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Quim Gutierrez als Hundeliebhaber Emilio.

Groteske

„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ im Kino: Der Fremde im Zug

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Mit seiner Groteske „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ wandelt der spanische Filmemacher Aritz Moreno auf den Spuren Luis Buñuels.

Als François Truffaut einmal dafür kritisiert wurde, in seinen Filmen allzu gerne erzählende Kommentare einzusetzen, kam seine Antwort prompt: Wer genau hinsehe, werde bemerken, dass die Kommentare nur scheinbar erklärten, was zugleich im Bild zu sehen sei. In den ersten beiden Sätzen erkenne das Publikum die Analogie. Doch dann, wenn die Glaubwürdigkeit erst hergestellt sei, könne er es sich leisten, auf ihrem Rücken etwas ganz anderes zu zeigen als das, wovon die Rede sei.

Die spanische Komödie „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ hat diese Beobachtung zum Prinzip gemacht. Mehr als an Truffaut wandelt Aritz Morenos mit seiner Farce allerdings auf den Pfaden seines Landsmanns Luis Buñuel. Nicht von ungefähr erinnert der deutsche Verleih an dessen Filmtitel „Dieses obskure Objekt der Begierde“. So obskur sind die Geschichten freilich gar nicht, mit denen ein angeblicher Psychiater (Ernesto Alterio) eine mitreisende Verlegerin unterhält. Wie es scheint, ist die Bekanntschaft nicht ganz zufällig; jedenfalls gibt er an, die Dame bereits am Vortag in seiner Klinik gesehen zu haben, wohin sie ihren Mann wegen seiner zunehmend beunruhigenden Anal-Fixiertheit gebracht habe. Unter offensichtlicher Umgehung jeder Schweigepflicht überschüttet er sie mit weiteren Anekdoten aus seiner Praxis.

Gern lassen wir uns diesen Regelverstoß gefallen; schließlich findet der Regisseur mit seinem Ausstatter Mikel Serrano auch für verstörende, mitunter ekelerregende Besonderheiten tieffarbige Dekors, wie sie wohl auch Pedro Almodóvar gefallen würden. Verfilmt wird hier übrigens ein Roman des Autors Antonio Orejudo, von dem in Deutschland bislang lediglich „Feuertäufer“ erschienen ist.

„Die obskure Geschichte eines Zugreisenden“: Geheimdienst und Müll

Da ist zunächst die Geschichte von der attraktiven Ärztin im Kosovokrieg, die das fehlende Geld für den Klinikbetrieb als Prostituierte dazuverdienen möchte. Dann die Episode um den Intellektuellen, der entgegen seiner Qualifikation seit Jahren bei der Müllabfuhr arbeitet – und dabei zur Überzeugung gelangt, dass nichts wirklich entsorgt, sondern alles vom Geheimdienst ausgewertet werde. Oder das Schicksal der Frau, die von ihrem Mann als Hund gehalten wird und erst nach einer langen Kette der Erniedrigungen gegen ihren Peiniger aufbegehrt.

In der Steigerung des Ekelgrades der Episoden erahnt man bereits, dass die eingangs gestellte Diagnose der Skatologie wohl vor allem auf den Zugreisenden zutrifft und erklärt, mit welchen Details er seine Geschichten gerne ausspinnt. Aber auch der Film selbst ordnet sich zusehends gewissen Obsessionen unter. Immer offensiver wird das Ausstellen vermeintlicher Schockmomente – und überlagert erstaunliche Feinheiten in Spiel und Inszenierung – besonders in den Szenen mit Luis Tosar als paranoidem Müllmann, der sich mit den herrlichsten Perücken tarnt.

Tatsächlich sind Ekeleffekte im Kino eine knifflige Sache – denn wer sagt denn, dass sie wirklich die erhoffte Aufregung generieren? Gern bewundert man über weite Strecken des Films dessen handwerkliche Qualitäten; bis sich seine aufgebauschten Mysterien schließlich als so wenig gravierend entpuppen, wie – um in der Metaphorik des Films zu bleiben – ein paar zünftige Blähungen im Vergleich zu einer Magen-Darm-Grippe.

Was dieser Film weit mehr feiert als seine schrillen Höhepunkte, ist das Erzählen selbst. Die Rolle des Psychiaters ist wie so oft im Kino die des Sammlers von Schicksalen und des potentiellen Manipulators der dahinter verborgenen Existenzen. Das Problem des Mediziners, das er gleich zu Beginn benennt, als er über Schizophrenie sinniert, ist zugleich das Dilemma des Kinoerzählers: „Wir fanden lauter Geschichten, aber keine Person.“

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden. Spanien 2019. Regie: Aritz Moreno. 103 Min.

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