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Paddington, allerdings ohne seinen klassischen Mantel.

„Paddington“

Das Kind mit Fell und Pfoten

Ein Bilderbuch- und Geschichten-Held begeistert mit komischen Missgeschicken und führt jetzt auch als Filmfigur in „Paddington“ eine Familie stärker zusammen.

Von Cornelia Geissler

Ein Fremder bittet um Hilfe. Merkwürdig sieht er aus, spricht aber auf dem Bahnhof die Leute sehr freundlich an. Wie soll man sich verhalten? Mrs Brown möchte helfen. Mr Brown ahnt, dass das nur Scherereien bringt – Unordnung in den Alltag der Kinder. Für eine Nacht werde man ihn aufnehmen, lautet der Kompromiss. So kommen die Browns zu ihrem neuen Familienmitglied, einem Bären. Weil sein eigentlicher Name ein unaussprechlich kehliger Brummlaut ist, nennen sie ihn kurzerhand nach dem Bahnhof, auf dem sie ihn gefunden haben: Paddington.

Der Kinderbuch-Held dieses Namens ist in Großbritannien fast so berühmt wie die Queen. 1958 erschien das erste Buch von Michael Bond über den Bären aus dem tiefsten Peru, dem ein Forscher die Sehnsucht nach London ins Herz legte, das 26. ist gerade herausgekommen. In 40 Sprachen übersetzt, ist „Paddington“ auch international erfolgreich. Verfilmt wurden seine Erlebnisse bisher in mehreren Varianten als Fernsehserien. Nun gibt es einen Spielfilm, wirklich großes Kino.

Die eine Lesart, die der Film hintersinnig anbietet, ist eine historisch bedeutsame und höchst aktuelle. Paddington wird nach einem Erdbeben von seiner Tante nach London geschickt, mit einem Schild um den Hals: Bitte kümmert euch um diesen Bären. Natürlich fallen auch dem erwachsenen Zuschauer da nicht gleich die Tausenden von Flüchtlingen ein, die derzeit in Europa ein neues Zuhause suchen. Doch als der Antiquitätenhändler Mr Gruber mit schwerem Akzent erzählt, wie er als kleiner Junge kurz vor dem Krieg aus Deutschland nach London kam, mit einem Koffer nur und einem Schild um den Hals genauso wie der Bär, da wird die Absicht klar. Die Kindertransporte 1938/1939 retteten mehr als 10 000 jüdischen Kindern aus Deutschland, Österreich und Polen in Großbritannien das Leben. Und weil da gerade eine elektrische Eisenbahn über den Tisch rollt und kurz das Bild eines Jungen vor einem Zug aufscheint, fügt sich das harmonisch in den Film.

Aber lange hält der sich nicht mit Ernst auf, dieser Szene folgt eine Pointenkette, in der Paddington zu Fuß, auf einem Skateboard, als Bus-Anhängsel und sogar in der Luft durch London rast. Zufällig überführt er einen Taschendieb. Für ihn ändert sich nun vieles. Der Freundschaft des kleinen Sohns der Browns war er sich sofort sicher. Als Held gewinnt er sogar die Zuneigung der pubertierenden Tochter.

Der Bär, der im Fernsehen entweder gezeichnet oder als Puppe agierte, sieht hier aus wie ein Kind aus Fleisch und Blut und Pelz. Ungefähr ein Meter groß, von der Familie mit einem blauen Dufflecoat ausgestattet, bewegt sich die computeranimierte Figur selbstverständlich durch ein touristisch vertrautes London. Außerdem kann sie sprechen, in der deutschen Fassung mit der Stimme von Elyas M’Barek.

Dem Regisseur und Drehbuchautor Paul King gelingt das seltene Kunststück, sehr verschiedene Interessen angemessen zu bedienen. Comedy- und Slapstick-Einlagen verleiten immer wieder zum Lachen. Gleichzeitig durchzieht ein rätselhaftes und spannendes Element den Film. Denn eine Tierpräparatorin will den Bären ausstopfen. Nicole Kidman agiert hier als fiese Blonde, die Paddington mit James-Bond-Tricks auflauert. Ein anderer erwachsener Star, Hugh Bonneville, wächst als Mr Brown über seine Bedenkenträgerhaftigkeit hinaus und rettet den Bären im Naturhistorischen Museum. Dabei spielt auch das imposante Gebäude mit seinen respekteinflößenden Exponaten eine Rolle.

Eines fügt sich ins andere: Die lustige Kindergeschichte erzählt nebenbei von Werten, von Verantwortung, sogar vom Ethos des Wissenschaftlers. Dass alles zusammenpasst und nichts bloß aufgesetzt wirkt, liegt sicher am Drehbuch, das jeder Episode angemessene Zeit einräumt und sie geschmeidig verbindet.

Es liegt zugleich im Blick des Regisseurs aufs Detail und in der sorgfältigen Besetzung, etwa auch mit Sally Hawkins und Julie Walters. Der Film wird kaum Kinder oder Erwachsene unberührt lassen. Wenn er nicht das Herz erreicht, dann doch das Zwerchfell oder Hirn.

Paddington. Regie: Paul King. GB/ F 2014. 95 Minuten.

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