Jean-Louis und seine alte Liebe, gespielt von Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimee. 	Wild Bunch/dpa
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Jean-Louis und seine alte Liebe, gespielt von Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimee.

Filmkritik

„Die schönsten Jahre eines Lebens“ im Kino: Spiralen der Erinnerung

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Claude Lelouchs neuer Film „Die schönsten Jahre eines Lebens“ gönnt Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant ein romantisches Wiedersehen.

  • Der französische Filmemacher Claude Lelouch kehrt mit einem Liebesfilm zurück ins Kino
  • Er beschäftigt sich in seinen Werken vor allem mit dem Timing, das die Liebe oft zu einer kniffligen Angelegenheit macht
  • In seiner speziellen Art des Filmemachens arbeitet er unter anderem mit Überblendungen und Handyaufnahmen

Claude Lelouch, der 82-jährige französische Filmemacher, ist fast so etwas wie ein Ein-Mann-Filmstudio. Soviel Handarbeit birgt auch Risiken: Als ihm vor zwei Jahren bei einer Urlaubsreise einige Taschen gestohlen wurden, verschwand darin auch das einzige Exemplar seines damals aktuell geplanten Films „Oui et Non“.

So spontan arbeitete er schon 1966, als er das Skript zu seinem Welterfolg „Ein Mann und eine Frau“ in nur 30 Tagen schrieb und dann in drei Wochen verfilmte. Schon zum zweiten Mal kehrt er nun mit einer Fortsetzung zurück zu dieser ebenso glückstrunkenen wie unerfüllten Liebesgeschichte.

„Die schönsten Jahre eines Lebens“: spezielle Art des Filmemachens kehrt zurück ins Kino

„Die schönsten Jahre eines Lebens“ bietet nicht nur ein Wiedersehen mit dem ehemaligen Rennfahrer Jean-Louis, der sich den Vornamen mit seinem Darsteller Trintignant teilt und dem von Anouk Aimée gespielten, ehemaligen Skript-Girl Anne; auch die Darsteller ihrer Kinder standen wieder zur Verfügung. Vor allem aber ist die Leichtigkeit dieser sehr speziellen Art des Filmemachens zurückgekehrt (bei sogar nur 13 Drehtagen), die uns heute, da die Kinos endlich wieder öffnen, umso herzlicher empfängt: Von der ersten Szene an, einer semidokumentarischen Momentaufnahme aus einem Altenheim, sammelt Lelouch wieder einmal Wärme und Schönheit, wo er sie finden kann – und montiert sie zu seinem ureigenen, improvisierten Ästhetizismus.

Es ist wohl das Ritz unter den modernen Altenheimen, eine Wellness-Oase mit liebenswürdigem Personal und einem Hauspianisten von der einschmeichelnden Art jenes Francis Lai, der mit der Filmmusik zum Originalfilm „Un homme et une femme“ einen Welthit landete. Aber wie der an Demenz leidende Jean-Louis seiner Besucherin anvertraut, ist es wie alle Altenheime auch ein Gefängnis, das zu Ausbruchsphantasien inspiriert. Die Frau, die er sich zur Komplizin für die Flucht auserkoren hat, erkennt er nicht mehr, aber sie ist ihm gleich sympathisch: Es ist natürlich Anne, die Liebe seines Lebens.

„Die schönsten Jahre eines Lebens“ im Kino: Lelouchs verarbeitet eigenes Lebensthema in seinen Filmen

Sein Sohn hat sie in einem kleinen Ort aufgespürt, wo sie nach ihrer abgebrochenen Filmkarriere, von der der zweite Film der Trilogie erzählte, einen Laden aufgemacht hat. Gerührt aber auch verwundert nimmt sie zur Kenntnis, dass ihr ehemaliger Liebhaber im Alter offenbar nur noch von ihr erzählt. Hatte der Pisten-Star nicht genug andere Geliebte in seinem kurvenreichen Leben?

Lelouchs eigenes Lebensthema als Filmemacher ist das Timing, das die Liebe zu so einer kniffligen und mitunter tragischen Angelegenheit macht. Einmal ließ er für seinen berühmten Kurzfilm „C’était un rendez-vous“ einen Autofahrer mit bedrohlicher Geschwindigkeit durch Paris rasen, nur um pünktlich sein Rendez-vous zu erreichen (jetzt hat er ein Stück daraus wieder eingeschnitten und enthüllt, dass es Jean-Louis gewesen sei, der es so eilig hatte). Und auch Lelouchs allerneuester, erst am 24. Mai gedrehter Internet-Kurzfilm „Le grand rendez-vous“ (auf autorevue.at) nimmt diese Idee noch einmal auf, wenn ein Ferrari die Strecken des wegen der Corona-Pandemie abgesagten Rennens von Monaco abrast.

Im Kino: Lelouch mischt Handyaufnahmen in seinen Film „Die schönsten Jahre eines Lebens“

Es dauert ein wenig, bis das Seniorenpaar auch in „Die schönsten Jahre eines Lebens“ zurück auf die Straße findet, nicht mehr im Rennwagen, sondern in Annes nostalgischer Ente. Die Geschlechterrollen haben sich dabei reizvoll vertauscht: Nun fällt ihr die dominierende Rolle zu, und die kantige Männlichkeit, die Anne einst an ihrem Freund bewunderte, ist einem fragilen Charme gewichen.

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Zwei Traumsequenzen bereiten die Ausbruchsphantasie vor, schließlich fließen Vision und Wirklichkeit in Lelouch-typischer Manier ineinander. Das einfache Stilmittel der Überblendung wurde für Künstler wie ihn erfunden. Dass und wie er dabei alles mit allem harmonieren lassen konnte, wurde auch oft kritisiert. Jetzt mischt er sogar einfachste Handyaufnahmen mit den eleganten 35mm-Filmszenen von 1966 – was überraschend gut aussieht.

„Die schönsten Jahre eines Lebens" im Kino: Lelouch hat ein Händchen für subtile Alltagsbeobachtungen

Im Motiv der Demenz findet Lelouch eine Metapher für das unvorhersehbare Überblenden von Erinnerung und Gegenwart. Auch erlaubt sie ihm, aus dem Wiedersehen des Paars abermals ein romantisches Geheimnis zu machen – ohne den geistigen Verfall zu verklären. Immer wieder verguckt sich Jean-Louis aufs Neue in die vertraute Unbekannte – und in die eigene Erinnerung: Eine typische Geste von Anne wie das Sich-durchs-Haar-Streichen, belegt Lelouch sogleich durch einen Ausschnitt aus dem alten Film.

Nicht nur die Demenz, auch das Kino ist ganz groß darin, Vergangenes aus dem Boden des Bewusstseins nach oben zu spülen und ganz aktuell erscheinen zu lassen. Der Dialogautor Lelouch hatte stets ein Händchen für subtile Alltagsbeobachtungen, die er hier aus dem durcheinander gewirbelten Erinnerungen seines Helden wie kleine Diamanten aufblitzen lässt.

Vor ein paar Jahren wurde bekannt, dass Lelouch bei jedem seiner Filme eine Extra-Szene gedreht hat, um sie zum Abschluss seiner Karriere zu einem weiteren, großen Film zusammenfügen lassen. Soweit ist es aber noch nicht, erst einmal kommt diese Woche sein 43. Werk ins Kino. Schön, dass es uns nach der monatelangen Schließung wieder hat.

Die schönsten Jahre eines Lebens.  Frankreich 2020. Regie: Claude Lelouch. 90 Min.

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