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Sammlerinnen von Erfahrungen: Mina Farid (l.) als Naima und Zahia Dehar als Sofia.

„Ein leichtes Mädchen“

„Ein leichtes Mädchen“ – eine Sommerkomödie mit ernstem Subtext

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Rebecca Zlotowski gelingt mit dem Film „Ein leichtes Mädchen“ eine federleichte Sommerkomödie mit überraschend-politischem Subtext.

Filmfestivals lieben es, ab und zu einen Film zu zeigen, der an ihrem Ort gedreht wurde. Den beliebten Drehorten Berlin und Venedig fällt das relativ leicht, Cannes schon deutlich weniger. Auch möchte sich das renommierteste aller Festivals kaum nachsagen lassen, einen Film nur aus Lokalpatriotismus ins Programm genommen zu haben.

Im letzten Mai, als es bereits so heiß wie im Hochsommer war, tauchte in Cannes dieser Film auf, der nun, gewissermaßen zur Verabschiedung des Sommers, in unsere Kinos kommt. Programmiert im renommierten Parallelprogramm der „Quinzaine des réalisateurs“, entfachte Rebecca Zlotowskis Film „Une fille facile“ eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit. Für die einen war er das mit Spannung erwartete Schauspieldebüt des ehemaligen Lagerfeld-Models Zahia Dehar, das in Frankreich mit 18 Jahren durch eine Prostitutionsaffäre bereits zu einer Medienberühmtheit geworden war. Für andere, die nie von Dehar gehört hatten, war es eine Etüde in kunstvoll gearbeiteter Leichtigkeit, nicht schwerer als eine leichte Sommerbrise, aber versehen mit einem bittersüßen Unterton. 

Dabei verdankt diese Coming-of-Age-Geschichte, die aus der Perspektive einer 16-jährigen von den materialistisch gefärbten Flirts ihrer 22-jährigen Cousine erzählt, ihr Entstehen einem weit ernsteren Thema, der Missbrauchsdebatte um den Produzenten Harvey Weinstein. Nicht zuletzt war Cannes, wie es seine Anklägerin Asia Argento formulierte, sein Jagdrevier.

Die Ambivalenz eines verlogenen Tauschhandels 

In einem Essay zu ihrem Film schreibt Zlotowski, wie sie sich durch die Affäre an einen Zeitschriftenartikel erinnert fühlte, der in Ich-Form vom Sommer zweier junger Frauen an der Côte d’Azur erzählte. „Sie berichteten von den verheirateten Männern, die sie kennenlernten, von den Luxusyachten und dem Tauschhandel, der sich in der Folge entwickelte: Geschenke, Einladungen, Abendessen gegen die einvernehmliche Präsenz der jungen Frauen, ihrer Körper, Nächte voller Partys und Sex. Aber der Artikel überraschte mich, denn obwohl ich das Ganze beinahe gegen meinen Willen unter moralischen Gesichtspunkten sehen wollte, beschrieb die junge Frau einen zauberhaften Sommer, der sich angefühlt habe wie eine einzige Streicheleinheit, sehr zivilisiert und romantisch, und das, obwohl die Beziehungen zu diesen Männern ja durchaus verlogen und heuchlerisch waren.“

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Es geht auch in ihrem Film nicht um Missbrauch, sondern im Gegenteil um die von der älteren Cousine bewusst gesuchte Verbindung aus Sex und Luxus. Der altmodische Titel „Ein leichtes Mädchen“ macht sich ironisch die moralisierende Sicht auf ein durchaus selbstbestimmtes Frauenbild zu eigen, wie er aus Filmen der fünfziger Jahre und frühen Sechziger spricht. 

„Die Sammlerin“  von Rohmer als Vorbild 

Wenn der Film scheinbar nostalgisch mit der Voice-over-Erzählung der jüngeren Naïma (Mina Farid) beginnt, zitiert die Regisseurin bewusst den literarischen Ton klassischer Nouvelle-Vague-Filme. Eric Rohmers Klassiker „Die Sammlerin“ hat sie sich direkt zum Vorbild genommen. Ein Kunsthändler und sein Freund verbringen darin den Sommer in Südfrankreich, wo sie eine junge Frau kennenlernen, die einen Mann nach dem anderen verführt. Diese Männerbilder kehren nun in zwei Reisenden auf einer Luxusyacht wieder, die Verführerin wiederum in Sofia, die den Sommer über bei ihrer in Cannes lebenden Cousine zu Besuch ist. Schüchtern und bewundernd begleitet der in bescheidenen Verhältnissen lebende Teenager Naïma die erfahrene Cousine, die sich über mangelnde Aufmerksamkeit seitens des brasilianischen Yachtbesitzers nicht zu beklagen braucht.

Souverän dirigiert sie jede ihrer Avancen, genießt zugleich die Hingabe in der Sexualität. Als Naïma selbst Gefühle für dessen Freund und Mitarbeiter entwickelt, weist dieser sie auf Grund ihrer Jugend höflich zurück. Zlotowski inszeniert die Männer zwar als glanzlose, aber nicht als moralisch unanständige Vertreter des Jet-Sets. Das nimmt dem disproportionalen Verhältnis zu den jungen Frauen jeden falschen Glanz, kriminalisiert es aber auch nicht.

Blick auf Klischees sommerlicher Coming-of-Age-Romanzen

Ungebrochen ist dagegen der genretypische Reiz der warmen Sommerfarben, wie sie schon Rohmers Film und so viele andere an der Côte d’Azur gedrehte Filme auszeichneten. Doch auch hier hat die Regisseurin ein Mittel der subtilen Verfremdung parat, indem sie distanzierende Musik verwendet, insbesondere klassisch-moderne Komponisten wie Ravel und Poulenc. Das kontrastierende Verhältnis zwischen der Qualität der Musik und dem Einheitsgeschmack einer Yacht-Einrichtung, verleiht diesem Film eine delirierende Faszination. Und der Konflikt zwischen wahrem und falschem Pathos generiert eine wortlose Tiefe.

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Dass dieser ebenso intellektuelle wie sinnliche Film einen derart dekonstruierenden Blick auf die Klischees sommerlicher Coming-of-Age-Romanzen werfen kann, verdankt er aber auch seiner Hauptdarstellerin. Zahia Dehar bringt eine Realität in diesen Film, die in ihrer üblichen Erscheinungsform, in Reality-TV oder sozialen Netzwerken, stets untergeht. Der durch und durch selbstbestimmte Weg, den ihre Filmfigur wählt, ist von ihrer eigenen Biografie und Medienpersona beeinflusst.

Indem die Filmemacherin die Faszination dieser sozialen Aufstiegsutopien ernst nimmt, eröffnet sie auch einen politischen Kontext; hinter der beanspruchten Teilhabe am Luxus verbergen sich Fragen von Chancengleichheit und Umverteilung. Am Ende hat der kleine Film über ein paar sonnige Tage in Cannes doch erstaunlich viel im Gepäck.

Ein leichtes Mädchen.F 2019. Regie: Rebecca Zlotowski. 92 Min.

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