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Gestatten, sein Name ist Bond, James Bond - oh, falscher Film: Elizabeth Debicki und John David Washington in „Tenet“.

„Tenet“ im Kino

Als die Autos rückwärts fuhren

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Christopher Nolan beendet den Kino-Lockdown grandios mit seinem experimentellen Action-Kunstwerk „Tenet“.

Es waren dystopische Science-Fiction-Filme, die sich in den ersten Wochen des Corona-Lockdowns bei den Streamingdiensten besonders starker Nachfrage erfreuten. Im Vergleich zu den finsteren Visionen in Wolfgang Petersens „Outbreak“ oder Steven Soderberghs „Contagion“ sahen unsere entvölkerten Straßen vor der Tür schon ein gutes Stück erträglicher aus.

In den folgenden Monaten mögen Netflix und Co. den Hunger nach Geschichten ein Stück weit gestillt haben, gegen den Hunger nach großen Bildern aber waren sie relativ machtlos. Diese Woche geht es ihm endlich an den Kragen. Und wenn es schon endlich wieder großes Kino geben soll, dann auch gleich den mehrfach verschobenen, mit Spannung erwarteten neuen Film von Christopher Nolan, einem der wenigen echten Visionäre, die das Blockbuster-Kino hervorgebracht hat. Dieser Kinobesuch, das haben wir uns vorgenommen, muss genossen werden wie der erste Festschmaus nach einer langen Diät. Da geht man ja auch nicht schnell zu McDonald’s.

Die bei den ersten Pressevorführungen minutiös überwachten Schutzmaßnahmen könnten nicht besser einstimmen auf einen beklemmenden Thriller über Plutoniumschmuggel und einen drohenden Weltuntergang. Hatte nicht schon der Horror-Regisseur William Castle in den 50er Jahren medienwirksam Krankenschwestern in den Kinofoyers platziert?

Für jeden Gast hält das Personal im Kölner Cinedom einen frischen Kugelschreiber bereit, um die Kontaktdaten einzutragen. Man wird einzeln in den Saal geführt, nur jeder vierte Sessel darf besetzt werden, jede zweite Reihe bleibt ganz frei. Aber all diese Umstände sind schon so alltäglich geworden, dass wir keinen Gedanken mehr daran verschwenden, als das Logo von Warner Brothers die Leinwand füllt. Die Eröffnungsszene stammt dann noch sichtlich aus einer anderen Zeit – als man ohne Infektionsangst Statistenheere auflaufen lassen durfte.

In einem vollen Konzertsaal hebt ein Dirigent gerade seinen Taktstock, als ein Terroranschlag losbricht. Wie in einem James-Bond-Film, an den das weltumspannende Spektakel immer wieder erinnert, hat das erste Schaustück noch nicht allzu viel mit der Geschichte zu tun, die folgt. Ein CIA-Agent wird bei diesem Einsatz enttarnt, weigert sich aber trotz schlimmer Folter, seine Kollegen zu verraten. Und besteht damit – ohne es zu wissen – die Aufnahmeprüfung in eine Eliteeinheit, die den dritten Weltkrieg verhindern soll.

John David Washington spielt diese namenlose Rolle über weite Strecken mit dem für den Agentenberuf üblicherweise empfohlenen Pokerface – und gibt seiner Figur doch bei aller Stärke eine jungenhafte Unschuld. Nach „BlacKKKlansman“ etabliert sich Washington hier endgültig als Nachfolger seines Vaters Denzel im Actionfach. Tatsächlich sind die Umstände des drohenden Weltuntergangs unglaublich genug, auch ein Gesicht aus Stein das Staunen zu lehren.

Eine Wissenschaftlerin (Clémence Poésy) offeriert ihm an einem Schießstand eine merkwürdige Kugel, die sich von der Schwerkraft losgesagt zu haben scheint. Tatsächlich stammt sie aus der Zukunft und bewegt sich rückwärts durch die Zeit: Sie sei „invertiert worden“, wie das fortan wichtigste Wort des Films lautet. Wer auch immer dahinter steckt und das Geschütz geschickt hat – oder sollten wir sagen, dahinter stecken wird –, hat der Gegenwart den Krieg erklärt. Möglicherweise sogar in der noblen Absicht, die Menschheit vor der Zerstörung des Erdballs mit eigenen Mitteln, etwa dem Klimawandel, zu bewahren. Frei nach Alexander Kluge ist es der Angriff der Zukunft auf die übrige Zeit.

Das Codewort der Operation gibt dem Film den Titel: „Tenet“: Rätselfreunde kennen das lateinische Wort für „hält“ als Mittelkreuz aus dem sogenannten Sator-Quadrat. Christopher Nolan muss das nicht erklären, es reicht, dass er dem von Kenneth Branagh gespielten russischen Oligarchen-Schurken in der Geschichte den Namen „Sator“ gegeben hat. Ein gewisses Ausrufezeichen erhält das Zitat, wenn er die Handlung kurz nach Pompeji führt, wo das Satzpalindrom in Stein gemeißelt wurde. In Sators Filmfigur ist das Böse buchstäblich zeitlos: Sein in sowjetischer Vergangenheit gestohlenes Plutonium hat er über den entfesselten Kapitalismus der Wendezeit in die Zukunft geschmuggelt.

So wie sich die Buchstaben des Sator-Quadrats in alle Richtungen lesen lassen, bewegen sich bald auch Washingtons CIA-Agent und sein von Robert Pattinson gespielter Partner Neil wie Geisterfahrer auf der Zeitachse. In einer kunstvollen Choreografie aus Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen orchestriert Nolan die poetische Idee von Ereignissen, die sich in umgekehrter Richtung in eine vergangene Gegenwart bewegen. „Sie müssen das nicht verstehen“, beruhigt die Wissenschaftlerin den skeptischen Agenten noch zu Beginn. „Sie fühlen das schon.“ Sehr schnell hat er einen Instinkt dafür, was uns den Großteil der 150 Minuten nicht aufhört zu faszinieren.

Wer jetzt digitale Filmeffekte erwartet, kennt Nolan schlecht, diesen kompromisslosen Verteidiger des Analogfilms. Wie zuletzt „Dunkirk“ hat er auch „Tenet“ auf Kodak-65mm-Material gedreht, die meisten Tricks entstanden nicht am Computer, sondern durch optische Kopiertechniken. Das ähnlichste, was die Filmgeschichte dazu hervorgebracht hat, ist vielleicht Fred Astaire, der im Film „Easter Parade“ in Zeitlupe mit einem Ensemble tanzte, das sich in Realzeit bewegte.

Als die Brüder Lumière das Kino erfanden, entdeckten sie auch die wunderbare Möglichkeit, zerbrochene Vasen durch bloßes Rückwärtsabspielen des Filmmaterials wieder bruchlos zusammenzukitten. Daraus ergaben sich später so wunderbare Errungenschaften wie das Fußballballett. Und nun ein Filmgedicht von einem Blockbuster, der seine für sich betrachtet vernachlässigenswerte Geschichte zu einem Sprungbrett nie gesehener Film-Artistik gemacht hat. An einem der vielen Höhepunkte bereisen seine Helden den Schauplatz einer bereits gezeigten Actionszene ein zweites Mal – nun allerdings in gegenläufiger Richtung.

Aber natürlich ist das Spiel mit der Zeit auch eine Hommage an das Kino der Vergangenheit. Um in die Nähe des Oligarchen zu geraten, muss der Agent erst das Vertrauen seiner ihn abgrundtief hassenden Ehefrau gewinnen, in ätherischer Anmut verkörpert von Elizabeth Debicki. Dies führt eine weitere Fluchtbewegung in den Film ein und zugleich eine unerfüllte Anziehungskraft. Was zunächst im Genre-Kontext wirkt wie der erwartete Auftritt des „Bondgirls“, entzieht sich im nächsten Schritt der bloßen Fetischisierung weiblicher Attraktion.

Welche Anstrengung muss in diesen Film geflossen sein – und wie verschwenderisch leicht wird all das präsentiert. „Für mich ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, lässt Nolan seinen Agenten am Ende zu seinem Gefährten sagen. Doch in einem Zeitreisefilm ist die Sache möglicherweise etwas komplizierter, wie ihm sein Kollege dezent zu verstehen gibt. Wer weiß, wo man sich in der Zukunft schon kennengelernt haben mag?

Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn da keine Fortsetzung folgt.

Tenet. USA 2020. Regie: Christopher Nolan. 150 Minuten.

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