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Keine Experten in Sachen Sterbehilfe

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Von: Mira Gajevic

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Moderator Günther Jauch.
Moderator Günther Jauch. © Jörg Carstensen

Gibt es ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben? Die Runde bei Günther Jauch blieb auch nach einer Stunde gebremster Diskussion in Moll am Sonntagabend uneins. Das Thema gebot es, dass sich die Gesprächspartner nicht heftig angingen. Viel schlauer war man danach aber auch nicht.

Beide Männer haben eines gemeinsam: Sie verloren ihre Ehefrauen durch Krebs, wie Günther Jauch zu Beginn der Sendung glaubte, betonen zu müssen. Es war der Versuch des TV-Talkers, etwas Gemeinsamkeit zwischen dem ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter und dem einstigen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering zu stiften. Denn eingeladen hatte er beide Männer nur, weil sie sich in den vergangenen Wochen über Gastbeiträge in der Süddeutschen Zeitung einen Schlagabtausch zum Thema Sterbehilfe geliefert hatten. Experten in dem Thema sind weder der im Rollstuhl sitzende frühere Fernsehmann Reiter noch der frühere Bundesarbeitsminister und das merkte man der Sendung an, sie blieb seltsam unergiebig. Reiter wiederholte zwar seine Forderung nach einem Recht auf einen selbstbestimmten Tod und argumentierte, niemand solle gezwungen sein, gegen seinen Willen ein Leben weiterzuführen, das er nicht mehr leben wolle. Doch viel mehr als verschiedene Varianten von "Das Prinzip der Selbstbestimmung sollte auch am Ende des Lebens gelten. Aktive Sterbehilfe muss möglich und erlaubt sein", bekam man an dem Abend von ihm nicht zu hören. 

Müntefering wiederum wiederholte in der Sendung seine Kritik, warum ihn der Gastbeitrag Reiters so empört hatte. "Wir dürfen den Menschen nicht signalisieren, wenn du dich nicht mehr selbst versorgen kannst, bist du nicht mehr zu gebrauchen. Das ist gefährlich. Jedes Leben ist wertvoll." Auf Fragen des SPD-Politikers, ob Reiter die Liberalisierung von Sterbehilfe auch für Jugendliche wolle und was mit den Depressiven sei, blieb Reiter unentschieden. Natürlich sei er nicht dafür, dass man Menschen in Not nicht helfe, aber für die, die sich vor die Eisenbahn werfen wollen, müsse es eine Alternative geben. Spätestens als er sagte, dass ein solches Angebot altersunabhängig sei, müsste eigentlich dem letzten Fernsehzuschauer klar gewesen sein, dass der MDR-Intendant vielleicht eine in ihrer Radikalität interessante Position vertritt. Dass diese aber Welten von einer politischen Umsetzung entfernt ist. 

Das Publikum klatscht

Immerhin, Jauch stellte diesmal durchaus intelligente Fragen, denen aber vor allem Reiter argumentativ nicht viel entgegensetzen konnte. Die Diskussion drehte sich dann noch ein bisschen um die Frage, welche gesellschaftlichen Folgen solche "Nützlichkeitserwägungen" (Müntefering) und die Geringschätzung für Menschen haben, die dement oder ein Pflegefall seien. Da war der SPD-Politiker wieder in seinem Thema. Er appellierte, in einer Welt, die deutlich älter werde, die Energie lieber darauf zu richten, "wie kann ich menschenwürdig sterben". Das Publikum klatschte auch an diesen Stellen, obwohl Münteferings Position gegen Sterbehilfe eigentlich nicht populär ist. In Umfragen sprechen sich immer wieder über zwei Drittel der Bevölkerung für Sterbehilfe aus.

Nicht immer ist jedoch klar, welche Form der Hilfe beim Sterben dabei eigentlich befürwortet wird. Die Redaktion von Günther Jauch bemühte sich um Klarstellung und stellte eine präzisere Frage, nämlich ob Ärzten in Deutschland Sterbehilfe erlaubt werden müsse. Auch hier befürworteten knapp 70 Prozent der Befragten dies, allerdings nur in den Fällen von unheilbar Erkrankten mit einer eng begrenzten Lebenserwartung. Mit einer völligen Liberalisierung, so wie sie Reiter beispielsweise fordert, hat das dann nichts mehr zu tun. 

Die Debatte wurde nicht wirklich munterer, als zwei weitere Gäste dazu kamen, Petra Bahr Pfarrerin und Kulturbeauftrage des Rates der EKD und Uwe-Christian Arnold, Urologe und Sterbehelfer, der nach eigenen Angaben hunderte Menschen in den Tod begleitet hat. Bahr argumentierte durchaus klug, aber aus einer sehr theologischen Position über das Geschenk des Lebens, das man nicht fort werfen dürfe. Viele Menschen vor dem Fernseher dürfte sie damit nicht überzeugt haben. Der Mediziner Arnold konterte denn auch, dass die Kirche mit dieser Haltung nicht für den eher säkular gestimmten Teil der Bevölkerung sprechen könne.  

Der Praktiker Reinhard Lindner, Oberarzt an der medizinisch-geriatrischen Klinik Albertinen-Haus in Hamburg und ehemaliger Leiter eines Therapie-Zentrums für Suizidgefährdete, der leider nur kurz von Jauch befragt wurde, erhellte die Debatte immerhin noch dadurch, dass er aufklärte, dass der Großteil der Menschen, die sich umbringen, dies nicht aus Angst davor täten, ein Pflegefall zu werden, sondern weil sie sich in einer schweren psychischen Krise befänden. Um daraus zu kommen, brauchen sie keinen Sterbehelfer, sondern psychotherapeutische Hilfe. "Doch die Angst vor dem Suizid führt dazu, dass man nicht genügend darüber weiß, wie das Innenleben von Suizidgefährdeten aussieht", kritisierte Lindner. 

Am Ende erfuhr man noch kurz, dass der Bundestag noch in diesem Jahr die organisierte Sterbehilfe verbieten will, möglicherweise aber auch nur erwerbsmäßige. Überhaupt nicht zur Debatte steht dagegen die völlige Freigabe der Hilfe zum Selbstmord, wie sie bei Jauch diskutiert wurde. Aber das macht nichts, wenn das Thema im Bundestag ist, wird es sicher wieder eine Talk-Runde dazu geben. 

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