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Im Politik-PR-Krieg: Steve Carell als Gary Zimmer und Rose Byrne als Faith Brewster in dem Film „Irresistible“.

„Irresistible“

Notizen aus der Provinz

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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„Irresistible – Unwiderstehlich“, eine Farce des US-Komikers Jon Stewart über den Authentizitätsverlust amerikanischer Politiker.

Auch in ihrem hoffentlich letzten Viertel hat Donald Trumps Präsidentschaft ihre Unvorstellbarkeit für viele nicht verloren. Mancher, der anfangs nicht für möglich hielt, dass der ungehobelte Populist überhaupt ins Amt gewählt werden könnte, vermeidet es noch heute, öffentlich seinen Namen zu nennen. Barack Obama zum Beispiel, dieser meisterhafte Rhetoriker, hat eine Kunst daraus gemacht, Trump nur indirekt zu adressieren und ihm so keine Bühne zu geben. Wenn man ihn auf diese Weise nur zum Verschwinden bringen könnte – wie jenes Gespenst, an das keiner mehr glaubt.

Der Fernsehkomiker Jon Stewart war vielleicht der Vorreiter dieses beredten Schweigens über die kollektive Scham des liberalen Amerika. Zwei Monate nach Trumps Kandidatur verabschiedete er sich von seiner satirischen Nachrichtensendung „The Daily Show“. In der Tat sind Politiker, die sich selbst lächerlich machen, für Satiriker oft nicht sehr attraktiv. Aber in einem Land, in dem der Humor traditionell als Gegengift auch zu den größten Übeln gilt (man erinnere sich nur an Chaplins „Der große Diktator“) wurde Stewart schmerzlich vermisst. Nun meldet er sich zurück, als Regisseur und Autor einer Wahlkampfsatire. Tatsächlich sind in „Irresistible – Unwiderstehlich“ aktuelle Bezüge unverkennbar – und Trump bleibt selbstredend unerwähnt.

Nach Hillary Clintons Niederlage sieht sich die Demokratische Partei abgeschnitten von ihrer Basis. Gesucht wird eine Identifikationsfigur, die nicht dem politischen Establishment angehört. Für den Publicity-Strategen Gary Zimmer, gespielt von Steve Carell, scheint ein Farmer und ehemaliger Marine-Offizier aus der tiefsten Provinz im amerikanischen „Heartland“ der richtige Mann. Der ist zu einer Youtube-Berühmtheit geworden, als er gegenüber seinem republikanischen Bürgermeister die Migranten im Ort verteidigt hat.

Chris Cooper, dieser Charakterdarsteller, der selbst aus dem Mittleren Westen stammt und durch John Sayles’ Spätwestern „Lone Star“ bekannt wurde, ist eine ideale Besetzung für derart trockene Typen. Wird es Zimmer gelingen, den parteilosen Jack, der sich selbst für einen Konservativen hält, zu überreden, sich als Gegenkandidat für das Bürgermeisteramt aufstellen zu lassen? Eine gewaltige Medienmaschine stünde schon bereit, um ihn gleich landesweit bekannt zu machen. Wie zu erwarten, wird Zimmer bei seiner Ankunft im verträumten Deerlaken, Wisconsin, von den Dörflern wie ein Außerirdischer behandelt. Oder besser, wie der Grünschnabel, der sich in einem Western-Saloon eine Milch bestellt.

Stewart vergisst kein Detail im von Hollywood so oft gemalten Biedermeier-Panorama der amerikanischen Provinz. Was als Auseinandersetzung mit der Krise der politischen Kultur begonnen hat, verliert sich schnell in einer Abarbeitung ganzer Bibliotheken von Stadt-Land-Klischees, die vermutlich bis zu Äsops Fabel von der Stadtmaus und der Feldmaus zurückzuverfolgen sind.

Hals über Kopf verguckt sich Zimmer in die Tochter des Farmers (Mackenzie Davis), eine handfeste Naturschönheit, die zum Zeitpunkt ihres Treffens einer Kuh mit Verdauungsproblemen assistiert. Wenn dann noch seine Washingtoner PR-Konkurrentin auftaucht, um für den amtierenden Bürgermeister die mediale Werbetrommel zu rühren, nimmt eine oft gesehene Mediensatire ihren Lauf. Das ursprüngliche Thema, das Erstarken des Populismus, gerät da schnell in den Hintergrund. Ebenso wie die Migranten, von denen sich in der Geschichte bald jede Spur verloren hat.

Verloren wie Stewarts Humor. Fraglos ist es leichter, im Sketchformat Pointen zu setzen und der Quereinstieg in die Spielfilmregie verführt zu vermeintlich großen Gesten. Unter den vielen Vorbildern aus Hollywood scheint sich Stewart nicht ganz sicher, ob er es mit den Coen-Brüdern halten soll und ihrem ironischen Blick auf die Provinz. Oder doch lieber mit Frank Capra, dessen Klassiker „Mr. Smith geht nach Washington“ und „Hier ist John Doe“ bereits die Arroganz des politischen Establishments gegenüber den einfachen Leuten zum Leinwandthema machten.

Je länger man diesem Film zusieht, desto mehr erinnert er an eine spezielle Spielart der Filmkomödie, in der es dem alten Hollywood gelang, politisch und unpolitisch zugleich zu sein – wollten die großen Studios doch ungern eines der politischen Lager vergrätzen. Tatsächlich entstand schon 1933 mit Gregory La Cavas „Gabriel Over the White House“ eine prophetische Vision eines Rechtspopulisten im Präsidentenamt – und die lässt aus heutiger Sicht jede kritische Distanz vermissen.

Einen gewissen Stachel kann man Jon Stewarts Film dagegen nicht absprechen. Aus liberaler Perspektive erinnert er die Demokraten an einen Glaubwürdigkeitsverlust. Aber wäre es nicht wichtiger, die Glaubwürdigkeit mit politischen Inhalten zurückzuerobern, als mit einer bloßen Anmutung von Authentizität? Dieser Aspekt geht im selben Maß verloren, in dem sich Stewarts Film zu einer gewöhnlichen Mediensatire entwickelt. Richtig ärgerlich wird sein Film dann in den letzten zehn Minuten. Da wartet er mit einer Pointe auf, die das Publikum selbst gleichsam in Sippenhaft nimmt, wie der Protagonist die Gewitztheit der Provinzler unterschätzt zu haben. Doch da hat er sich möglicherweise getäuscht.

Irresistible – Unwiderstehlich. USA 2020. Regie: John Stewart. 103 Min.

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