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Charlotte Gainsbourg als Mutter, die ihre Pianistinnenkarriere bereitwillig einem ausschweifenden Liebesleben opfert.

„Missverstanden“

Kind sein zwischen Kunst und Chaos

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Komik und Ernst gehen eine unentwirrbare Verbindung ein: Mit ihrem Jugenddrama „Missverstanden“ macht sich Asia Argento zur Erbin des großen italienischen Autorenfilms.

Anders als in der Literatur sind filmische Autobiographien selten. Die Regisseurin Asia Argento hat dafür eine einfache Erklärung: „Weil ja sowieso alle Filme vom eigenen Leben handeln.“ Ganz besonders gilt das für „Missverstanden“, die dritte Regie-Arbeit der 39-Jährigen, die in eine Filmfamilie hineingeboren wurde: Als Tochter des Horror-Virtuosen Dario Argento und der Schauspielerin Daria Nicolodi wurde sie selbst schon als Teenager zum Filmstar. Nun erzählt sie von einer Kindheit in ganz ähnlichem Milieu. Und Aria, der Name der neunjährigen Protagonistin, ist wohl auch nicht zufällig Asia Argentos zweiter Vorname.

Die Mitschüler mögen das Mädchen beneiden um ihr Leben und den prominenten Vater – in der Geschichte ist es ein attraktiver Filmstar, der sich sehnt nach einer seriösen Rolle. Auch die von Charlotte Gainsbourg gespielte Mutter ist eine gefeierte Künstlerin; selbst wenn sie ihre Karriere als Konzertpianistin bereitwillig einem ausschweifenden Liebesleben opfert.

Und in der Tat: was sich da als Bilderrausch abspielt in den grellen Farben der achtziger Jahre, gleicht tatsächlich einem Traum. Nur ist es auf Dauer gar kein schöner. „Missverstanden“ ist die Chronik einer nahezu verhinderten Kindheit. Verschüttet fast im Chaos, überschattet vom Dauerzwist der Eltern, hemmungslos ausgetragen auf dem Rücken der gemeinsamen Tochter.

Die Kinderschauspielerin Giulia Salerno ist ein Wunder. Eine wiederkehrende Szene zeigt das Mädchen mit seiner Katze auf Stadt-Wanderschaft in Rom: Hin- und her geschoben zwischen den Nobelwohnungen seiner Eltern, die mit ihren Eitelkeiten vollauf beschäftigt sind. Die wenigen Freiräume ihres Lebens muss sich Aria schon selber suchen. Etwa wenn sie ihre einzige Freundin zu Streichen anstiftet. In diesen verspielten Szenen erinnert „Missverstanden“ an die frühen Jugendfilme von François Truffaut, „Die Unverschämten“ und „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Nachdem sie die Briefkästen aller Hausbewohner durchforstet haben, betätigen sie sich als Liebesspione. Asia Argento spielt selbst die kleine Rolle einer Nachbarin, die sich von den Mädchen dabei beobachten lassen muss, wie sie ihrem Liebhaber den Laufpass gibt. Komik und Ernst gehen in Argentos Film wie im Leben eine unentwirrbare Verbindung ein. Selbst in dieser kleinen Szene, die sich die Hobby-Spionin mehr zu Herzen nimmt, als sie vielleicht zugibt. Trennungsszenen kennt sie zur Genüge.

Kunst und Chaos, Empfindsamkeit und Grobheit sind für Arias Eltern untrennbar verbunden. Darin ist sich das ungleiche Paar erstaunlich ähnlich. Gerade weil Argento der Perspektive der Tochter treu bleibt, steckt auch sehr viel Liebe in ihrem Blick auf diese beiden Hedonisten, die wohl auch gerne bessere Eltern wären. So gern sich das Mädchen als Reaktion auf die zerbrochene Familie unabhängig geben würde, kann sie kaum anders, als die Erwachsenen zu imitieren.

Den Filmtitel „Missverstanden“ entlieh Argento einem klassischen Jugenddrama aus Italien, Luigi Comencinis „Incompreso“ (1966), der mit seinem tragischen Höhepunkt zitiert wird. Die tieftraurige Geschichte eines vernachlässigten Jungen, der erst im Angesicht des Todes die Liebe seines Vaters findet, weckt auch in Aria eine Todessehnsucht.

Spielt sie nur mit dem Gedanken oder macht sie wirklich einen Suizidversuch? Nicht immer lassen sich filmische Realität und Phantasie klar trennen in Argentos virtuoser Inszenierung der kindlichen Wahrnehmung. Manchmal ist sie messerscharf-satirisch, mal rauschhaft überladen und dann wieder getragen von verhaltener Poesie: Mit dieser stilistischen Achterbahnfahrt knüpft Argento an die Qualitäten des großen italienischen Autorenkinos an, an das heute nur noch wenig erinnert. Und beerbt gleichermaßen den genialen Bildschöpfer Federico Fellini wie die feministische Bilderstürmerin Lina Wertmüller.

In mitunter irrealen Farben, gedreht auf echtem Zelluloidfilm, malt sie einen betörenden Gegenentwurf zu Fellinis „La dolce vita“: In einer Kinderparty spiegelt sich der dekadente Lebensstil der Erwachsenen. So wie den Spleens des abergläubischen Vaters auch etwas Kindliches anhaftet.

Der Schauspieler Gabriel Garko, der zuletzt neben Asia Argento im italienischen Fernsehen den Stummfilmstar Rudolf Valentino spielte, ist als Vater eine ideale Besetzung. Wenigstens ab und zu verhilft er seiner Tochter zu unvergesslichen Augenblicken – wie beim gemeinsamen Besuch eines Rockkonzerts. Und mit der Besetzung des Sängers Justin Pearson von „The Locust“ als unglücklichem Lover der Mutter setzt Argento sogar dem Punk-Underground ihrer eigenen Generation ein kleines Denkmal. In dem anarchischen Musiker findet das Mädchen für kurze Zeit einen Seelenverwandten. Doch Geborgenheit ist in dem rasanten mütterlichen Liebesleben nicht zu finden. „Missverstanden“ heißt Argentos Film, doch ein feinfühligeres Zeitbild einer Kindheit in den achtziger Jahren ist kaum denkbar. Und wer könnte nicht ein autobiographisches Statement sehen in diesem Bekenntnis zu einem vielleicht unfreiwilligen aber unaufhaltsamen Leben jenseits der bürgerlichen Norm.

Einmal wendet sich Aria direkt an den Zuschauer, und man kann nicht anders als Argentos Stimme darin zu hören: „Ich hab Euch das nicht erzählt, um als Opfer dazustehen, sondern, damit ihr mich besser versteht. Vielleicht seid ihr dann ja etwas netter zu mir.“

Missverstanden. Italien 2014. Regie: Asia Argento. 106 Min.

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