Das Ermittlerteam der erfolgreichen ZDF-Samstagkrimireihe "Stralsund": Max Morolf (Wanja Mues, l.), Gregor Meyer (Michael Rotschopf, 2.v.l.), Nina Petersen (Katharina Wackernagel, 2.v.r.) und Karl Hidde (Alexander Held, r.).
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Das Ermittlerteam der erfolgreichen ZDF-Samstagkrimireihe "Stralsund": Max Morolf (Wanja Mues, l.), Gregor Meyer (Michael Rotschopf, 2.v.l.), Nina Petersen (Katharina Wackernagel, 2.v.r.) und Karl Hidde (Alexander Held, r.).

„Stralsund: Schutzlos“, ZDF

Killer stellen sich nicht vor

„Stralsund“ hat sich über die Jahre zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk und daher zu einer der besten Krimireihen des ZDF entwickelt.

Von Tilmann P. Gangloff

Innerhalb der vielen Krimireihen des ZDF nehmen die Filme aus Stralsund eine Sonderstellung ein: Sie sind nicht so konsequent auf eine Hauptfigur zugeschnitten wie beispielsweise „Unter Verdacht“ oder „Spuren des Bösen“, selbst wenn Hauptkommissarin Nina Petersen (Katharina Wackernagel) eine zentrale Rolle einnimmt; sie verzichten im Unterschied zu „München Mord“ oder „Schwarzach 23“ konsequent auf humoristische Einlagen; wenn ein Schauspieler wie etwa Wotan Wilke Möhring nicht mehr mitwirken kann oder will, weil er für die ARD einen „Tatort“-Kommissar spielt, verschwindet die Rolle nicht einfach, und der Darsteller wird auch nicht sang- und klanglos ersetzt; die Geschichten sind keine klassischen Krimis, sondern knallharte Thriller.

Vor allem aber bilden die nun neun Folgen ein Gesamtkunstwerk, weil frühere Figuren immer wieder auftauchen: Mal hat Petersen im Drogenwahn eine Halluzination ihrer in der ersten Folge ermordeten Chefin, mal wird sie erneut mit einem in einer früheren Episode verhafteten Schurkenpärchen konfrontiert. Natürlich machen diese Elemente viel mehr Spaß, wenn man die älteren Filme gesehen hat; allerdings sorgen Buch und Regie stets dafür, dass die jeweilige Handlung auch ohne das Vorwissen funktioniert. Dass trotz der wechselnden Konstellationen Autor Sven S. Poser an sämtlichen Drehbüchern beteiligt ist, dürfte großen Anteil an der durchgehenden Qualität der Reihe haben.

Nach dem letzten Film, „Der Anschlag“, schien eine Qualitäts- und Spannungssteigerung kaum noch möglich. Poser (Koautoren: Christian Schiller, Marianne Wendt) gelingt das dennoch, weil das Drehbuch wieder mal clever eine alte Geschichte mit einer neuen verknüpft. Diesmal geht es um ein Drogenkartell, das von Frankfurt an der Oder aus ganz Ostdeutschland beherrscht. Eine Weißrussin (Anja Antonovicz) ist Zeugin eines Verbrechens geworden und mit ihrer Familie ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden, was sich jedoch als Farce erweist, weil einer der Beschützer auf der Lohnliste des als „Pawel“ bekannten Kartellbosses steht.

Gleiches gilt womöglich auch für Max Morolf (Wanja Mues). Petersens einbeiniger Kollege Hidde (Alexander Held) hatte den Nachfolger ihres früheren Partners von Anfang an im Verdacht, ein doppeltes Spiel zu spielen. Tatsächlich hat Morolf, der vor seinem Wechsel zur Kripo Rostock in Frankfurt/Oder Drogenermittler war, nach wie vor Kontakt zu Pawel (Jan Henrik Stahlberg), und er kennt auch den Killer (Lukas Gregorowicz), den Pawel auf die weißrussische Familie angesetzt hat.

Neuer Stoff für die nächste Episode

Über die Hintergründe wird die Kommissarin ausgerechnet von einem anderen Drogenboss (Rudolf Kowalski) informiert, den sie einst (in „Freier Fall“) hinter Gitter gebracht hat. Als sie mit Hiddes Hilfe rausfindet, dass ihr Vorgesetzter, Meyer (Michael Rotschopf), Morolf schon zu gemeinsamen Frankfurter Zeiten gedeckt hat, kann sie niemandem mehr trauen. Ein simpler Wechsel der Kameraposition genügt, um das Misstrauen auch optisch zu verdeutlichen: In den entsprechenden Einstellungen wird Meyer fast aus der Froschperspektive gezeigt und erscheint dadurch automatisch bedrohlich.

Die Wahrheit über Morolfs Verstrickung in die ganze Sache ist allerdings viel komplizierter und vor allem tragischer, wie eine Rückblende gleich zu Beginn bereits andeutet. Sie zeigt Morol mit einer attraktiven jungen Frau (Katharina Nesytowa), die wissen will, auf welcher Seite er eigentlich stehe. Diese Frage ist so etwas wie das Leitmotiv des Films. Die Liaison allerdings hat ein denkbar düsteres Ende genommen, aber das zeigt sich erst viel später.

Nach dem erotischen Auftakt ändert Lars-Gunnar Lotz, der im vergangenen Jahr neben der Folge „Der Anschlag“ (Episode acht) auch „Kreuzfeuer“ (Episode sechs) inszeniert hat, die Stimmung radikal. Ab nun ist „Schutzlos“ ein Thriller; dem Regisseur gelingt das Kunststück, die Spannung bis zum Schluss auf einem eindrucksvollen Niveau zu halten, obwohl es außer zu Beginn und gegen Ende kaum Actionszenen gibt. Die sind dafür umso besser gelungen; eine Schießerei bei Nacht und Nebel in einer verlassenen Fabrik ist schon allein bildgestalterisch ein Leckerbissen, weil Kameramann Jan Prahl mit Hilfe des schräg einfallenden Zwielichts großartige Bilder und eine beklemmende Atmosphäre gelungen sind.

Die Frage jedoch, wem Morolfs Loyalität gilt, bleibt bis zum Schluss unbeantwortet und liefert somit Stoff für die nächste Episode, die das ZDF am 29. Oktober zeigt; Jan Henrik Stahlberg ist als „Pawel“ garantiert nicht nur für ein paar Filmsekunden engagiert worden.

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