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Oliver Masucci als Rainer Werner Fassbinder (r.) mit Katja Riemann als Gudrun, die im wirklichen Leben Ingrid Caven hieß. epd

Kino

„Enfant Terrible“: Die Einsamkeit des Wolfs

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Fassbinder hätte es gefallen: Oskar Roehler huldigt dem Filmemacher mit dem kunstvollen Biopic „Enfant Terrible“.

  • Oskar Roehler hat nicht einfach ein Fassbinder-Biopic gedreht.
  • Fassbinder ist eine Fassbinder-Figur und sein Leben ein Anti-Theater-Stück.
  • Zwei ehemalige Fassbinder-Schauspielerinnen strahlen in Nebenrollen.

Es kommt nicht oft vor, dass deutsche Filme in den Wettbewerb von Cannes eingeladen werden. „Enfant terrible“ gehörte zu diesen wenigen, doch die Pandemie hat es vereitelt: Das Festival fiel aus, nun bezeugt nur noch das Palmenlogo auf dem Filmplakat die seltene Auszeichnung, als die bereits eine Einladung ins Palais du Cinema gilt. Es gibt in der deutschen Filmbranche ein geflügeltes Wort, das erklären soll, warum es so selten klappt mit Cannes: „Man wartet dort eben immer noch auf den nächsten Fassbinder.“ Vielleicht ist ja wirklich etwas dran.

Oskar Roehler hat nicht einfach ein Fassbinder-Biopic gedreht, es ist gleichermaßen eine Hommage an den Menschen und seine Methoden, seinen Stil zu leben und zu filmen. Dazu hat Roehler auch sich selbst ein Stück weit neu erfunden, denn Huldigungen erfordern immer auch eine gewisse Zurücknahme, und die ist ungewöhnlich im Werk dieses großen Egozentrikers. Doch es ist eine Hommage, die nichts verklärt. Die zentrale Frage, um die dieses Kaleidoskop aus ein paar Mark- und vielen Stolpersteinen der bundesdeutschen Filmgeschichte kreist, ist diese: „Wie kann ein Mensch sich gegenüber seinen Weggefährten wie ein Soziopath verhalten – und zugleich ein so genauer Beobachter menschlicher Gefühle sein?

„Enfant Terrible“: Naturalismus wäre ein Fremdkörper

Filmbiographien werden gern über Künstlergenies gedreht, und oft wird dabei das Außergewöhnliche auf das Allzumenschliche heruntergebrochen. Roehler und sein Drehbuchautor Klaus Richter interessieren sich glücklicherweise recht wenig für dieses Allzumenschliche. Dafür nehmen sie das Exzentrische so ernst, dass wir es am Ende beinahe als eine andere Normalität begreifen.

Der 51-jährige Oliver Masucci entwickelt in der Hauptrolle erst am Ende eine physische Ähnlichkeit zum ausgebrannten, vom Drogenkonsum gezeichneten Künstler. Dass er die meiste Zeit weder aussieht noch klingt wie Fassbinder, stört nicht. Roehler und Szenenbildnerin Utta Hagen haben einen Filmraum geschaffen, in dem Naturalismus fast ein Fremdkörper wäre. Es wurde ausschließlich im Studio gedreht, wie im expressionistischen deutschen Stummfilm ersetzen gemalte Kulissen Straßenszenen.

Im Münchner Actiontheater, dem späteren Antitheater, wo der junge Fassbinder in den 60er Jahren reüssierte, beginnt der Film, und er bleibt dieser rohen Theaterästhetik treu: Fassbinder ist eine Fassbinder-Figur und sein Leben ein Anti-Theater-Stück; ausgeleuchtet freilich mit den grellen Primärfarben seiner späten Filme „Lola“ und „Querelle“. Nur die schnellen Szenenwechsel hat er der Bühne voraus.

„Enfant Terrible“: Bleischwere Melancholie umweht das Genie

Es ist genug über Fassbinders intensives Leben geschrieben worden, in das er nicht nur 40 Filme, sondern auch etliche tragische Amouren quetschte; allein zwei Männer, die ihn liebten, begingen Selbstmord. Dies alles nun als Film zu sehen, eingezwängt in die Dreharbeiten ikonischer Filmszenen aus „Liebe ist kälter als der Tod“, „Whitey“, „Warnung vor einer heiligen Nutte“ oder „Angst essen Seele auf“, wirkt jedoch nicht kolportagehaft. Fünf Jahre lang geisterte das Drehbuch in immer neuen Überarbeitungen über die Schreibtische von Produzenten, Fernsehredaktionen und Filmförderanstalten. Nun kann man einmal sehen, wie sehr sich diese im deutschen Kino nicht alltägliche Sorgfalt lohnt.

Gegen Ende des Films umweht bleischwere Melancholie das 37-jährige Genie, das bereits auf 40 Filme zurückblicken kann und doch keine Befriedigung verspürt. So sehr er in seiner Kunst nach Neuem sucht, giert er in seinen einsamen Momenten nach dem Trost der Wiederholung. Wieder einmal legt er für seine Freundin Gudrun seine Lieblingsplatte des neapolitanischen Liedermachers Domenico Modugno auf, „Amara Terra Mia“. Diese Gudrun hieß im wirklichen Leben Ingrid Caven, aber rechtliche Unsicherheiten haben während der langen Produktionszeit die Namensliste gehörig durcheinander gewirbelt. Einmal sollte sogar die Hauptfigur „Oliver Fassbender“ heißen, so steht es noch in Googles zuvorderst angezeigter Filmbeschreibung.

„Enfant Terrible“: Eva Mattes als hinreißend-warmherzige Brigitte Mira

Katja Riemann, die gerade als Charakterdarstellerin den zweiten Frühling ihrer Karriere erlebt, verleiht dieser Gudrun/Ingrid einen Panzer aus lässiger Divenhaftigkeit. Im Fassbinder-Clan gehört diese Figur zu den Glücklichen, die sich nicht beirren ließen von den herrischen Anwandlungen ihres Mentors. Anders als Irm Hermann, Vegetarierin, der Fassbinder einmal vor der Gruppe verspricht, wenn sie ein Stück Fleisch esse, schlafe er mit ihr. Als sie sich daran erbricht, nimmt er sein Angebot schadenfroh zurück. Roehler hat auch diese grausame Anekdote übernommen, allerdings heißt die verstorbene Hermann nun Britta, ist ein Transvestit und wird von Anton Rattinger verkörpert.

Indem Roehler hier verfremdet, erreicht er keine schrille Überzeichnung, sondern schafft im Gegenteil eine Art historischer Diskretion; er schützt die tatsächlichen Figuren davor, noch einmal bloßgestellt zu werden und lässt gewissermaßen Kunstfiguren als ihr Double auftreten. Wer von Roehler laute Expression erwartet hat, kann ihn hier neu entdecken.

Auch wenn Fassbinder in jeder Szene präsent ist, gilt die Hommage ebenso dem Kollektiv. Zwei ehemalige Fassbinder-Schauspielerinnen strahlen in Nebenrollen: Eva Mattes ist eine hinreißend-warmherzige Brigitte Mira am Set von „Angst essen Seele auf“. In Cannes tröstet sie den plötzlich vom Lampenfieber gelähmten Fassbinder am Abend der Cannes-Premiere (schon für diese liebevolle Szene hätte man Roehlers Film gerne dort gesehen). Und Isolde Barth ist bewundernswert als Fassbinders Mutter im nachgespielten Dialog aus „Deutschland im Herbst“. In mancher Hinsicht ist die Originalszene, in der Fassbinder mit bohrenden Fragen die Reste faschistischer Gesinnung bei der Mutter offenlegt, ein Modell des ganzen Films: für Fassbinders autoritäres Auftreten, die Bedrohung der Demokratie in den 70er Jahren und auch den zentralen Spielort, Fassbinders geräumige, aber in Dunkel gehüllte Wohnung.

Aber auch Oskar Roehlers Film kann künftigen Filmemachern als Vorbild dienen: Wie es gelingen kann, einen Künstler in seinem Stil zu porträtieren, ohne Copyshop und ohne Korsett. Fassbinder hätte es gefallen.

Enfant Terrible. D 2020. Regie: Oskar Roehler. 135 Min.

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