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Eine stilvolle Fassade als klassische Absprungbasis.

„Spider-Man: Far From Home“

„Spider-Man: Far From Home“: Wie in einem Spiegel

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Wenn die Effekte Nebensache werden: Der Sommer-Blockbuster „Spider-Man: Far From Home“ ist vor allem ein hinreißender Teenagerfilm.

Wie lange muss man verstorbene Serien-Helden betrauern, obwohl ihre Auferstehung doch wohl unvermeidlich ist? Schon Sir Arthur Conan Doyle, der Autor von Sherlock Holmes, machte die Erfahrung, dass man die Gans, die goldene Eier legt, zwar vielleicht schlachten kann. Aber danach doch besser reanimiert.

An der High School im New Yorker Stadtteil Queens, wo dieser Film beginnt, hat man für den verstorbenen „Iron Man“ Tony Stark ein so schmalziges Gedenkvideo zusammengestellt, dass man kaum ernst bleiben kann. Und wohl auch nicht soll: Mit „Spider-Man: Far From Home“ kommt endlich wieder einmal ein Marvel-Film ins Kino, der sich daran erinnert, dass „Comic“ ursprünglich von „komisch“ kommt. Nur zehn Wochen nach dem pathetischen Finale von „Avengers 4: Endgame“ ist schon wieder Schluss mit Schluss im „Marvel Cinematic Universe“ – und es darf wieder gelacht werden.

Alles deutet darauf hin, dass der prominenteste der anwesenden Oberschüler, die da zum Whitney-Houston-Song „I Will Always Love You“ Kullertränen für den Eisenmann vergießen, sein Nachfolger werden wird – Peter Parker, Eingeweihten auch bekannt als Spider-Man. Vererbt hat ihm der Meister eine interaktive Brille mit spezieller Sprachsteuerung – eine Art Super-Siri, die ihm zum Beispiel Zugriff verschafft auf im All geparkte Drohnen. Zu dumm nur, dass sich der vom Tom Holland gespielte Teenager gerade in einer Entwicklungsphase befindet, in der Schulnoten und Superkräfte plötzlich zweitrangig werden.

Warum dauern Comicverfilmungen immer weit über zwei Stunden? 

Hals über Kopf hat er sich in seine Mitschülerin MJ verliebt. Man kann es ihm nicht verdenken. Wie im Vorgängerfilm „Spider-Man: Homecoming“ wird sie gespielt von der auch als Sängerin bekannten Zendaya, einem der vielen Stars, die ihre Entdeckung einer Disney-Serie verdanken, „Shake It Up – Tanzen ist alles“. Es gehört schon ein gewisses Wohlwollen dazu, zwei 22-Jährige bei den ungelenken Annäherungsversuchen von Erstverliebten zuzuschauen, aber so ist das wohl gerade in USA: Nichts gegen Teenagerromanzen im Film, nur volljährig sollten sie sein. Die Erklärung für den Altersunterschied liefern die Anfangszenen in Nachrichtenausschnitten: Schurke Thanos hatte einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung für fünf Jahre weggeschnipst.

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Während man sich sonst oft fragt, warum Comicverfilmungen immer weit über zwei Stunden dauern müssen, gibt Regisseur Jon Watts eine gute Antwort: Er verzahnt einfach zwei Filme in einem. Der erste ist ein klassischer Teenagerfilm über eine Klassenfahrt durch europäische Metropolen. Und nur der zweite ist der typische Sommer-Blockbuster um einen jungen Mann im Spinnenanzug, der sich zugleich als potenzieller Nachfolger des Iron Man als primus inter pares unter den Avengers bewähren muss.

Reizvoll sind besonders die Schnittstellen

Niemand, der nur einen der beiden Filme sehen möchte, wird sich beklagen – beide sind auf eine überraschend unschuldige Art charmant. Wie auch das bescheidene Projekt, das sich Peter Parker für die Reise vorgenommen hat: MJ auf der Plattform des Eiffelturms seine Liebe zu gestehen. Sein immer wieder herrlich ausgespieltes Unvermögen, den dafür nötigen Heldenmut zusammenzubekommen, wird pointiert durch die um so sorglosere Liebesgeschichte zweier Nebenfiguren wie aus einer Mozartoper: Peters pummeligen Freund Ned (Jacob Batalon) und seiner attraktiven Freundin Betty (Angourie Rice).

Reizvoll sind besonders die Schnittstellen der beiden hier verwobenen Genres. Als sich während einer Busfahrt mit der Klasse ein Nebenbuhler an seine Angebetete heranmacht, schickt ihm Peter Parker impulsiv erst mal eine Drohne aus dem Weltall an den Hals – die sich dann nur im allerletzten Augenblick mit Spider-Kräften aufhalten lässt.

Spiegelhafte Doppelrealität der ganzen Filmserie

Die Virtual-Reality-Brille als Fenster zum Waffenarsenal ist nur eine Metapher für die spiegelhafte Doppelrealität der ganzen Filmserie: Wenn man es nicht gleich mit parallelen Welten zu tun hat, so zumindest mit holografisch simulierten Katastrophen. Der von Jake Gyllenhaal mit der schmierigen Eleganz eines Piratenkapitäns verkörperte Antiheld Mysterio, der alles daran setzt, Peter Parker seine frisch erworbenen Iron-Man-Insignien abzuluchsen, ist ein Meister darin. Ob London, Paris oder Prag – keine Sehenswürdigkeit ist vor seinen inszenierten Attacken sicher. Es geht zu wie in den goldenen Zeiten der japanischen Monsterfilme, als die Kulturschätze der Welt von Riesenechsen aus dem Weltraum zertrampelt wurden.

Denn auch filmästhetisch haben die Marvelfilme ja stets mehrere Gesichter: In geradezu musealem Eifer halten sie klassische Genres lebendig wie den Kriegsfilm („The First Avenger“), das Politdrama („The Return Of the First Avenger“) oder sogar den Propagandafilm („Captain America“). Der spielerische Charme, den das ganze Spektakel verströmt, erlaubt auch eine weniger fetischisierende Haltung gegenüber den Spezialeffekten: Wen kümmert es, wenn eine Katastrophenszene etwas unecht (in der Animatorensprache: schlecht „gerendert“) aussieht, wenn sie sich ohnehin später als Simulation erweist? Das überzeugendste Spiel mit dem Schein ist bekanntlich ohnehin die Schauspielerei: Wie hier Überzwanzigjährige als Teenager brillieren, das hat schon etwas vom Reiz der „Feuerzangenbowle“.

Der Film

Spider Man: Far From Home. USA 2019. Regie: Jon Watts. 129 Min.

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