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Sie wussten nicht, was sie taten: Die Beatles, unterwegs.

„The Beatles: Eight Days a Week“

Keine Magical Mystery Tour

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Der neue Kino-Dokumentarfilm über die bedeutendste Popgruppe der Welt bleibt die erhofften Funde schuldig. Offenbar fehlte es an Budget und archivarischer Ausdauer.

Mit dem Vermächtnis der Beatles könnte man sich als Fan auch acht Tage pro Woche beschäftigen. Leider gewähren die Gralshüter der Archive der bedeutendsten Popgruppe der Welt nur alle Jubeljahre ein paar neue Tröpfchen vom heiligen Saft. Die letzte wirklich wichtige Veröffentlichung war im vergangenen Jahr eine teure Doppel-Bluray, die unter dem Titel „1“ endlich die berühmten Promo-Filme der Band in bester Qualität präsentierte.

Umso mehr Neugier weckt da ein neuer Kino-Dokumentarfilm über die Tournee-Jahre der Band. Noch dazu, wenn ihn Ron Howard verantwortet, der schon anderen Genies („A Beautiful Mind“) und Pionieren („Apollo 13“) bewegende Denkmäler setzte: Gegen so einen Beatles-Film, würdig und sachkundig, dabei nicht ganz frei von Pathos, hätte wohl niemand etwas einzuwenden. Leider ist „The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years“ trotz seiner Laufzeit von 138 Minuten weit entfernt von der erhofften Magical Mystery Tour.

Die Probleme liegen auf der Hand: Für eine komplette Tour-Geschichte fehlte es offenbar an Budget und archivarischer Ausdauer. Gerne würde man wunderbares Material optisch und akustisch aufbereitet sehen – etwa aus dem bekannten Mitschnitt vom 1966er-Auftritt im Münchner Zirkus-Krone-Bau. Für diesen halb eingelösten Anspruch beschneidet Howard seinen eigentlichen Erzählstrang, ein Kapitel der Beatles-Saga, das sich lohnte, einmal umfassend recherchiert und präsentiert zu werden: Die US-Rezeption der Band, die Anfang 1964 mit dem Nummer-1-Hit „I Want to Hold Your Hand“ und dem legendären Auftritt in der Ed-Sullivan-Show begann und als British Invasion bekannt wurde.

Auch der tragische Wendepunkt der bis dahin so glücklichen Geschichte der British Invasion ist bester Filmstoff mit seinem tragischen Helden: Einem John Lennon, der die Popularität der Band mit der von Jesus Christus vergleicht und dafür erwartungsgemäß sogleich in Teufels Küche schmort. Und schließlich doch, welche Katharsis, in den USA, deren Musikkultur die Beatles so viel verdankten, heimisch wird – bis zu seiner Ermordung 1980.

Doch Howard interessiert sich nicht für diese musikalischen Einflüsse. Ein gemeinsames Bild mit Fats Domino, viel mehr wird über die künstlerischen Verbindungen der Beatles zu den USA nicht gesagt. Kein Wort über die Everly Brothers oder über den historischen Wettstreit mit den Beach Boys, dem wir die ersten und wohl schönsten aller Konzeptalben verdanken. Vielleicht hätte Bob Dylan nein gesagt, aber Brian Wilson oder Paul Simon hätten sicher gerne Interviews gegeben.

Die einzige musikologische Perspektive kommt vom britischen Komponisten Howard Goodall, dem die seit Jahrzehnten in Beatles-Dokumentationen obligatorische Rolle zufällt, die Pilzköpfe anerkennend mit Mozart zu vergleichen. Freundlich aber schmallippig wirken die neuen Interviews mit Paul McCartney und Ringo Starr – kein Wunder, haben sie doch vor 20 Jahren bereits ihre Herzen ausgeschüttet in der neunteiligen, unübertroffenen Beatles-Doku „Anthology“.

Bliebe als letzte Freude noch das historische Filmmaterial – doch wie rückt Howard ihm zu Leibe: Alle schwarzweißen Konzertmitschnitte wurden im Format beschnitten und nachkoloriert – ein Verfahren, das man in den 80er Jahren glücklos an ein paar Klassikern erprobte und das seither praktisch geächtet ist. Das entwertet wiederum die raren echten Farbaufnahmen.

Was bleibt sind die bekannten Bilder der kreischenden Mädchen im Publikum, die schon in den Nachrichtenfilmen der 60er Jahre meist wichtiger gefunden wurden als das, was da auf der Bühne passierte. Wenigstens zwei dieser ehemaligen Fangirls dürfen nun auch sprechen: Whoopie Goldberg und Sigourney Weaver erzählen davon, wie sie die British Invasion schreiend und heulend aus der Publikumsperspektive erlebten: Geschlechterrollen, Rassenschranken, Jugendrechte – über Nacht wischten die Liverpooler den ganzen Muff bei Seite und wussten nicht einmal selbst, was sie taten. Das wäre mal eine Geschichte gewesen, eingerahmt vom großartigen Konzertfilm „The Beatles at Shea Stadium“ von 1966, dem bedeutendsten historischen Dokument dieser Art, von dem wieder nur Schnipsel zu sehen sind.

Aber so ist das nun mal mit den Beatles und ihrer endlosen Verwertungsgeschichte: Ganz bestimmt wird man uns diesen Tropfen auch noch restauriert aus dem Keller holen. Aber natürlich nicht gleich. Und dann zu einem stolzen Preis. We should have known better …

The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years. Dokumentarfilm. USA/GB 2016. Regie: Ron Howard. 138 Min.

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