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Vincent Lindon (2.v.r.) als Gewerkschafter Laurent Amédéo.

„Streik“

Auf verlorenem Posten

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Der Franzose Stéphane Brizé hat einen Kriegsfilm über den Arbeitskampf in Zeiten der Globalisierung gedreht: „Streik“.

Es kommt nicht oft vor, dass der deutsche Titel eines Films die Dramatik des Originals zurücknimmt. „En guerre“, im Krieg, hat Stéphane Brizé sein Sozial- und Politdrama genannt, der deutsche Verleih nennt es fast lapidar „Streik“. Vielleicht möchte man damit an Sergej Eisensteins gleichnamigen Agitationsfilm erinnern, oder ist der Begriff „Krieg“, im Militärischen längst enttabuisiert, auf den Klassenkampf bezogen nicht geheuer?

Tatsächlich hat Brizé den extremen Realismus seines Kinos in einer Kriegsfilm-Dramaturgie erfasst. Der 52-Jährige beherrscht wie kaum ein zweiter den Stil des „Cinéma vérité“, der in den späten sechziger Jahren seine Blüte erlebte. Mit teils improvisierten Dialogen und einer Handkamera-Fotografie, die spontan wirkt, aber nichts dem Zufall überlässt, erreicht er eine Art Virtuosität des Augenblicklichen. Bereits zum dritten Mal arbeitet er mit dem Schauspieler Vincent Lindon zusammen, der durch diese Zusammenarbeit sichtlich reift.

Nach der verhaltenen Dramatik des Vorgängerfilms über die Arbeitslosigkeit eines Mannes mittleren Alters, „Der Wert des Menschen“, ist nun jeder Augenblick handlungsgetrieben. Es beginnt mitten im Geschehen. Gewerkschafter diskutieren einen Aktionsplan angesichts der angekündigten Schließung ihrer Fabrik. Schon zwei Jahre zuvor hat das Perrin-Werk im südfranzösischen Agen vor dem Aus gestanden, wegen massiver Zugeständnisse der Arbeiter hatte die Leitung den Erhalt aller Arbeitsplätze für fünf Jahre garantiert. Dieses Versprechen will der deutsche Großkonzern, der hinter dem Unternehmen steht, nun brechen. Dabei ist das Unternehmen inzwischen sogar wieder profitabel. Lindon spielt den Gewerkschafter Laurent Amédéo. Er ist in nahezu jeder Szene präsent während dieser Chronik eines Arbeitskampfs, der mehrere Monate dauern wird.

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Der „Krieg“ des Filmtitels hat viele Fronten. Die Geschäftsleitung kann es sich leisten, erst einmal die internen Grabenkämpfe abzuwarten. Während sich immer mehr Arbeiter für Abfindungen entscheiden, kämpft Amédéo für den Erhalt der Arbeit selbst, die er als identitätsstiftend versteht. Der Verlust jeder Wertschätzung für eine lebensbestimmende Berufswahl artikuliert sich im Schatten der langen Debatten, die den Film durchziehen. Wie ernst es Brizé ist, die Auswirkungen der Globalisierung und eines enthemmten Kapitalismus auf den Einzelnen darzustellen, beweist sich auch durch die hochkomplexe Gestaltung. Nachgestellte Nachrichtenbilder sind praktisch nicht von authentischen Dokumenten zu unterscheiden. Das führt zu einem bemerkenswerten Déjà-vu: Man meint das alles schon zu kennen und hinterfragt erst auf den zweiten Blick die Konventionen, mit denen die Nachrichtenmedien üblicherweise über derartige Arbeitskämpfe berichten.

Es ist lange her, dass eine Fernsehserie wie Fassbinders „Acht Stunden sind kein Tag“ eine lebensnahe und würdige Darstellung der Arbeitswelt in der Tradition der Neuen Sachlichkeit versuchte. Doch was ist aus dieser Welt geworden? In Brizés Studie zeigt sich eine gänzlich entmythologisierte Sicht auf die Arbeiterschaft; alles Heroische, das man den Arbeitern bei ihrem Lohnverzicht abverlangt hat, erweist sich als sentimentale Lüge. Was bleibt, ist die Wut. Aus ihr generiert Brizé eine treibende Energie, die seinem radikalen Realismus tatsächlich die Wucht eines actiongeladenen Kriegsfilms gibt.

Streik. F 2019.  Regie: Stéphane Brizé. 113 Min.

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