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Fionn Whitehead als Gyllen.

„Roads“

Neu im Kino „Roads“: Zwei auf gleichem Weg

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Sebastian Schippers erste Regiearbeit seit „Victoria“ erzählt von einer Jugendfreundschaft vor dem Hintergrund von Fluchtbewegungen.

Wer sich fragt, warum deutsche Filme so selten im Ausland reüssieren, sollte sich vielleicht die wenigen Erfolge anschauen: Es war die offensichtliche Originalität, die Sebastian Schippers „Victoria“ in den USA zu einem Kulthit machte. Mit nur einer einzigen Kameraeinstellung schien dieses nächtliche Drama die ganze Dynamik Berlins einzufangen. So wie es vor gut zwei Jahrzehnten Tom Tykwers „Lola rennt“ durch seine eigene Originalität gelungen war.

In „Roads“, Schippers Nachfolgefilm, verzichtet er auf einen so rasanten visuellen Stil, was die amerikanische Kritik im vergangenen April nach der Weltpremiere bei New Yorks Tribeca-Filmfestival auch bei allem Wohlwollen nicht ganz ohne Bedauern anmerkte. Aber dieser Coming-of-Age-Film vor dem Hintergrund der sogenannten Flüchtlingskrise vermeidet wohl nicht von ungefähr eine ähnlich artifizielle Form.

Freundschaft in aller Unbefangenheit: William (l.) und Gyllen.

Die einfache Struktur eines Roadmovies ist Schipper gerade recht, um von der Annäherung zweier Jugendlicher und ihren ungleichen Fluchten zu erzählen. Der 18-jährige Gyllen – gespielt von Fionn Whitehead, dem Helden aus „Dunkirk“ – klaut im Marokko-Urlaub vom Stiefvater die Familienkutsche, ein sehr schickes Wohnmobil, um damit seinen leiblichen Vater in Frankreich zu besuchen. Auf einem Parkplatz trifft er den 17-jährigen William, einen geflüchteten Kongolesen (Stéphane Bak), der seinen Bruder finden will, der aus Calais ein letztes Lebenszeichen schickte.

Andere Filmemacher würden das heikle gemeinsame Passieren der spanischen Grenze zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte machen, doch für Schipper ist es nur eine lustige Begleiterscheinung: Er lässt die Jugendlichen einen von Moritz Bleibtreu gespielten, leider nicht ganz vertrauenswürdigen Hippie kennenlernen, der das Auto fährt. Doch für Schipper geht es weniger um Spannung. Sein zentrales Thema ist die Selbstverständlichkeit und Grenzenlosigkeit der jugendlichen Freundschaft. Sie bestimmt die heiter-melancholische Stimmung und lässt die nicht immer überzeugenden Details vergessen.

Auch wenn es nur indirekt um die politischen und menschlichen Katastrophen der Gegenwart geht, ist die Aussage doch allgegenwärtig: Könnte man die Hysterie und Paranoia der letzten Jahre ersetzen durch diese jugendliche Unbefangenheit, scheint sich der Film zu fragen. Um die Antwort gleich zu geben: Es gäbe gar keine Flüchtlingskrise. Und der Rechtspopulismus wäre sein zentrales Thema los.

Roadmovies können wie kaum eine andere Filmform das Dokumentarische in den Spielfilm einfließen lassen. Schließlich bewegen sich ihre Helden in der fotografierten Wirklichkeit. So werden sie vielfach zu wichtigen Zeitdokumenten. „Roads“ ist das schon jetzt – als einer der wenigen populären Filme, die sich überhaupt diesem für unsere Zeit so zentralen Thema stellen.

Roads. F/D 2019. Regie: Sebastian Schipper. 99 Min.

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