Ulrich Noethen spielt den unberechenbaren Regisseur in "Die Unsichtbaren".
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Ulrich Noethen spielt den unberechenbaren Regisseur in "Die Unsichtbaren".

TV-Kritik "Die Unsichtbare"

Kinder des Lichts

Der zweite Film von Christian Schwochow („Novemberkind“, „Der Turm“) ist ein grandios gespieltes Drama über die Abgründe der Schauspielkunst.

Von Tilmann P. Gangloff

In seinem Debüt „Novemberkind“ hat Christian Schwochow 2008 von einer jungen Frau erzählt, deren Wurzeln gekappt wurden. Auch in seinem Zweitwerk, „Die Unsichtbare“, geht es um die Suche nach einer neuen Identität, diesmal allerdings in Form einer Befreiung: Den größten Teil ihres Lebens hat Josefine im Schatten ihrer schwerbehinderten jüngeren Schwester verbracht; sie fühlt sich unsichtbar, und so verhält sie sich auch auf der Schauspielschule.

Trotzdem engagiert der berühmte Theaterregisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen) sie eines Tages für die Titelrolle in „Camille“, ein Stück über eine Frau, die das Leben in vollen Zügen genießt und in ihrer Exzessivität der konsequente Gegenentwurf zu Josefine ist. Die junge Schauspielschülerin muss für die Rolle Grenzen überschreiten, von denen sie bislang nicht mal etwas ahnte. Mehr und mehr übernimmt sie die selbstzerstörerischen Eigenschaften von Camille. Beinahe zu spät merkt sie, dass Friedmann, dessen Status sich im Verlauf der Proben vom väterlichen Freund zum Liebhaber wandelt, ein berechnender Regiediktator ist, der sich an seinen Darstellern mästet wie ein Blutegel.

Verweise auf reale Vorbilder

Der Film fasziniert auf gleich mehreren Ebenen. Schon die Blicke hinter die Theaterkulissen sind ungemein reizvoll, aber herausragend wird „Die Unsichtbare“ durch Schwochows Führung der Schauspieler. Ulrich Noethen ist schlicht grandios als mal schreiender, mal flüsternder Regisseur, der sein Ensemble, die vermeintlichen „Kinder des Lichts“, anfangs umschmeichelt, im Verlauf der Proben dann aber mehr und mehr sein tyrannisches Ich offenbart; Theaterliebhaber werden in der Figur manche Verweise auf real existierende Vorbilder entdecken.

Die Entdeckung aber ist die Dänin Stine Fischer Christensen. Ihre Verletzlichkeit ist die Voraussetzung dafür, dass man die Initiation der in jeder Hinsicht unschuldigen Josefine mit großer Anteilnahme verfolgt.

Mittlerweile hat Schwochow seinen exzellenten Ruf mit dem Zweiteiler „Der Turm“ bestätigt. Wie groß sein Ansehen bereits nach nur einer Regiearbeit war und wie gut darüber hinaus das gemeinsam mit seiner Mutter Heide verfasste Drehbuch gewesen sein muss, zeigt die prominente Besetzung der zum Teil winzig kleinen Nebenrollen: Gudrun Landgrebe und Ulrich Matthes als Lehrer an der Schauspielschule, Anna Maria Mühe als Josefines Freundin und Mitschülerin, die zunächst als Camille vorgesehen war, Dagmar Manzel als Josefines Mutter sowie Ronald Zehrfeld als „Tunnelbauer“, ein Nachbar, der für Josefine am Ende den letzten Bezug zur Wirklichkeit darstellt.

Corinna Harfouch hat gar nur einen Auftritt als bekannte Schauspielerin, die Josefine bei einer Stippvisite im Theater vor Beginn der Proben einen Blick voller Mitgefühl zuwirft. Bei aller Antipathie, die man gemeinsam mit Josefine gegen Friedmann entwickelt, eins wird dennoch deutlich: dass Kunst verdammt viel Arbeit ist.

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