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Friedrich V. (Roland Bonjour, li.) berät sich mit Jan Jesenius (Varis Klausitajs, re.), im Hintergrund Friedrichs Frau Elisabeth Stuart (Rosa Bursztein).

"Die Eiserne Zeit", Arte

Keine Regeln, keine Gesetze

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Eine sechsteilige Dokumentation erzählt die chaotische, langwierige, ausweglose und markerschütternd schreckliche Geschichte des Dreißigjährigen Krieges.

Nicht nur der Mai 1968, sondern auch der Mai 1618 feierte in diesem Jahr ein rundes Jubiläum: Vor 300 Jahren warfen böhmische Rebellen die Gesandten des Habsburgischen Kaisers aus dem Fenster der Prager Burg auf einen Misthaufen, wo sie, so die Überlieferung, vergleichsweise leicht verletzt davonkamen. Was aber darauf folgte, entwickelte sich von einem anfangs chaotischen, von religiöser Feindschaft zwischen Katholizismus und Protestantismus geprägten regionalen Konflikt zu einem bis dato beispiellosen Krieg, einer Sequenz von ständig neu ins Geschehen eingreifenden Parteien, von Feldzügen und Belagerungen, von Plünderungen und Mordbrennereien unfassbaren Ausmaßes, das ein Drittel der Bewohner Deutschlands das Leben kostete.

Er begann mit einer Strafaktion der Kaiserischen gegen die böhmischen Rebellen, die in der Schlacht am Weißen Berg 1620 vernichtend geschlagen wurden. Aber die Situation unter Herrscherhäusern und kirchlichen Machthabern Europas war ein einziges Pulverfass, zumal keine der Parteien eine Fähigkeit, um Frieden zu verhandeln, erkennen ließ. Im Weltbild der herrschenden feudalen Kasten galten der dritte und vierte Stand ohnehin nur als Menschenmaterial, so dass es weit und breit keine Skrupel, aber auch keine Regeln und Gesetze gab, die irgendwen hätte schützen können. Zudem verfügte keine Kriegspartei über etwas wie einen eigenen Nachschub; die Versorgung der marodierenden Truppen hatte somit Plünderung als einzige Quelle.

Die sechsteilige Dokumentation „Die eiserne Zeit“ von Philippe Bérenger und Henrike Sandner erzählt die chaotische, langwierige, ausweglose und markerschütternd schreckliche Geschichte des Dreißigjährigen Krieges aus mehreren Perspektiven.

Einmal ist da der Maler Peter Paul Rubens, der von den Herrscherhäusern Europas mit glanzvollen Aufträgen versorgt wurde und nebenbei in einer eigenartig schillernden Funktion als Spion und Diplomat vor allem für die spanischen Habsburger tätig war. Dann der französische Kapuziner Père Joseph, rechte Hand des berüchtigten Kardinals Richelieu, des wohl einflussreichsten Politikers seiner Zeit in Frankreich. Und dann ist da Peter Hagendorf, ein deutscher Söldner im Dreißigjährigen Krieg, von dem ein Tagebuch überliefert ist, das Aufschluss über das Leben, Kämpfen und Sterben der Landsknechte und ihrer Angehörigen im 17. Jahrhundert gibt. Dass Hagedorn offenbar Protestant war, spielt für seine jeweilige Zugehörigkeit zu diversen Kriegsparteien eine so geringe Rolle, dass schon deshalb von einem Religionskrieg nicht die Rede sein kann.

Die Dokumentation ist von dem Bestreben geprägt, Lebensläufe einfacher Menschen, die häufig von einem frühen Tod beendet wurden, mit der Komplexität machtpolitischer Vorgänge zu vermitteln. Ein schwieriges Unterfangen. Vielleicht ein unmögliches. Dass sich zu den mörderischen Raubzügen der feindlichen Heere die Pest als massenhafte Todesursache gesellte; dass die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zugleich die hohe Zeit der Hexenverfolgung in Zentraleuropa gewesen ist, der allein in Deutschland zwischen 1570 und 1670 um die 40.000 Menschen zum Opfer fielen, spielt in dem Film nur eine randständige Rolle.

Der chaotische Verlauf des Krieges, die Interventionen Dänemarks und Schwedens, die Rolle Italiens, Spaniens, Frankreichs, des Habsburger Reiches, Englands, der geteilten Niederlande, der deutschen Provinzen und Städte wird einigermaßen ordentlich aufgefädelt, wichtige Namen und Akteure wie die agierenden Könige und Kaiser, Feldherren wie Wallenstein, Tilly, Holk und Gustav Adolf halbwegs angemessen gewürdigt. Was – schmerzhaft für Germanisten! – fehlt, ist ein näheres Eingehen auf den ersten modernen Barockroman, der sich  auch dem großen Krieg verdankt: der 1668 erschienene „Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der selbst Söldner war.

Zusammenfassend kann man über die Dokumentation sagen, dass sie einerseits sehenswert und historisch gewissenhaft ist, andererseits lückenhaft und willkürlich in der Wahl der Perspektiven. Dass sie sich aber tapfer und materialreich dem aussichtslosen Unterfangen stellt, die Zeit des Dreißigjährigen Krieges verständlich zu machen.

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