britischen Avantgardisten Derek Jarman mit seinem Biografiefilm über den Autor Henry James.

Biopic „Tesla“ bedient keine neue Konvention

Auch wenn Ethan Hawke seine Titelrolle zunächst in einem liebevoll wiederbelebten New York der 1880er Jahre beginnt, pendelt die Geschichte immer wieder in die Gegenwart. Eine junge Frau erzählt die Eckdaten von Teslas Leben als Diashow vom Macbook aus, vergleicht die Nennungen bei Google mit denen des „gefragteren“ Edison, dies umschmeichelt von dezenter Klaviermusik. Historische Bilder scheinen auf, Begegnungen mit Berühmtheiten wie der Schauspielerin Sarah Bernhardt werden dezent eingeführt. So hätte zu Beginn der Corona-Pandemie digitales Lernen auch in unseren Schulen aussehen können – etwas Medienkompetenz der Lehrkräfte vorausgesetzt.

Aber keine Angst, es wird keine neue Konvention bedient, der didaktische Ton ist nur eine von vielen Annäherungen an einen großen Unnahbaren. Kunstvoll und ausgesprochen unaufgeregt verwebt Almereyda Chronik und Anachronismus. Tesla, der Meister der Stromkreise, inspiriert eine zirkuläre Erzählform: Wie ein Traumwandler begegnet er den noch heute legendären Wirtschaftsmächtigen George Westinghouse und J. P. Morgan in der aufstrebenden amerikanischen Industriekultur – ohne sich von Gier und Machthunger im Mindesten infizieren zu lassen. Die Erzählerin, so erfahren wir, ist Morgans Tochter Anne (Eve Hewson), die sehr, aber vergeblich um die Liebe eines zarten Monomanen buhlt.

Kinofilm „Tesla“: Historischer Glanz der Elektrizität

Die verlorene Zeit kann ihr dabei wenig anhaben. Dies ist nicht die Sorte Kinofilm, die Schauspieler durch allerhand Make-up und Maskerade altern lassen würde, und das wirkt hier durchaus romantisch: Schließlich sind Liebende ganz groß darin, das eigene Alter und das des geliebten Anderen ganz einfach auszublenden.

Die Begegnungen des Paares inszeniert der Filmemacher mit dem schönsten alten Hollywoodzauber, mit Rückprojektionen und farbigem Licht. Doch was früher dem Naturalismus diente, sorgt hier für das genaue Gegenteil, die kunstvolle Verfremdung. Nikola Tesla war selbst so elektrisiert von elektrischer Beleuchtung, dass er sich für ein unlängst im nordfriesischen Husum wiederentdecktes Ölporträt beim Licht einer speziellen Glühlampe malen ließ.

Diese Faszination für den historischen Glanz der Elektrizität durchzieht den Film, ebenso wie dessen makabere Schattenseite – Edisons Vorreiterrolle in der Etablierung des Elektrischen Stuhls. Unterbelichtet bleiben dabei hingegen Teslas skurrile Ideen in der Waffentechnologie. Auch aus seinen späten, eher esoterischen Ideen zur Verstärkung der geistigen Energie hätte man etwas mehr machen können. Tatsächlich hielt er auch die Menschen für Maschinen, angeschlossen an das Räderwerk des Universums. Vielleicht weil er selbst so sehr wie eine Maschine war.

Tesla. USA 2020. Regie: Michael Almereyda. 102 Minuten.

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