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„Wie wenn Jungs zum Spielen gehen“: Szene aus „They Shall Not Grow Old“. 

„They Shall Not Grow Old“

„They Shall Not Grow Old“ im Kino: Die Zeitmaschine

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Peter Jackson hat aus Stummfilmfragmenten ein beeindruckendes Panorama des Ersten Weltkriegs geschaffen.

Den Ersten Weltkrieg als den ersten Multimedia-Krieg zu bezeichnen, wäre wohl eine Untertreibung. Viele bis in unsere Zeit grundlegenden Innovationen in den Bildmedien sind untrennbar mit diesem Sujet verbunden wie etwa die Popularisierung der Farbfotografie und der Fotomontage. Selbst die berühmteste deutsche Filmgesellschaft, die Ufa, verdankt ihre Gründung einem Propagandaauftrag der obersten Heeresleitung.

Imponierende Bildbände und Dokumentarfilme haben in den letzten Jahren aus diesem visuellen Erbe geschöpft, aber kaum in solch atemberaubender Opulenz wie Peter Jacksons Film „They Shall Not Grow Old“. In den Beständen des Londoner Imperial War Museums hat er das Material zu einer epischen Bild- und Tonmontage gefunden, das schon für sich betrachtet imponierend ist. Die Audiospur besteht aus Erinnerungsfragmenten unzähliger Kriegsteilnehmer, während auf der Leinwand Filmfragmente den Millionen Kriegsteilnehmern Gesichter geben. Jackson sucht nach dem Individuum in der Masse, dem verborgenen privaten Moment in der offiziellen Darstellung. Weniger geht es ihm um eine Sammlung der wichtigsten Kriegsereignisse; er nutzt das visuelle Material wie eine Tür zu einer verlorenen Welt.

Er sieht sich in ihr um, wie die Helden von H. G. Wells Roman „Die Zeitmaschine“. Und hier beginnt seine eigentliche Arbeit, das, was er am besten kann: Schon für seine Filmserie „Der Herr der Ringe“ hatte Peter Jackson die visuellen Möglichkeiten der digitalen Bildmanipulation entscheidend weiter entwickelt, bis man nicht mehr sagen konnte, welche Landschaften er in Neuseeland gefunden und welche ein Heer von Animatoren erschaffen hatte.

Nun restauriert und manipuliert er das Bildmaterial in einer Detailliertheit, die jeden Rahmen sprengt. Dabei kümmert es ihn nicht, die ethischen Grenzen seriöser Museumsarbeit hinter sich zu lassen. Nicht, dass er die Bilder verfälschen möchte: Er möchte sie nur realistischer erscheinen lassen als sie jemals waren. Ist das noch erlaubt?

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Wenn er Kratzer und Staub entfernt, bewegt er sich noch auf dem Boden seriöser Restaurierung. Doch je weiter die Reise in die Vergangenheit geht, desto radikaler ist die Veränderung. Schwarzweißfilme werden koloriert, aber nicht frei, sondern streng nach dem Vorbild der historischen Farbfotografien. Ihre Auflösung wird derart gesteigert, dass sie nun die breite Leinwand füllen. Und als wäre das nicht genug, konvertiert Jackson die zweidimensionalen Aufnahmen noch in die dritte Dimension.

Es heißt, dies sei sein erster Dokumentarfilm, aber das stimmt nicht ganz. Genau genommen ist dies seine zweite „mockumentary“: 1995 drehte er „Forgotten Silver“, die täuschend echt simulierte Geschichte einer Schatzsuche nach angeblichen Filmfunden aus der Stummfilmzeit. Hier hingegen liegt Jacksons Phantasie an einer selbst angelegten Kette: Die Emotionalität und Fragilität der Audioaufnahmen erdet auch seinen Umgang mit den Bildern, lässt das Spektakel nicht zum Selbstzweck werden. Dabei sind nicht nur traumatische Erlebnisse zu hören. Nicht wenige der Veteranen haben den Krieg auch in überraschend, ja erschreckend guter Erinnerung: „Es war wie wenn Jungs zum Spielen gehen“, sagt ein alter Mann.

Auch Peter Jackson ist ein kleiner Junge, der mit dieser gewaltigen elektrischen Eisenbahn spielt, als die Orson Welles einmal das Kino bezeichnete. Man kann die Freude daran angesichts dieses Themas frivol finden, aber auch ein Schlachtenmaler muss seine Arbeit lieben, um sie zu verrichten.

Noch heute schickt das Imperial War Museum Künstler in Kriege, die natürlich inzwischen oft nicht mehr mit dem gefüllten Aquarellblock, sondern mit Multi-Media-Installationen nach Hause kommen. So muss man auch Jacksons Monumentalgemälde von einem Film betrachten.

In Großbritannien wurden Kopien des Films an jede Oberschule verschickt, wo sie allerdings wohl weniger im Kunstunterricht als zur Geschichtsvermittlung eingesetzt werden. Ist das noch seriös? Es ist auf jeden Fall sehenswert, nicht nur für den hohen Grad an Simulation. Es ist ein neuer Weg, das visuelle Erbe, die Anmutung alter Bildmedien einem gegenwärtigen Publikum zu vermitteln. Gerade in den verschiedenen Graden von Erhaltung und Bearbeitung. Und somit auch ein wichtiger Beitrag zur Filmgeschichte.

Der Film

They Shall Not Grow Old . Dokumentarfilm. GB, Neuseeland 2018. Regie: Peter Jackson. 99 Min.

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