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Die kühle Miss Sloane, Jessica Chastain, im Untersuchungsausschuss.

"Die Erfindung der Wahrheit"

Keine Zeit für Tränen

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Jessica Chastain als knallharte Lobbyistin in John Maddens zwiespältigem Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit".

Wann immer sich in den USA Politik in Schmierentheater verwandelt, wann immer die Maßstäbe von Transparenz und Seriosität zu Boden fallen, schlägt hoffentlich die Stunde von Hollywoods Aufklärern. Je länger wir Donald Trump zusehen, desto mehr fragen wir uns: Was macht eigentlich Robert Redford?

Nicht, dass der Watergate-Film „Die Unbestechlichen“ oder die bittere Abrechnung mit dem Geschäft hinter den Wahlkampagnen, „Der Kandidat“, zu ihrer Zeit neue Erkenntnisse gebracht hätten. Doch es gelang diesen Filmen, Missstände in bleibende Bilder zu gießen. Bilder, die nicht aufhörten zu faszinieren, indem sie das Schillernde ihrer Gegenwart mit den Mitteln der populären Kunst in ähnlich schillernden Szenen fixierten. Vielleicht ist der Politikbetrieb heute zu komplex für diese metaphorischen Szenerien: Für das neon-beleuchtete Parkhaus, das in „Die Unbestechlichen“ den Informationssumpf so eindringlich symbolisierte. Oder den Kaugummi kauenden Präsidentschaftskandidaten im zweiten Film, der für alles und nichts einstand.

Drahtig und perfektionistisch

Auch Elizabeth Sloane, die Lobbyistin im Mittelpunkt von „Die Erfindung der Wahrheit“ ist eine Symbolfigur. Drahtig und perfektionistisch, das schöne Gesicht mit Absicht kühl und maskenhaft geschminkt, gibt Jessica Chastain schon in den ersten Bildern einem schwer fasslichen Berufsstand ein Gesicht. So also müssen wir uns diese mit allen Wassern gewaschenen Industrieagentinnen und -Agenten vorstellen, juristisch wie rhetorisch brillant, endlos vernetzt und hellsichtig genug, Intrigen vor allen anderen zu wittern. Dennoch scheint auch ein anti-feministisches Klischee in diesen ersten Szenen mitzuschwingen, das Bild der mächtigen Entscheidungsträgerin, die ihre Weiblichkeit bewusst verbirgt hinter militärischer Strenge – und in einem Drang zur Selbstperfektionierung bereitwillig auch die Reste des Privatlebens opfert. So kühl erscheint diese Figur trotz aller Wirkungssicherheit, dass ihr jenes Gewinnende fehlt, das eine politische Werberin ja wohl besonders braucht.

Das bleibende Problem, das sich der Film mit dieser imposanten Hauptfigur schafft, spricht förmlich aus sich selbst: Wie soll ein Zuschauer mit einer derart unsympathischen Figur noch warm werden, wenn sich die Handlung dann wendet und Anteilnahme für ihr Schicksal fordert?

Jessica Chastain ist eine der wirkungsmächtigsten Schauspielerinnen der Gegenwart, doch die junge Nicole Kidman war in ähnlich stilisierten, kontrollierten Performances doch überzeugender.

Den entscheidenden Twist, die erste Abkehr von der Rollenerwartung, wagt der Film aber recht schnell. Da verweigert „Miss Sloane“ (so heißt der Film im Original), das beste Pferd im Stall einer führenden Agentur, plötzlich den wichtigsten Auftrag: Einen Einsatz für die Waffenindustrie, die wieder einmal eine drohende Gesetzesverschärfung niederschmettern möchte. Das kann ja so schwer nicht sein, wo sie doch oft damit durchkommt. Doch Miss Sloane, sie hat ja doch ein Gewissen, entscheidet sich mit voller Wucht dagegen. Mit vier Mitgliedern ihres Teams wechselt sie kurzerhand zur kleinen Firma des Philanthropen Rodolfo Schmidt (Mark Strong). Was sie jedoch nicht ablegt, sind ihre harten Bandagen. Auch vor illegalen Methoden wie einer Abhöraktion schreckt sie nicht zurück – und spielt den Gegnern schließlich in die Hände. Ihre Kampagne wird zum Gegenstand eines Untersuchungsausschusses im Senat.

Diese Anhörung, die wie in einem klassischen Gerichtsfilm das letzte Viertel des Films dominiert, bauscht vergleichsweise kleine Vergehen wie eine Reise, die sie einem Senator nach Indonesien spendiert hat, auf wie Staatsaffären – und verliert das interessantere Thema, den Waffenhandel, leider aus den Augen. Aus einem interessanten Politthriller wird ein Gerichtsdrama um den drohenden Fall einer starken Frau, deren Maskenhaftigkeit nun dramaturgisch effektvoll endlich fallen soll. Und wieder fragt man sich, welches Bild einer weiblichen Führungspersönlichkeit hier gezeichnet werden soll.

Wie früh in der Geschichte angelegt, hat Elizabeth Sloane in ihrem prallvollen Leben keinen Platz für amouröse Bindungen. Dafür leistet sie sich regelmäßig teure Gigolos, von denen einer am Ende der Geschichte in der Senatsanhörung einen Auftritt haben wird – und der den bis dahin zumindest recht cool erzählten Film ins Melodram kippt.

Nur wenige Tage nach Donald Trumps Präsidentschaftswahl kam John Maddens Politthriller „Miss Sloane“ in die amerikanischen Kinos. Im Kontext eines völlig unvorhersehbaren Dramas in der Realität wirkt er in seinem angestrengt, aber wenig konkret vorgebrachten Anliegen nun arg verloren.

Natürlich ist die Macht der Lobbyisten ein so dringendes Thema wie vorher, ja vielleicht müsste man mehr denn je einen Film über die Waffenlobby drehen. Doch mit einem allgemein vorgebrachten Misstrauen ins Politikgeschäft ist es nicht mehr getan, genau das hat Donald Trump ja ins Amt gehoben. Nun wird es Zeit, dass das liberale Hollywood wieder zeigt, was es an wirklich politischem Kino auf die Beine stellen kann.

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