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Werner Herzog im Februar 2015 bei der Berlinale.

Königin der Wüste

„Die Kidman würde mir überall hin folgen“

Filme wie die seinen hätte außer ihm niemand drehen können, sagt der Regisseur Werner Herzog. Außer vielleicht König Ludwig II. Im Gespräch verteidigt er sein neuestes Werk "Königin der Wüste".

Seinem neuen Werk fehle „der gewisse Herzog-Wahn“ urteilte die Frankfurter Rundschau über „Königin der Wüste“. Der Film basiert auf dem Leben der britischen Historikerin Gertrude Bell. Schon bei der diesjährigen Berlinale, bei der er als Wettbewerbsbeitrag uraufgeführt wurde, erntete er eher misese Kritiken: „seichte Schmonzette“ (Filmkompass), „banales Mainstreamkino“ (FAZ), „Regie-Desaster“ (Spiegel). Der Regisseur selbst zeigt sich im FR-Interview indes vom Gegenteil überzeugt.

Herr Herzog, im Grunde ist „Königin der Wüste“ Ihre Version eines Hollywood-Films, oder?
Das haben Sie jetzt gesagt. Für mich sind meine Filme letztlich bayerische Filme. So verstehe zumindest ich die kulturelle Prägung meine Arbeit. Die hätte außer mir niemand drehen können. Höchstens noch König Ludwig II. Abgesehen davon ist gar kein klassisches Hollywood-Studio an „Königin der Wüste“ beteiligt gewesen. Nur ein paar Hollywood-Stars.

Ohne jemanden wie Nicole Kidman hätten Sie den Film vermutlich auch nicht gedreht, oder?
Nein. Die Finanzierung von einem Film wie „Königin der Wüste“ wird nur dadurch möglich, dass die Hollywood-Stars mit mir arbeiten wollen. Und zwar alle. Nicht nur Kidman. Ich sage das nicht nur so dahin. Das ist tatsächlich so.

Wie erklären Sie sich Ihre Beliebtheit?
Ich glaube, die Schauspieler sehen einfach, dass ihre Kollegen immer das Beste geben, wenn sie mit mir arbeiten. Denken Sie an Klaus Kinski, von dem es 210 Filme gab: nie war er besser als in den fünf, die er mit mir gedreht hat. Aber das gilt auch für Claudia Cardinale, auch wenn die noch andere großartige Sachen gemacht hat, oder Nicolas Cage in „Bad Lieutenant“. Auch der war vorher und nachher nie so gut wie in unserem Film.

Und Kidman reiht sich dort nun auch ein?
Ohne Frage! In zehn Jahren habe ich nichts von dem Kaliber an schauspielerischer Leistung gesehen, in keinem Film von keiner Schauspielerin. Nirgends. Sie ist einzigartig, mindestens für ein Jahrzehnt.

Wie holen Sie diese Leistungen aus Ihren Stars heraus?
Das ist meine Arbeit, das was ich tue. Wenn ich das nicht verstünde, wäre meine Filmarbeit schon Anfang der siebziger Jahre zu Ende gewesen.

Aber was genau ist Ihre Methode? Fordern Sie mehr ein als andere Regisseure?
Nein, das Geheimnis ist ein anderes. Man muss ganz tief in die Seele von Menschen blicken können, um das Beste herauszuholen. Wenn Sie das nicht können und dort nicht etwas auslösen können und sichtbar machen können, dann sollten Sie besser den Beruf, den ich habe, nicht ausüben. Das ist das, was ich kann, und was mir das Überleben gesichert hat. Aber wie genau ich das mache, das ist mit jedem Schauspieler anders. Auf jeden Fall weiß ich, wie ich jemanden wie Klaus Kinski produktiv für die Leinwand mache, genauso wie Christian Bale oder Isabelle Adjani oder nun eben Kidman. Zu ihr habe ich gesagt, dass ich sie dorthin bringe, wo sie noch nie war. Was in diesem Fall natürlich auch, aber nicht nur geografisch gemeint war. Und sie hat sich mir vollkommen anvertraut.

Von Hollywood-typischen Zickereien und Star-Allüren wurden Sie also auch verschont?
Glauben Sie mir, Nicole Kidman hätte auch in einem Beduinenzelt oder sogar unter freiem Himmel geschlafen, wenn es nicht anders gegangen wäre. Die wäre mir überallhin gefolgt. Vorausgesetzt natürlich, dass das Team und ich die gleichen Bedingungen gehabt hätten. Deswegen hat sie sich mit den Dromedaren auch in einen Sandsturm schicken lassen: weil wir alle mitgegangen sind – und jeder von uns wusste, dass das so vor uns noch niemand gemacht hat. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass Nicole Kidman aus Australien kommt. Die hat diese Mentalität des Outbacks – kameradschaftlich, hart arbeitend und unerhört vorbereitet.

Es ist auf jeden Fall ungewöhnlich, dass Sie überhaupt mal einen Film mit einer Frau im Mittelpunkt gedreht haben ...
Darüber habe ich, ehrlich gesagt, bei der Arbeit nie nachgedacht. Erst danach wiesen mich immer mehr Freunde und dann natürlich Kritiker darauf hin, dass das erste Mal war, dass ich eine weibliche Protagonistin hatte. Völlig richtig! Mein Herz sank, und ich frage mich seitdem, warum ich nicht schon viel früher Filme auch über weibliche Hauptfiguren gemacht habe. Denn eigentlich weiß ich, dass ich gut darin bin und das kann. Aber ich kann Sie beruhigen. Ich habe eine Reihe von Projekten, in denen auch wieder Frauen im Mittelpunkt stehen.

Was ist anders, wenn eine Frau im Zentrum Ihres Filmes steht?
Gar nichts. Überhaupt nichts. Ich kann mit Männern und Frauen gleichermaßen Geschichten erzählen. Oder auch mit Kindern. Das ist, was ich tue, dafür werde ich bezahlt. Es macht eben wirklich keinen Unterschied, deswegen bereue ich es jetzt auch nicht, dass ich vorher nur Filme über Männer gedreht hatte. Ich hätte aber trotzdem schon mal früher darauf kommen können, es mit einer Frau auszuprobieren.

Warum interessierten Sie sich überhaupt für Gertrude Bell als Protagonistin von „Königin der Wüste“?
Sie war einfach eine außergewöhnlich vielschichtige Frau. Sie hat fünf oder sechs Sprachen fließend gesprochen. Sie hat Hafiz, also Lyrik aus dem persischen Mittelalter, ins Englische übersetzt, und zwar in der bis heute besten Übersetzung. Sie hat als Archäologin ebenso gearbeitet wie als Fotografin, war Abenteurerin genauso wie Politikerin.

Sie versuchen im Film auf vielen Ebenen, den Intellekt und die Interessen Bells auf die Leinwand zu holen.
Selbstverständlich. Da bin ich dann auch gründlich. Es wird im Film zum Beispiel über Vergil geredet. Also hat mein Team diesen lateinischen Dichter zu lesen. Meinetwegen nicht unbedingt Nicole Kidman. Aber ich will, dass mein Kameramann und der Tonmann in so einem Fall Vergils „Georgica“ kennen.

Nun haben wir über die Königin schon gesprochen, aber noch nicht über die Wüste. Was macht die eigentlich zu einem solchen Sehnsuchtsort für Abenteurer, Schriftsteller und eben auch Filmemacher?
Ich weiß gar nicht, ob Sehnsuchtsort der richtige Ausdruck ist. Für mich ist sie in jedem Fall eine Landschaft, die eigentlich eine innere Landschaft ist. Da geht es nicht um einen Hintergrund wie etwa bei Werbefilmen. Bei mir werden Landschaften nicht als Tapete missbraucht. Der Urwald etwa ist der Ort der Fieberträume und der großen Oper. Und die Wüste ist der Ort, an dem große Sehnsucht möglich ist und die riesige Weite eine Einsamkeit sichtbar macht. Die Landschaft reflektiert also das, was Gertrude Bell war.

Ich muss noch mal auf den Vergleich mit Ludwig II. zurück kommen, den Sie eingangs gemacht haben. Können Sie den noch einmal erläutern?
Nehmen Sie, wo wir gerade beim Urwald waren, meinen Film „Fitzcarraldo“. Ich weiß einfach, dass der von niemandem sonst hätte gemacht werden können. Schon gar nicht von Hollywood, auch nicht mit 100 Millionen Dollar. Die Risiken wären einfach zu groß; auf die Ungewissheit, ob sich ein über 300 Tonnen schweres Schiff wirklich über einen Urwaldberg wuchten lässt, hätte sich niemand eingelassen, schon aus Versicherungsgründen. Also frage ich mich, wer sonst auf der Welt diesen großen Entwurf, diese bestimmte Vision umgesetzt hätte. Ich schaue mich links und rechts um, und der einzige, der mir in den Sinn kommt, ist Ludwig II., der diese unglaublichen Schlösser gebaut hat, statt das Geld in Kriegen zu verpulvern.

Man kann das visionär, aber eben auch größenwahnsinnig nennen ...
Ich glaube nicht, dass Ludwig größenwahnsinnig war, weil er ja sehr gezielt gearbeitet hat. Neuschwanstein etwa beschert dem bayerischen Staat heute Millionen von Touristen und rührt bis heute die Menschen auf. Auch die Weitsicht, Richard Wagner zu unterstützen, war ja nicht nur eine absurde Fan-Idee, sondern hatte eine gezielte Absicht. Deswegen trifft es visionär besser. Und auch ich habe für meine Filme eine Vision.

Trifft zumindest der Begriff Abenteurer, den Sie vorhin auf Bell angewandt haben, auch auf Sie zu?
Dazu bin ich zu professionell. Außerdem bin ich vorsichtig mit dem Begriff Abenteurertum in Zeiten, in denen man die Abenteuertour im Reisebüro buchen kann. Das hat sich erledigt. Abenteurer gehören in eine Zeit, in der sich junge Männer im Morgengrauen mit Pistolen duelliert haben und in denen Edelfräulein auf einer Couch in Ohnmacht fielen. Damals hatte das Wort noch einen Sinn. Doch damit hatte es ein Ende mit dem wahnsinnigen, von den Medien befeuerten Drang, der Erste auf dem Nord- oder Südpol zu sein. Scheußlich. Heute rede ich deswegen ungern von Abenteurertum. Und ich vermisse es auch nicht, genauso wenig wie ich Hexenverbrennungen vermisse.

Interview: Patrick Heidmann

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