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Es geht melancholisch zu in diesem überraschend jenseitigen Actionfilm.

„Avengers: Endgame“

Zurück in die Zukunft

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Schlussverbeugung mit Starbesetzung: Der 22. Marvel-Film „Avengers: Endgame“ ist zwar festlich, aber nicht so spannend.

Während am vergangenen Montag die „Avengers“ bei der Weltpremiere in Los Angeles antraten, ein letztes Mal die Welt zu retten, beklagte eine gewisse Abigail Disney auf Twitter die Ungerechtigkeiten der Realität. Walt Disneys Großnichte gehört zum Verein „Patriotic Millionaires“, der sich höhere Steuern für Reiche wünscht. Das letzte Jahreseinkommen von Disney-Chef Bob Iger von 65,6 Millionen Dollar (etwa 58,5 Millionen Euro) nannte sie „krank“. Privatjets gehören nach Meinung der Filmemacherin und Aktivistin gänzlich verboten, denn „damit kommt man an einer bestimmten Realität einfach vorbei.“

„Avengers“-Milliardär Tony Stark kann man wie seiner Truppe fehlenden Gemeinsinn nicht vorwerfen. Zum Ende des Vorgängerfilms war die Hälfte aller Lebewesen zu Staub zerfallen oder einfach verschwunden, was wohl niemand im Publikum und noch weniger die Avengers selbst als der Weisheit letzten Schluss ansehen konnten – zumal bekannt war, dass die Filmemacher Anthony und Joe Russo den Anschlussteil gleich mitgedreht hatten.

In Disneys Marvel-Studios werden Fünfjahrespläne abgarbeitet. „Avengers: Endgame“ ist das Finale einer 22-teiligen Folge enorm erfolgreicher Blockbuster. Bei so guter Planung erscheint der Deus ex Machina, der rettende Kniff, dann allerdings doch etwas banal: Eine Zeitreise ist das Beste, was dem bekanntlich gar nicht auf den Kopf gefallenen Hulk alias Dr. Bruce Banner zwecks Menschheitsrettung einfällt. Das ist unter den übrigen Avengers nicht unumstritten.

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In einer kurzen medien-reflexiven Debatte, würdig eines Tarantino, streiten sie erst einmal über den Klassiker „Zurück in die Zukunft“. Wie Hulk die Anwesenden belehrt, sei dem Zemeckis-Film in einem entscheidenden Punkt nicht ganz zu trauen: „Die Gegenwart bleibt die Gegenwart, auch wenn ihr in der Vergangenheit etwas ändert.“ So pietätlos hier über diesen für das Blockbuster-Geschäft stilbildenden Film geredet wird, könnte man leicht vergessen, dass ein Mitwirkender von damals das Ganze kommentiert: Es ist Komponist Alan Silvestri, hier arbeitet er freilich weit unter Wert. Immer wieder wiederholt sein Soundtrack die gleichen spannungstreibenden Tonfolgen, sogenannte Ostinatos.

Marvel-Produkte trotzen Neflix

Aber was wäre ein Serien-Blockbuster ohne die Freude an der Wiederholung? Wieder dreht sich aller Aufwand um nicht mehr als fünf funkelnde Steine. Sie gilt es in jenem engen Zeitfenster der Geschichte zurückzuerobern, bevor sich der finstere Thanos an ihre Zweckentfremdung macht.

183 Minuten Laufzeit mit Spannung zu füllen ist schwer genug, doch die Filmemacher spannen ihre treuen Fans zusätzlich auf die Folter, bevor die Handlung noch so recht in Gang kommt. Gut eine Stunde dauert die Exposition, in der die verbliebenen Recken und Reckinnen auch über Sinn und Vermächtnis ihres Heldenlebens reflektieren. Insbesondere Iron Man (Robert Downey Jr.) muss förmlich zum Jagen getragen werden. In einem malerischen Haus am See hat er es sich mit Frau und Töchterchen gemütlich gemacht. Auch wenn er es nicht zugibt, man denkt es doch: Wer die romantische Einsamkeit bevorzugt, dem kann die plötzliche Leere auf dem Planeten doch gar nicht so unangenehm sein.

Es geht melancholisch zu in diesem überraschend jenseitigen Actionfilm. Scarlett Johanssons Black Widow scheint geradezu eine Todessehnsucht zu umwehen. Einer der digital generierten Spielorte erinnert an das symbolistische Pathos der Gemälde Arnold Böcklins. Ob man bei der Titelfindung gar an Samuel Becketts „Endspiel“ dachte? Sicher kommt man in einem Stadttheater bald auf die Idee, die verwahrloste Sippe, die dort in einem leeren Raum vegetiert, mit Avengers-Kostümen auszustatten.

Von dessen Nihilismus ist man bei Marvel freilich auch bei einem Serien-Schlusspunkt weit entfernt. „Avengers: Endgame“ ist immer noch ein Actionfilm, freilich beschwert durch redundante Dialoge, die an der Oberfläche Tiefe vortäuschen. Wer große Dramen sucht, findet sie eher bei Batman in Gotham City. Dafür gibt es noch immer Momente von fast selbstzerfleischender Ironie: Als Hulk von ein paar Kindern um ein Selfie gebeten wird, versucht der weit weniger populäre Ant Man vergeblich, einen Platz darauf zu bekommen.

Im Multiplex trinkt man diesmal eher Sekt

Dass auch der vierte „Avengers“ noch durchaus unterhält, verdankt er keinen großen erzählerischen Bögen, sondern dem Gesetz der Serie, das auch die Dramaturgie eines Einzelfilms bestimmt; man hangelt sich von Cliffhanger zu Cliffhanger.

Es ist sicher kein Zufall, dass die Marvel-Produkte derzeit besser als alle anderen Kinofilme der Serienkonkurrenz von Netflix und Co. trotzen: Dieser Spielfilm wirkt wie drei Folgen einer Serie, die man gemütlich hintereinander schaut. Es geht dabei um den Reiz der fraglos liebenswerten Charaktere, um die Freude, sie wiederzusehen, und um den Verlust, wenn sie sich in unverbindliche Tode verabschieden. Daraus entwickelt sich die Emotionalität weit mehr als durch inhaltliche oder formale Einfälle. Das ist befriedigend, solange man es sieht – und doch fehlt die Befriedigung, die eine gut gebaute Handlung erzeugen kann. Zurück bleibt hier wenig.

Hinzu kommt immerhin ein besonderer Dienst am Fan, wie man ihn bei einem einstweiligen Abschied erwartet: Dutzende von Stars geben sich in früheren Rollen in Kurzauftritten die Ehre. Von Tilda Swinton sieht man mehr als von Samuel L. Jackson, Michael Douglas, Robert Redford oder Gwyneth Paltrow, aber auf niemanden muss man verzichten. Wie sie ihre wenigen Dialogzeilen zelebrieren, das erinnert fast an festliche Pop-Hits zu wohltätigen Zwecken: We are the world, we are the people. Das passende Getränk im Multiplex ist diesmal eher Sekt als Coca-Cola: Man sollte diese kollektive Verbeugung genießen wie eine Silvestergala.

Avengers: End Game. USA 2019. Regie: Anthony und Joe Russo. 183 Min.

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