Filmkritik

Kino: „Niemals Selten Manchmal Immer“ - Ein Film über das, worüber man nicht spricht

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Die größte Entdeckung der letzten Berlinale: Eliza Hittmans asketisches Abtreibungsdrama „Niemals Selten Manchmal Immer“.

  • Der Independentfilm „Niemals Selten Manchmal Immer“ könnte vor vierig Jahren entstanden sein.
  • Ein Film jenseits der Hollywood-Konventionen.
  • Die Geschichte einer 17-jährigen Schwangeren, die für eine Abtreibung nach New York reist.

Beim amerikanischen Sundance-Filmfestival gibt es einen eigenen Preis für „Neorealismus“, und die Gewinnerin 2020 hieß Eliza Hittman. Kurz darauf gewann sie auch auf der Berlinale hochverdient den Großen Jurypreis. Etwas merkwürdig klingt es schon, eine amerikanische Regisseurin von heute mit einem Begriff zu würdigen, der für einen Filmstil der Nachkriegszeit in Italien erfunden wurde. Doch wahrscheinlich kann man an jede große Kunstform noch immer anknüpfen, wenn man sie an ihren Meisterwerken misst und eben auf der Spitze anknüpft.

Schwanger mit 17: Sidney Flanigan als Autumn (l.) mit Talia Ryder als ihre Cousine.

An Originalschauplätzen auf analogem Film gedreht, könnte Hittmans Independent-Film auf den ersten Blick schon vor vierzig Jahren entstanden sein. Das macht ihre Geschichte einer 17-jährigen Schwangeren, die mit ihrer Cousine für eine Abtreibung aus dem ländlichen Pennsylvania nach New York City reist, nicht weniger einzigartig. Schon die Anfangssequenz, in der die Protagonistin bei einem Amateurabend einen selbstgeschriebenen Folk-Song über die unheimliche Dominanz eines Freundes in der Beziehung singt, gibt eine Vorahnung von einer zweiten, unerzählten Geschichte.

„Niemals Selten Manchmal Immer“: Unwissende Eltern

Offensichtlich ist die junge Frau ein Missbrauchsopfer, doch worüber sie nicht sprechen kann, das würde auch diese meisterhafte Regisseurin niemals zeigen. Nicht einmal die scheinbar obligatorischen Nebenfiguren eines solchen Szenarios kommen zu ihrem angestammten Recht; der „Erzeuger“ kommt nicht vor, die Eltern bleiben unwissend. Umso eindringlicher wirkt die Beziehung der Teenager, gespielt von Sidney Flanigan und Talia Ryder.

Der Titel „Never Rarely Sometimes Always“ verweist auf die Antwortauswahl eines Fragebogens, der dem Mädchen von einer Betreuerin in der Abtreibungsklinik vorgelegt wird. Eliza Hittman besetzte eine echte Sozialarbeiterin in dieser Szene, sie stellt die Fragen aus dem Off. Minutenlang steht die Kamera auf dem Gesicht der Hauptdarstellerin Sidney Flanigan, deren Filmfigur erst allmählich begreift, dass die Multiple-choice-Antworten nicht ihre medizinische, sondern die soziale Situation beleuchten sollen. Die Ein-Wort-Antworten öffnen einen schmalen Spalt zum unausgesprochenen, für sie unaussprechlichem Leid.

Diese einzigartige Szene wirkt umso stärker, als es eine der wenigen Dialogszenen in einem fast schweigsam-visuellen Kino ist (mehr als an die Neorealisten mag man an Robert Bressons Minimalismus denken). Gerahmt wird die Geschichte durch die Nebenhandlung der Begegnung mit einem jungen Mann, der ein Auge auf die Cousine geworfen hat. Als ihnen das Geld für die Rückfahrt fehlt, ist er ihre einzige Hoffnung. Ob sich das Mädchen auf den Flirt mit dem Jungen nur zum Zweck der Geldbeschaffung einlässt, ob er sich auch ohne ihr Entgegenkommen hilfsbereit gezeigt hätte? Auch das ist eine Frage ohne eindeutige Antwort in diesem auf so bedachtsame Weise schwerelosen Film.

Tatsächlich ist die Zeit für einen Neo-Neorealismus mehr als reif. Wenn man ihn richtig versteht, ist er noch immer das Maß der Dinge – man muss nur einfach weglassen, was zu viel ist, was unecht erscheint oder ein Zugeständnis an die Art ist, wie etwas angeblich zu sein hat. Immer wieder sind es Jugenddramen, die diese reinigende Askese im Kino inspirieren. „Niemals Selten Manchmal Immer“ gehört hier in eine Reihe mit Dennis Hoppers „Out of the Blue“ und „Vogelfrei“ von Agnès Varda.

„Niemals Selten Manchmal Immer“: Keine schnellen Antworten

Das unabhängige amerikanische Kino kann noch immer das Spannendste der Welt sein – wenn es sich wirklich frei hält von den Hollywood-Konventionen des formelhaften Erzählens. Es gibt keine psychologisierenden Dialoge und statt vorschneller Antworten lieber die entscheidenden Fragen. Lässt man sie stehen, dann behalten sie ihr Gewicht.

Niemals Selten Manchmal Immer. USA 2020. Regie: Eliza Hittman. 102 Min.

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