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Landschaften oder Gesichter, komponiert mit poetischem Impetus.

Kino

Keine Schönheit hinter Gitterstäben

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Rainer Komers’ meisterhafter Dokumentarfilm „Barstow, California“ porträtiert den inhaftierten Dichter Spoon Jackson.

Wer Dokumentarfilme für Kulturfolger der Wirklichkeit hält, verkennt die Nähe des Mediums zur Dichtkunst. Wer Bilder aneinanderfügt, ohne gleich eine Narration damit zu verbinden, entdeckt schnell die gleichen Freiheiten. Das frühe Kino machte deshalb kaum einen Unterschied zwischen Fiktion und Dokument, Filmpioniere wie Joris Ivens oder Dziga Vertov waren Lyriker am Schneidetisch. Kein Wunder, dass in Kunstausstellungen heute so oft dokumentarische Videoarbeiten zu sehen sind, doch nur wenige besitzen die Qualität der Filme von Rainer Komers.

Der 75-jährige Mülheimer macht seit fünf Jahrzehnten Filme und ist im Nebenberuf selbst Dichter. Sein jetzt erscheinender Lyrikband „Worte Fliege Agfa“ (Edition Offenes Feld, 18,99 Euro) montiert Worte wie am Schneidetisch; oder – literarisch betrachtet – in der Tradition des stets um die Vieldeutigkeit des Einzelwortes bemühten japanischen Haiku. Zunächst aber kommt Komers’ jüngster Dokumentarfilm „Barstow, California“ ins Kino. Es ist zugleich das Porträt einer Stadt wie das eines Dichters.

In der kalifornischen Kleinstadt, deren einzige Attraktionen eine Silbermine und ein militärisches Übungsgelände sind, mögen sich nicht mal die „tumbleweeds“, die Steppenläufer, malerisch durch die Mojavewüste rollen. Müde liegen sie da, während das eigentliche Ereignis aus dem „Off“ kommt: Es sind Zeilen aus der Autobiographie des lebenslänglich inhaftierten Spoon Jackson, der hier seine Jugend verbrachte. Vor 41 Jahren hat der Schwarze einen Weißen getötet, wohl ohne Vorsatz. In San Quentin lernte er später kreatives Schreiben.

Komers, der bereits für eine Buchausgabe Jacksons Werke ins Deutsche übertrug, hat darauf verzichtet, Jackson in der Haft zu filmen. „Alles an einem Gefängnis ist erniedrigend, es ist nicht möglich, ein würdiges Bild aufzunehmen“, sagt er. „Ich bin nicht Werner Herzog. Der filmt die Leute noch einmal und rekonstruiert ihre Verbrechen, bevor sie dann umgebracht werden.“

Landschaften, Detailansichten oder die Gesichter der Leute von Barstow, komponiert Komers mit poetischem, nicht didaktischem Impetus, sind eine bessere Alternative. Was Komers nicht zeigt, legt er manchmal auf die Tonspur – wie das Geräusche der Gefängnistore oder des Militärareals. Schon Eisenstein empfahl diese kontrapunktische Methode (Ton: Michel Klöfkorn; Schnitt: Gregor Bartsch).

Komers hat sich in den letzten Jahren intensiv um Spoon Jacksons Werk verdient gemacht, hat seine Werke übersetzt und herausgegeben und Live-Lesungen mit Telefonschaltungen aus dem Knast arrangiert.

Das amerikanische Kino ist überreich an romantischer Verklärung des Gefängnislebens. Doch die Realität eines ohne Aussicht auf Haftentlassung, zu reellem „Lebenslänglich“ Verurteilten bietet dazu wenig Anlass. Jacksons künstlerisches Talent wurde in einem Zustand völliger Entrechtung freigesetzt, die Freiheit, die daraus spricht, ist umso eindringlicher.

Im berüchtigten Gefängnis von San Quentin hatte Jackson Zugang zu den Poetikkursen der Dichterin Judith Tannenbaum. Das erste Gedicht, mit dem er sich zu Wort meldete, trug den Titel „No Beauty in Cell Bars“. Und schuf gleichwohl eine eigene Schönheit: „Year after year/ Endless echoes/ Of steel kissing steel“, heißt es darin. „Tomorrow’s a dream/ Yesterday’s a memory/ Both a passing of a cloud.“

Die Zeit zu montieren, so elegant und einfach wie es hier geschieht, das ist auch das Geschäft des lyrischen Dokumentarfilms.

Barstow, California. Dokumentarfilm. D 2018. Regie: Rainer Komers. 78 Min.

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