Ein Hauptdarsteller, Levan Gelbakhiani, an dem nicht nur die Kamera sich nicht sattsehen kann. Salzgeber

Kino

Kinofilm „Als wir tanzten“: Tanz in die Freiheit

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Das georgische Liebesdrama „Als wir tanzten“ findet neue Choreographien für eine alte Coming-Out-Geschichte.

Hinter dem Rampenlicht der großen Ballettensembles, daran erinnert uns das Kino gerne, liegt ein Tränenmeer. Wäre nicht Giuseppe Garibaldi der bekannte Urheber der Kampfrede von „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“, man könnte einen Choreographen dahinter vermuten.

Auch die strengen Traditionswächter am georgischen Nationalballett haben nichts zu verschenken. Nur ist die Messlatte für Perfektion bei den Bewahrern der Volkstanztraditionen in Tiflis ein klein wenig anders ausgerichtet als an klassischen westlichen Balletthäusern.

Merab, der junge Protagonist von „Als wir tanzten“, wird als offensichtliches Naturtalent besonders hart an die Kandare genommen. Lorbeeren zum Draufausruhen werden an solchen Orten bekanntlich nicht verliehen. So punktgenau Merab auch in der ersten Szene den rhythmischen Volkstanz auf das Parkett bringt, so wenig gibt sich sein Lehrer damit zufrieden: Merabs Augen sind zu verspielt, die Haltung ist zu weich, und um überhaupt keinen Zweifel aufkommen zu lassen, sagt es der Ballettmeister noch mal ganz deutlich: „Es gibt keinen Sex im georgischen Tanz!“

Der junge Mann hat in diesem Augenblick wohl keine Vorstellung davon, was man an seiner Ausstrahlung sexy finden könnte. Als Zuschauer haben wir allerdings schon eine leichte Ahnung: Immerhin geht Levan Akins Film „Als wir tanzten“ der Ruf voraus, in Georgien homophobe Proteste vor Filmtheatern inspiriert zu haben. Nicht von ungefähr ist der schwedische Regisseur für seine Coming-of-Age-Geschichte eines homosexuellen Tänzers zu den Traditionswächtern in die ehemalige Sowjetrepublik gereist. Auch wenn Homosexualität in Georgien seit dem Jahr 2000 legalisiert ist, wird sie doch von weiten Teilen der Bevölkerung und der orthodoxen Kirche abgelehnt und tabuisiert.

Die Homophobie eines Choreographen ist schon ein interessanter Ausgangspunkt für einen Ballettfilm: Schwer, sich eine Art von Tanzkunst vorzustellen, die alles Androgyne ausmerzen möchte. Oder anders ausgedrückt: Wer eine so klare Vorstellung davon hat, was als „schwul“ gedeutet werden könnte, wie dieser Ballettmeister, der ist offensichtlich mit der eigenen Sexualität nicht ganz im Reinen.

Doch ganz gleich von welchem „Ufer“ man den Star dieses Films betrachtet: Levan Gelbakhiani, der Debütant in der Hauptrolle, ist ein Typ zum Verlieben. Keine klassische Schönheit, aber ein Wunder an Ausstrahlung.

Mit plötzlicher Wucht verliebt sich der trotz aller tänzerischen Energie zerbrechlich wirkende Merab in seinen kräftigen Tanzpartner Irakli (Bachi Valishvili). Ohne Widerstand öffnet er sich seinen Gefühlen, was Irakli im Gegenzug nicht gelingen wird. Es wäre spannend gewesen, etwas tiefer in Iraklis Zwiespalt hineinzublicken, noch blasser ist Merabs platonische Freundin, die Tänzerin Mary (Ana Javakhishvili) gezeichnet. Früher als Merab selbst scheint sie dessen Coming-out zu erahnen, dem sie mit liebevollem Verständnis begegnet, aber auch mit Sorge um die erwartbaren gesellschaftlichen Schwierigkeiten.

Unnötig und überaus konventionell ist die Nebenhandlung einer Konkurrenz um eine frei gewordene Tänzerstelle im Hauptensemble des Balletts. Ein verletzter Fuß des Helden wird hier unfreiwillig zur Metapher für die Krücken, auf denen sich das simple Drehbuch schleppt. Auch die Liebesgeschichte selbst ergeht sich in liebgewonnenen Genrekonventionen: Pop-Hits von Robyn („Honey“) und Abba („Take a Chance On Me“) untermalen die romantischen Höhepunkte; kurze Brennweiten und impressionistisches Gegenlicht verströmen mehr als nur einen Hauch des Vorgängers „Call Me By Your Name“, der allerdings subtiler war.

Doch Akin weiß auch sehr gut mit diesen Mitteln umzugehen: Die wahren Choreographien finden nicht auf der Probebühne statt, sondern beiläufig bei den Partyszenen – etwa in einer wunderbaren Kamerafahrt, die den Protagonisten erst aus den Augen verliert, um ihn schließlich durch ein Fenster wie zufällig beim Verlassen des Schauplatzes wieder einzufangen.

Vor allem aber weiß der Filmemacher mit den Pfunden zu wuchern, die wirklich originell sind: ein Hauptdarsteller, an dem nicht nur die Kamera sich nicht sattsehen kann. Und das dankbare Milieu eines homophoben Volkskunsttempels, der zugleich ganz wunderbare Tänze kultiviert.

Es ist immer wieder faszinierend, wie es Festivalfilmen gelingt, ihr urbanes Publikum mit folkloristischen Kostbarkeiten aus entlegenen Regionen zu betören. Bei den Festspielen in Cannes, wo „Als wir tanzten“ im vergangenen Jahr beim Nebenfestival „Quinzaine“ Premiere feierte, hatte sich wohl kaum jemand zuvor mit georgischer Tanzkunst beschäftigt. Levan Akin nutzt ihre Rituale und Muster zur Verbildlichung traditioneller Geschlechterrollen, feiert aber auch die Spielfreude darin als potenzielles Gegengift zum Konservatismus.

Bis hin zum befreienden Ausbruch in einer finalen Soloperformance, die hier natürlich nicht verraten wird.

Als wir tanzten. Georgien 2019. Regie: Levan Akin. 109 Min.

Der ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“ wartet mit einem großartigen Fabian Hinrichs als wirklich gestresstem Menschen und Sohn auf. Die TV-Kritik.

Kommentare