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Amanda (7) und ihr Onkel David (24): Isaure Multrier und Vincent Lacoste.

„Mein Leben mit Amanda“

„Mein Leben mit Amanda“ – Rückkehr ins Leben

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Ein später Klassiker: Mikhaël Hers zärtlicher Familienfilm „Mein Leben mit Amanda“ über Trauerarbeit nach einem Gewaltverbrechen.

Das französische Kino hatte stets eine besondere Beziehung zu Kindern. „Frauen und Kinder zuerst“, war das Motto von François Truffaut, der in seinen Filmen den Nachwuchs mit einer Würde zeichnete, die er selbst in seiner Jugend vermisst hatte.

Viele andere französische Filmemacher ließen sich aufzählen, die das ähnlich sahen, Jean Vigo, Albert Lamorisse, Jacques Doillon zum Beispiel. Und Mikhaël Hers: Sein Film „Mein Leben mit Amanda“ empfängt sein Publikum mit der gleichen Wärme und Lebensfülle, die etwa Truffauts Klassiker „Taschengeld“ auszeichnet. Er sieht auch so ähnlich aus in der warmen Körnung des 35-mm- und Super-16-mm-Materials, das man im cinephilen Frankreich noch immer gern zum Einsatz bringt.

Wir lernen die siebenjährige Titelfigur (Isaure Multrier) aus der Sicht ihres 24-jährigen Onkels David kennen (Vincent Lacoste), des Bruders ihrer Mutter. Auch wenn der Film im Original nur „Amanda“ heißt, wird der Film von beiden erzählen und der Entwicklung ihrer Beziehung. Denn nach einer unbeschwerten halben Stunde ist Amandas Mutter plötzlich tot – ein Attentäter hat in einem Pariser Park wild um sich geschossen.

Auch wenn man nur in einer stummen Szene die Folgen des Anschlags sieht, sollten sich Eltern von Sechsjährigen, für die dieser Film bereits freigegeben ist, gut überlegen, ob er für sie geeignet ist. Das Einstufungssystem der FSK scheitert regelmäßig an Filmen, die – wie dieser – kaum unter acht Jahren gesehen werden sollten, aber idealerweise unter zwölf. Denn einen so klugen, zärtlichen und lehrreichen Film über Trauerarbeit gibt es nur ganz selten, für Erwachsene und erst recht für Kinder oder wie in diesem Fall für jedes Alter.

Vincent, der bis dahin größeren Verantwortungen aus dem Weg gegangen ist, weicht Amanda nicht von der Seite. Wie lange wird es dauern, bis das Mädchen wirklich die ganze Dimension des Verlustes verstanden hat, die erst langsam in ihr Bewusstsein rutscht? Und wie kann sich David, der den Tod seiner Schwester in einem öffentlichen Park nur um Sekunden verpasste, gleichzeitig seiner eigenen Traumatisierung stellen? Jeder der gemeinsamen Freunde der Toten braucht seine eigene Zeit zu trauern. Und jedes Mal, wenn er mit Amanda darüber sprechen will, weicht sie sofort aus.

In der vollkommen unsentimentalen, unmelodramatischen Inszenierung ist wenig Zeit für Tränen. Wann nimmt sich ein Filmdrama über den Tod schon einmal Zeit für die heilende Kraft der Verdrängung, die Trauernde manchmal sogar an ihrem eigenen Schmerz und ihrer Leidensfähigkeit zweifeln lässt?

Man fragt sich zunächst, ob man denselben Film vielleicht auch über einen alltäglichen Unfalltod hätte drehen können und ob es wirklich einer solchen Gewalttat bedurft hätte. Aber gerade die damit einhergehende Befreiung von jeder Sinnsuche lässt ein so abstraktes Phänomen wie Trauer erst besonders sichtbar werden. Und wenn es der Pariser Terroranschläge bedurfte, um einen derart allgemeingültigen Film zu inspirieren, dann konnte diese Geschichte auch gar nicht anders erzählt werden.

In jedem Fall setzt er mit dieser fiktiven Geschichte auch den Opfern solcher Katastrophen ein sehr diskretes Denkmal. In seinem Verzicht auf alles Äußerliche, der unaufdringlichen Schönheit der Filmkamera (Sebastien Buchmann) und der kostbaren Pracht der nur punktuell aufscheinenden Filmmusik (Anton Sanko) wirkt dieses Drama wie ein vergessener Klassiker. Jede Zeit hätte diesen wichtigen Film über eine Rückkehr ins Leben gebrauchen können, schön, dass es ihn jetzt gibt.

Mein Leben mit Amanda.F 2018. Regie: Mikhaël Hers. 107 Min.

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