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Zum Verwechseln ähnlich: Steve Coogan (l.) und John C. Reilly.

„Stan & Ollie“

Komik und Klischee

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Steve Coogan und John C. Reilly machen in „Stan & Ollie“ die großen Komiker lebendig. Doch historische Fakten werden dem Sentiment geopfert.

Als Johnny Depp 1993 im Film „Benny & Joon“ einen Pantomimen spielte, studierte er ausgiebig Buster-Keaton- und Charlie-Chaplin-Filme. In Los Angeles gibt es einen idealen Ort dafür, das Silent Movie Theatre, ein Kino speziell für Stummfilmfans, das sich über den prominenten Stammgast freute. Jetzt liefern Steve Coogan und John C. Reilly eine ähnlich verblüffende Verwandlung in Laurel und Hardy, und wo immer sie ihre Rollenvorbilder studierten, sie sehen ihnen zum Verwechseln ähnlich.

Depp gewann einen Golden Globe – eine Auszeichnung, die sich seine Kollegen, falls es die Regularien erlauben, wohl teilen müssten. In Jon S. Bairds Biopic „Stan & Ollie“ erreichen sie eine derartige Abbildungstreue, dass es schon fast nicht mehr lustig ist. Allein der Umstand, dass man den Briten Stan und seinen amerikanischen Partner und lebenslangen Freund Ollie nur einmal in einem echten Farbfilm sehen konnte, sorgt in dem samtfarbenen Film für ein wenig verfremdende Distanz. Da wundert es nicht, dass auch die Geschichte aus der Endphase ihrer gemeinsamen Karriere für glaubhaft gehalten wird. Doch davon kann höchstens in den gröbsten Zügen die Rede sein.

Hardy starb 1957, Laurel 1965

1953, zwei Jahre nach ihrem letzten, recht glanzlosen Film „Dick und Doof erben eine Insel“, begegnen wir den Komikern auf einer Tour durch Großbritannien. Es gab drei solcher Tourneen, allesamt erfolgreich, doch ein sentimentales Klischee lässt den Filmemachern eine andere Erzählung vielleicht attraktiver erscheinen. So sehen wir die beiden ihre hinreißenden Sketche in winzigen Provinzstädten vor halbleeren Rängen spielen. In entwürdigendem Einsatz werben sie dafür in Fußgängerzonen mit umgehängten Pappschildern, als seien sie Doubles ihrer selbst. Charles Chaplin erzählte eine ähnliche Geschichte über einen alternden Komiker in seinem britischen Film „Rampenlicht“.

Wird es ihnen gelingen, doch noch einmal durchzustarten? Hindernisse gibt es viele: die erfolgreichere Konkurrenz eines jungen britischen Talents, den Triumphzug des Fernsehens und schließlich, noch dramatischer, eine Herzerkrankung Ollies, die jeden weiteren Auftritt lebensgefährlich erscheinen lässt. Tatsächlich befanden sich beide Komiker damals bei schlechter Gesundheit, Hardy starb 1957, Laurel 1965. Doch das größte Hindernis, das der Film konstruiert, ist für Liebhaber des Duos kaum zu fassen: Legendär ist die tiefe private Freundschaft des eigentlich ungleichen Paars – Laurel war der intellektuelle Kopf und Gagautor, Hardy der Meisterpantomine. Bairds Film aber behauptet eine tiefe Frustration des Dicken: Er fühlt sich von Stan einfach nicht geliebt.

Laurel und Hardy waren tatsächlich wahre Überlebenskünstler

Nichts gegen kreative Erfindungen in Biopics, doch jede Hinzufügung in diesem so exzellent gespielten Film ersetzt eine interessantere Wahrheit durch ein sentimentales Klischee. Laurel und Hardy waren tatsächlich wahre Überlebenskünstler. Als einzige der großen Stummfilmkomiker konnten sie ihre Popularität im Tonfilm noch steigern – und die visuelle Kraft ihres Humors dabei behalten. Während der Depressionszeit beerbten sie Chaplin als Helden der Arbeiterklasse. Ihre Tourneen im kriegszerstörten England müssen ihnen ähnlichen Zuspruch bei der notleidenden Arbeiterklasse beschert haben.

Wäre das nicht ein interessanterer Film gewesen? Und wäre es nicht die bessere Geschichte gewesen, bei der Wahrheit zu bleiben und beide Stars dabei zu porträtieren, wie sie gegen ihre Krankheiten anspielen? Ohne den Film zu kennen, erklärte der Laurel-und-Hardy-Biograf Simon Louvish gegenüber dem „Time Magazine“: „Sie waren beide schon sehr krank. Wenn sie sich im wahren Leben stritten, dann wohl weniger, weil sie sich nicht mehr mochten, als weil sie schon auf dem Zahnfleisch gingen.“

Schon zu Zeiten, als man die beiden bei uns noch – durchaus liebevoll – „Dick und Doof“ nannte, gaben Filmproduzenten gerne dem bewährten Klischee den Vorzug vor der möglicherweise originelleren Wirklichkeit. Aber Laurel und Hardy waren unsentimental. Sie hatten andere Fans als Chaplin und Keaton, weil sie auf romantische Nebenhandlungen weitgehend verzichteten. Das machte sie gerade bei Kindern so beliebt – und ihre Filme gleichwohl nicht weniger menschlich. Bei einer ihrer England-Tourneen klagten sie gegenüber einem Reporter: „Heutige Komiker, besonders die amerikanischen, erzielen Gelächter auf Kosten des Unglücks anderer. Beleidigende Witze sind Gemeinheiten, die wir vermeiden.“

Diesen Punkt immerhin machen John C. Reilly und Steve Coogan im zärtlich-chaotischen Umgang ihrer Figuren miteinander deutlich. Und so wundert es nicht, dass der Film „Stan & Ollie“ bereits zu einer Wiederentdeckung der Originalfilme beigetragen hat, die dem derben Humor der „American-Pie“- und „Hangover“-Klamotten noch entfernter ist als ihrer damaligen Gegenwart.

Noch in den siebziger Jahren feierten sie Triumphe in deutschen Vorortkinos. Man muss die damaligen Kindervorstellungen auf vollen Rängen erlebt haben, um zu verstehen, wie sehr „Dick und Doof“ geliebt und verstanden wurden. Nie wieder habe ich derart tosendes Gelächter gehört.

Stan Laurel überlebte seinen Partner um acht Jahre, im Abspann wird so getan, als habe er seine letzten Jahre damit verbracht, weiterhin Gags für Ollie und ihn zu schreiben. Tatsächlich half er etwa seinem Bewunderer Jerry Lewis, Gags für sein Regiedebüt „Hallo, Page“ zu entwickeln. Aus Dank nannte der seine Filmfigur Stanley. Aber das wäre wohl ein wenig zu aufbauend für dieses Biopic.

Stan & Ollie.GB/Kanada/USA 2019. Regie: Jon S. Baird. 98 Min.

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