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Yoo Ah-in als Jongsu in einer Szene des Films „Burning“

„Burning“

Neu im Kino „Burning“: Brennendes Geheimnis

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Der Koreaner Lee Chang-dong hat mit der Murakami-Verfilmung „Burning“ einen modernen Klassiker geschaffen.

Gerade erst ging eine Goldene Palme nach Südkorea, die erste in der Geschichte von Cannes. Sie war lange überfällig. Schon seit Jahren bewundert man, wie das Kino dort Kunst und Professionalität in einem denkt. Es scheint breiter aufgestellt als irgendwo sonst, nichts gibt es, was hier nicht in großem Format erzählt werden könnte. Das Genrekino scheint noch eine breitere Akzeptanz zu haben als in den europäischen Filmländern, und so gibt es noch eine Lust, damit zu spielen. Doch je weiter sich die Geschichten von der Realität entfernen, desto echter wirken sie. Koreanische Filme besitzen oft eine Treffsicherheit und Allgemeingültigkeit, die immer wieder entwaffnet.

Lee Chang-Dongs „Burning“ - bester Film in Cannes

Schon letztes Jahr hätte die Goldene Palme nach Cannes gehen können, vielleicht sogar müssen – Lee Chang-Dongs „Burning“ war der möglicherweise beste Film im Programm, aber manchmal sehen Jurys eben den Wald vor lauter Bäumen nicht. So wie es in dieser Geschichte nicht einfach ist, alles auf einmal im Blick zu haben.

Schon die Handelnden scheinen nur einen Teil des Geschehens, in das sie involviert sind, im Blick zu haben. Ganz zu schweigen von den Dingen, die sich in ihrer Rätselhaftigkeit auch dem Publikum nur in Ansätzen offenbaren. Für einen Zweieinhalbstundenfilm hat dieser hier keine Zeit zu verlieren. Schon die ersten Straßenszenen ziehen einen mitten ins Geschehen. Ein junger Mann lässt sich von einem Geschäft anlocken, vor dem zwei Hostessen für ein Gewinnspiel werben. Zwar kann er mit der billigen Damenuhr, die er gewinnt, nicht viel anfangen. Doch die junge Frau, die ihm den Preis aushändigt, überrascht ihn mit einer Erinnerung.

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Haemi (gespielt von der Debütantin Jun John-se) ist eine entfernte Bekannte aus der Kindheit des jungen Mannes auf dem Land. Yoo Ah-in spielt diesen Jongsu als chronisch Unentschlossenen, der sich noch nicht im Leben eingerichtet hat. Die Uni hat er noch nicht ganz abgeschlossen und versucht sich als Schriftsteller. Besonders wortgewandt wirkt er dabei nicht, doch wie sich das Mädchen erinnert, war er als Junge erst recht taktlos. „Du bist wirklich hässlich“, habe er damals zu ihr gesagt.

Lee Chang-dongs Film bietet Geschehnisse an 

Nun erscheint ihm die junge Frau höchst attraktiv, was diese, halb bescheiden, halb kokett, mit dem Effekt plastischer Chirurgie erklärt. Beide werden ohne viel Romantik zu Gefährten. Sie macht alleine Urlaub in Afrika, er kümmert sich um ihre Katze.

Die Vorlage zu diesem Film ist eine Kurzgeschichte von Haruki Murakami, die wiederum einen Schuss von Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ verraten mag. Als Haemi sich von der Reise einen reichen Freund mitbringt, wird aus den Großstadt-Streunern ein ungleiches Trio. Diesen Ben umweht eine imponierende, aber etwas bedrohliche Dekadenz.

Wie selbstverständlich erzählt er von seinem Hobby, bei Ausflügen aufs Land leer stehende Gewächshäuser nieder zu brennen. Meint er es ernst oder ist das nur eine Metapher? Als Haemi plötzlich verschwindet, sieht sich Jongsu in der Rolle eines Detektivs. Oder ist er nur der Autor einer Geschichte mit surrealem Unterton?

Das Kino hat besondere Möglichkeiten, Irritationen zu wecken zwischen dem scheinbar tatsächlichen und dem imaginiertem Geschehen. Damit hat es sogar noch leichteres Spiel als die Literatur. Seit Alfred Hitchcocks „Vertigo“, an den dieser Film manchmal erinnert, ist dieses Stilmittel noch lange nicht ausgereizt. In einem langsamen, hypnotischen Erzählfluss genießt es Lee Chang-dongs Film, uns Geschehnisse anzubieten, auf denen wir ein gutes Stück mitreisen können in einem ungewissen Handlungsstrom. Danach können wir immer noch entscheiden, was wir davon der Imagination des Protagonisten zuschreiben wollen oder nicht. „Burning“, das Motiv des Titels, ist dabei nicht nur die Zerstörung. Es ist das brennende Geheimnis.

Burning.Korea 2018. Regie: Lee Chang-dong. 148 Min.

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