Kinostart

„Der göttliche Andere“: Übersinnliche Liebesgeschichte im Vatikan

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Jan Schomburgs übersinnliche Liebesgeschichte „Der göttliche Andere“ mit Schauspieler Callum Turner erzählt von einer Romanze im Vatikan.

  • Jan Schomburgs Film „Der göttliche Andere“ startet in den Kinos
  • In der Hauptrolle spielt Callum Turner die Rolle des Fernsehmoderators „Gregory“
  • Die übersinnliche Liebesgeschichte spielt im Vatikan in einer Periode der geistlichen Führungslosigkeit

Am 19. April 2005, dem Tag, an dem die „Bild“-Zeitung mit der noch gut erinnerten Schlagzeile „Wir sind Papst“ aufwartete, entschied sich die britische „Sun“ für eine etwas direktere Wortwahl: Mit der Zeile „From Hitler Youth to Papa Ratzi“ fasste sie den Lebensweg des künftigen Papstes zusammen und gab diesem einen Spitznamen.

Gesegnet mit ähnlichem Schnodderton moderiert in Jan Schomburgs Komödie „Der göttliche Andere“ ein Fernsehmoderator das Warten auf weißen Rauch bei einer Papstwahl im Vatikan. Vor dem Hintergrund dieser traditionell von hohem Medienecho begleiteten Periode geistlicher Führungslosigkeit hat der deutsche Regisseur seine übersinnliche Komödie mit internationaler Besetzung angesiedelt.

Man versteht nicht ganz, woher dieser Gregory kommt und wie er zum exklusiven Medienauftrag gekommen ist. Denn leider ist Schomburgs erste internationale Produktion nur in synchronisierter Fassung zu sehen. Das hat zwar auch im italienischen Kino eine lange Tradition – schon Fellini ließ seine Darsteller manchmal beim Drehen Zahlenreihen aufsagen und überlegte sich den Text erst in der Synchronisation. Leider nur ist diese deutsche Fassung nicht besonders gut.

Callum Turner als Gregory und Matilda de Angelis als Maria in einer Szene des Films „Der göttliche Andere“.

„Der göttliche Andere": Mysterien und Wunder

Es ist die Sorte von Synchronisation, bei der Ausländer mit nachgemachten Akzenten gesprochen werden; eine Art akustisches „blackfacing“. Wie der indische Straßenjunge, der dem Medien-Pilger zwei Nägel vom Kreuz Christi für zehn Euro anbieten kann. Gregory spricht dagegen Hochdeutsch, was seine Herkunft erst recht zu einem Rätsel macht, denn Deutsche kommen in dieser Stefan-Arndt-Produktion nicht vor, nicht einmal als Papst. Sein Darsteller Callum Turner („The Only Living Boy in New York“) ist jedenfalls Brite.

Doch das eigentliche Mysterium steht dem Publikum noch bevor. Kaum hat Gregory die Nägel eingesteckt, da geschehen Zeichen und Wunder. Erst verliebt sich eine höchst attraktive angehende Ordensschwester in den bekennenden Ungläubigen, dann droht ein Türschloss am Hotelzimmer das Liebesglück zu vereiteln. Glücklicherweise ist die Nonne geübt im Knacken von Schlössern, jedenfalls wenn ihr so spitze Gegenstände wie Kreuzesnägel zur Verfügung stehen.

Na, Gott sei Dank. Doch der lässt sich nicht so ohne Weiteres eine Nonne ausspannen. Als dem Moderator die Worte versagen und er sein Gehirn untersuchen lässt, sieht das MRT aus wie das Turiner Grabtuch.

Liebeschemie? Leider nicht

Fast vergessen ist zu diesem Zeitpunkt, in Minute 51 der romantischen Komödie, ihr eigentlicher Anlass – das Warten auf „Habemus Papam“. Auch wenn Schomburg noch einmal in den Vatikan zurückfindet und dabei sogar Gregory einen Moment unverhoffter Einkehr gönnt, hat sie doch etwas weit Bedeutenderes auf dem Weg versäumt: zwischen dem Liebespaar eine Art von ansteckender Chemie anzuzetteln.

Doch so lange er dem männlichen Protagonisten nur witzelnde Dialoge gönnt und ihn von der Rolle des blasierten Journalisten ohne Übergang in die des hilflosen Opfers höherer Mächte stolpern lässt, bleibt die Romantik auf der Strecke. Die Frauenfigur bleibt blass und bekommt keine Gelegenheit, begreiflich zu machen, was sie an dem arroganten Schnösel überhaupt so liebenswert findet. Ihre wunderbare Darstellerin Matilda De Angelis, in Italien durch den Rennfahrerinnenfilm „Schnell wie der Wind“ 2016 über Nacht zum Star geworden, kann gegen dieses Defizit nicht anspielen. Dabei hat sich Schomburg mit seiner metaphysischen Liebesgeschichte „Vergiss mein Ich“ ja schon als Meister im Genre der metaphyischen Liebesgeschichte erwiesen. Ach, wenn dies nur eine wäre.

Fazit: Es hätte so schön sein können

Doch das Übersinnliche ist nur aufgesetzte Zutat in diesem merkwürdig ortlosen Film, der an die neue Mode im Fernsehen erinnert, deutsche Krimis zur Abwechslung in Weltstädten wie Athen oder Amsterdam anzusiedeln.

Leider liefert Kameramann Florian Hoffmeister auch genau die erwartbaren Postkartenansichten dazu, vorzugsweise zur blauen Stunde und mit so kurzen Schärfentiefen, dass man es auch mit der Ausstattung oder den Statisten nicht mehr so genau nehmen muss. Und als gäbe es dann immer noch etwas zu verbergen oder übertünchen, werden Gute-Laune-Songs der Band Bonaparte unterlegt, die ein wenig nach Paolo Conte klingen wollen.

Dabei hätte alles so schön sein können. Die Idee, in einem Satz erzählt, klingt fast nach Woody Allen: Gott wird eifersüchtig, als ihm jemand eine Nonne ausspannt. Daraus könnte noch mal etwas werden.

Der göttliche Andere . Italien/Dtl. 2020. Regie: Jan Schomburg. 91 Minuten.

Rubriklistenbild: © -/Warner Bros./dpa

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