+
Sie erprobt ihre Reflexionen an einer Vielzahl von Männern: Marie Rathscheck als melancholisches Mädchen.

„Das melancholische Mädchen“

„Das melancholische Mädchen“ im Kino: Mit Audrey Hepburn-Pose gegen den Biedermeier

  • schließen

Mit ihrem Film erneuert Susanne Heinrich das gesellschaftskritische Autorenkino.

In Cannes, wo man zuletzt wieder mal ohne einen deutschen Film dastand, war sie wieder deutlich zu spüren, diese merkwürdige Unsicherheit unserer Kinobranche. Dabei geht es uns immer noch besser als den meisten anderen Filmländern, denen ebenfalls die Zuschauer wegen der Konkurrenz von Netflix und Co. wegbleiben. Denn wenn bei uns ein Millionen-Prestigeprodukt bei Publikum und Kritik floppt wie etwa zuletzt Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“, kann man das in vielen Fällen sogar erklären. Die Filme sind dann einfach oft auch nicht besonders gut. Und wenn daneben die Dutzendkomödie, die früher vielleicht trotzdem erfolgreich war, ihr Publikum nicht mehr findet, ist das durchaus heilsam. Wie eben diese ganze gar nicht so merkwürdige Unsicherheit.

Aktuelles: „Joker“ startet im Kino – Ein Clown ohne Batman und mit Anleihen beim Taxi Driver

Was das deutsche Kino gerade am meisten braucht, ist das, was selbst kleinere Länder oft regelmäßig ausstoßen: kleine, richtig gute Autorenfilme. Filme wie „Das melancholische Mädchen“.

Geistreiche Autorenfilme sind selten geworden

Und wo findet man so geistreiche Autorenfilme, die echte Zeitgenossenschaft beweisen? Die originell sind und ihr Publikum intellektuell ernst nehmen? Welch Wunder, bei einer Autorin wie Susanne Heinrich. Irgendetwas hat die 33-jährige Schriftstellerin, die mit Preisen überschüttet wird, seit sie 17 ist, vor ein paar Jahren geritten, ihr angefangenes Literaturstudium gegen ein Filmstudium einzutauschen. Prompt gewann sie mit ihrem Berliner Abschlussfilm den Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken. Die 14 Szenen, in denen ihre Titelfigur schonungs- und (selbst)mitleidslos über die Krise der geistigen Verfasstheit unserer Zeit sinniert, sind folglich zunächst einmal gut geschrieben. Aber stets mit der Leinwand im Blick.

„Im Film muss immer etwas passieren“, sagt Marie Rathscheck als „das melancholische Mädchen“ gleich zu Beginn und raucht dabei eine Zigarette in der Pose von Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“. „Melancholischen Mädchen aber passiert nichts. Ich meine, sie laufen herum, sie reden, sie haben Sex. Aber das Eigentliche, die Katastrophe, ist immer schon passiert... Sie werden keine besseren Menschen. Sie bewegen sich nicht von A nach B...“

Lesen Sie auch unsereFilmkritik zu „They Shall Not Grow Old“: Die Zeitmaschine

Dieser Film handelt von der Identifikation mit einer Pose unfehlbarer Mädchenhaftigkeit, die seit fast zwei Jahrzehnten durch die Popkultur geistert. Wer hätte etwas gegen die modernen Holly Golightlys in ihrer selbstbestimmten Verhuschtheit einzuwenden, allseits bewundert in ihrer Selbstbestimmtheit und in ihrer Coolness immer aus dem Schneider? Susanne Heinrich aber gibt dieser Projektionsfläche ihre Anstößigkeit zurück, sie gibt ihr eine Stimme. Was sie attackiert, ist die Indifferenz einer Kultur, in der selbst die Kunst niemanden mehr schockieren will.

Zwischen Pelzmantel und Südsee-Tapete

Nach dieser medientheoretischen Warnung, vorgetragen fast ausdruckslos und lediglich äußerlich lasziv im unten herum offenen Pelzmantel vor einer Südsee-Tapete, erwarten wir einen denkbar ereignislosen Film. Tatsächlich aber wurde Süffisanz im Dialog selten so prächtig und spektakulär inszeniert. Das melancholische Mädchen wird als Schriftstellerin mit anhaltender Schreibblockade eingeführt. Das hindert sie nicht, ihre Reflexionen an einer Vielzahl von Männern zu erproben, bei denen sie mangels eigener Bleibe einkehrt.

Bei allen Unterschieden in Typ und Alter wirken diese Männer doch wie Modelle der gleichen Marke – kultiviert und respektvoll – und bis zur Selbstverleugnung um eine perfekte Performance bemüht. „Es gibt nichts Traurigeres, als wenn der Junge am Ende sein Kondom zusammenknotet, und es diskret in den Mülleimer wirft.“

Mehr Schwänze sah man im Mainstreamkino selten

Es wäre leicht, sich über diese Mannsbilder lustig zu machen, etwa indem man ihnen dümmliche Dialoge in den Mund legte. Heinrich aber behandelt sie mit Würde. Sie nimmt ihnen ihre langweilige Devotheit dem weiblichen Geschlecht gegenüber nicht persönlich übel. Es reicht vollkommen, sie so aufreizend zu fotografieren, wie es das klassische Kino gerne mit Frauen tat. Mehr Schwänze sah man im Mainstreamkino selten.

Aber auch die Frauen werden für die gegenwärtige Epidemie der Langeweile in Sippenhaft genommen. „Willkommen im neuen Biedermeier“ lässt die Regisseurin ihre Filmfigur eine Episode über Mutterschaft und Babyneid kommentieren. Und wieder reflektiert sie über das eigene Medium, in diesem Fall das feministische Kino: „Ich habe neulich einen Film von Helke Sander gesehen. Die Frauen darin waren aufgeklärter, weniger unterdrückt und irgendwie nicht so blutleer wie wir.“

Es fällt schwer, diesen Film zu loben

Tatsächlich erlebt die 82-jährige Helke Sander seit ein paar Jahren eine mehr als verdiente Wiederentdeckung im Kunstbetrieb; Susanne Heinrich knüpft nicht nur in der unorthodoxen Behandlung der feministischen Thematik, sondern auch in ihrem experimentellen Filmstil an das große Vorbild an: Ein befreiender Anti-Naturalismus im Sprachduktus und eine verspielte Musikalität prägen ihren Film. Grandios auch das Vermeiden popkultureller Allgemeinplätze im Design bis hin zum unorthodoxen Charakter der Filmmusik, arrangiert als Bigband-Jazz.

Es ist schwer, diesen Film zu loben, ohne damit in eine der vielen Fallen zu tappen, die er all jenen aufstellt, die glauben, immer den richtigen Ton zu finden. Da erzählt die Protagonistin einmal ihrem Psychologen von einer ihr im Traum gehaltenen Laudatio. Die klingt bereits fast genauso wie jene Lobrede, die Heinrichs Film dann tatsächlich beim Max-Ophüls-Preis bekommen hat: „Ein Filmkunstwerk, das in beschwingtem und elegantem Ton, mit präzisen analytischen Worten und in pastellfarbenen, minutiös durchgestalteten Bildern die Odyssee einer jungen Frau im Dazwischen des postmodernen Kultur- und Identitätsüberflusses erzählt.“ Nichts gegen salbungsvolle Worte. Aber nein, eine Odyssee ist diese Anti-Heldinnenreise ja nun gerade nicht. Und Eleganz trifft den lustvollen „Camp“ dieser Farben auch nicht wirklich. Allein: Wann hat man zuletzt so viel Spaß an Nacktheit im Kino gehabt?

Der Film

Das melancholische Mädchen. D 2019. Regie: Susanne Heinrich. 80 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion