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So wenig Drama gab es noch nie in einem Sterbehilfedrama: Susan Sarandon (l.) und Kate Winslet in „Blackbird“.

„Blackbird“

Susan Sarandon in „Blackbird“: Chronik eines angekündigten Todes

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Eine überragende Susan Sarandon macht Roger Michells Sterbehilfedrama „Blackbird“ zu etwas Besonderem.

Seit es das Kino gibt, spiegeln sich darin auch die großen gesellschaftlichen Liberalisierungsprozesse. Bereits 1919 appellierte Richard Oswalds Stummfilm „Anders als die Anderen“ für die Akzeptanz der Homosexualität. Von 1920 datiert der früheste erhaltene Film eines Afroamerikaners gegen die Rassendiskriminierung, „Within Our Gates“ von Oscar Micheaux. Auch die Gefahren illegaler Abtreibung waren schon in der Stummfilmzeit ein Thema, etwa für die Filmpioniere Luise und Jakob Fleck 1923 in „Frühlingserwachen“.

Viele Jahrzehnte trennen diese filmischen Vorboten von den Gesetzesreformen, für die sie plädieren. Das gilt auch für die Sterbehilfe, die etwa 1951 in Willi Forsts Skandalfilm „Die Sünderin“ ein Thema war – und seither noch weit bessere Filme inspirierte: Dalton Trumbos „Johnny zieht in den Krieg“, Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ oder „Das Meer in mir“ von Alejandro Amenábar, um nur einige zu nennen. Obwohl der assistierte Suizid noch immer in den meisten Ländern verboten ist, scheint es freilich kaum Filme zu geben, die vor seinem Missbrauch warnen oder sich ethische Bedenken dagegen zu eigen machen. Vielmehr haben sich positive Darstellungen der Thematik fest im Genre des Kranken-Melodrams etabliert.

„Blackbird“ mit Susan Sarandon: Die Debatte über Sterbehilfe ist in vollem Gange

Auch Roger Michells amerikanisches Familiendrama „Blackbird“ gehört in diese Reihe; in den USA hat bisher nur eine Minderheit der Bundesstaaten Sterbehilfe legalisiert, die Debatte ist in vollem Gange. Als Remake des differenzierten dänischen Dramas „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“, das Bille August 2014 inszenierte, macht es sich seine Sache allerdings nicht leicht. Drehbuchautor Christian Torpe hat seine eigene Vorlage adaptiert – und eine gute Dosis Dramatik herausgenommen. Tatsächlich lässt sich das letzte Wochenende einer Schwerkranken auch gut ohne die Nebenhandlung eines Schwiegersohns erzählen, der sich zu seinem Drogenkonsum bekennt. Und auch die Zuspitzung mit einem in letzter Minute gerufenen Krankenwagen war durchaus entbehrlich.

Die von Susan Sarandon gespielte Seniorin Lily beginnt das letzte Wochenende ihres Lebens, als wäre es ein ganz normales. Ein kleiner Wutausbruch entfährt ihr über die gelähmte Hand und Beine, die ihr nicht mehr richtig gehorchen – aber nichts, das ihren von Sam Neill gespielten Ehemann um ein entspanntes Frühstück bringen könnte. Nach einem kurzen Streit um die Radiomusik – sie ist für Pop, er für Klassik, kann man sich auf die Ankunft der Gäste vorbereiten. Kate Winslet und Mia Wasikowska spielen die Töchter, die mit ihren Lebensgefährten und einem Enkel zum Sterbetag der Mutter anreisen wie zu Thanksgiving. Sogar ein Gastgeschenk hat jemand mitgebracht. Einen weiteren Gast spielt die schottische Charakterdarstellerin Lindsay Duncan als Lilys beste Freundin; es ist die kleinste aber feinste Rolle in diesem Kammerspiel – und die einzige wirklich überraschende Figur im Standard-Ensemble von Familiendramen.

„Blackbird“: Susan Sarandon gibt den Ton vor

Den Gästen ist der Ernst des Anlasses zunächst nicht anzumerken. Erst als sich die Schwestern darüber austauschen und sich der Enkel im Teenageralter beim Großvater über den Ablauf erkundigt, ist auch das Publikum im Bilde: Am darauffolgenden Tag wird die Todkranke das tödliche Mittel nehmen, das ihr Mann als Mediziner ihr bereitgestellt hat. Bis dahin will sie einen entspannten Tag mit ihrer Familie verbringen. Aus juristischen Gründen ist es wichtig, dass sie selbst zum Glas greift – und sich die Familie nach außen hin unwissend gibt.

In einem klugen Kunstgriff werden die eigentlichen Debatten über den begleiteten Suizid in die Vorgeschichte verlegt und müssen somit nicht mehr Teil des Dramas sein. Umso interessanter, dass Wasikowskas Figur der Anna plötzlich aus der Rolle fällt und ihrer Schwester damit droht, das Vorhaben der Mutter in letzter Minute durch Wählen des Notrufs zu vereiteln. Sie fühlt sich nicht reif für den Abschied, zumal sich die Mutter schon früher nicht richtig um ihre Kinder gekümmert habe. Der Protest ist zugleich ein Aufbegehren gegen die Dominanz der älteren Schwester, die freilich bald aus einem anderen Grund Einspruch erheben wird gegen den von der Mutter so sorgsam geplanten Sterbetag.

Man merkt dem dialoggetriebenen Stück, das seinen Spielort, eine luxuriöse Küstenvilla in Long Island, nur für wenige Außenaufnahmen verlässt, seine Wurzeln im dänischen Kino noch immer an: Ein Hauch von „Das Fest“, Thomas Vinterbergs erstem „Dogma“-Film, umweht das Familiendrama und bringt die Handkamera gerade im rechten Augenblick zum Wackeln, als der emotionale Rückhalt bricht. Ein überdosiertes Beruhigungsmittel ist dagegen das Cello-Solo in Peter Gregsons allgegenwärtiger Filmmusik.

Wie kunstvoll dagegen die Zurückhaltung im Spiel: Susan Sarandon gibt mit ihrem „underplaying“ den Ton vor: So wenig Drama gab es wohl noch nie in einem Sterbedrama. Allein Kate Winslet kommt die undankbare Aufgabe zu, als aufbrausende, in ihrem spießigen Familienbild verletzte Tochter doch noch für etwas Expression zu sorgen: Könnte es sein, dass ihr Vater seine Frau aus dem Weg befördern möchte, weil er etwas mit ihrer besten Freundin hat?

Vielleicht lässt dieser im Vergleich zum dänischen Original so angenehm heruntergespielte Film da immer noch eine Katze zu viel aus dem Sack. Umso bewundernswerter ist die diskrete Art, wie Regieveteran Roger Michell damit umgeht. Ein Plädoyer für das Recht auf Sterbehilfe ist auch dieser Film wie die meisten seiner Vorgänger; in seiner zurückhaltenden Art aber ist er auch das Gegenteil von Propaganda. Nicht hinterfragt wird dagegen eine weitere Genre-Konvention: Fast immer, wenn das Kino diese Geschichte erzählt, spielen sie in der Oberschicht. Als wären ethische Debatten über das Sterben ein Luxusproblem.

Blackbird. USA 2020. Regie: Roger Michell. 98 Min.

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