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Albrecht Stubenladen 1950: Theo Albrecht (Arndt Klawitter) und Karl Albrecht (Christoph Bach, r).

"Die Aldi-Brüder"

Kein Tanz mit dem Teufel

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Raymond Leys Dokudrama "Die Aldi-Brüder" konzentriert sich auf die Entführung von Theo Albrecht und handelt den Aufstieg des Unternehmens zum Imperium eher nebenbei ab.

Wenn sich Filme mit zeitgeschichtlichen Ereignissen befassen, hat das in der Regel auch mit der Gegenwart zu tun. „Lehman. Gier frisst Herz“ zum Beispiel, ein erst vor wenigen Wochen ausgestrahltes Dokudrama von Raymond Ley, erzählte die Vorgeschichte der globalen Finanzkrise, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind; der Film endete mit der Warnung, dass sich so etwas jederzeit wiederholen könne. Einen entsprechenden aktuellen Bezug bleibt Leys jüngster Film, „Die Aldi-Brüder“, schuldig.

Abgesehen von der Tatsache, dass die meisten Zuschauer schon mal bei Aldi eingekauft haben, gibt es keine Berührungspunkte mit dem Schicksal von Theo Albrecht, der 1971 entführt und nach 17 Tagen gegen die Zahlung von sieben Millionen Mark Lösegeld wieder freigelassen worden ist. Natürlich kann man so eine Geschichte auch Jahrzehnte später noch erzählen; Peter Keglevic und Rainer Berg haben zum Beispiel aus der Entführung Richard Oetkers (1976) einen packenden Thriller gemacht („Der Tanz mit dem Teufel“, Sat.1 2001). Ley ist jedoch kein Regisseur, dem an vordergründiger Spannung liegt. Sein Metier ist die Geschichtsschreibung mit anderen Mitteln, zur Perfektion gebracht in „Eine mörderische Entscheidung“ (über den Luftangriff in Kundus, Grimme-Preis 2014). Kaum jemand versteht es so vortrefflich wie er, dokumentarische Elemente mit Spielszenen zu kombinieren und daraus einen ganz eigenen Reiz zu beziehen, weil er die beiden Ebenen so gut mit einander verknüpft, dass sie trotz des offenkundigen formalen Kontrasts zusammenwachsen.

Schon bei „Lehman“ hat das erstmals nur bedingt funktioniert, weil der Film ausgerechnet bei den Spielszenen, sonst Leys große Stärke, gewisse Schwächen hatte. Zumindest in dieser Hinsicht kann der Aldi-Film überzeugen. Trotzdem gibt es eine offenkundige Ungereimtheit: Ley hat die beiden Brüder mit Christoph Bach und Arnd Klawitter besetzt, aber seltsamerweise spielt der jüngere Bach (Jahrgang 1975) den älteren Brüder Karl und Klawitter (Jahrgang 1968) den zwei Jahre jüngeren Theo.

Womöglich wollte Ley mit dieser deutlich sichtbaren Altersdifferenz auch die charakterlichen Unterschiede betonen. Kaufmännisch setzen beide auf größtmögliche Effizienz, aber im Privatleben lässt es sich Karl deutlich besser gehen: Während Theo in kleinbürgerlich wirkenden Verhältnissen lebt und billige Anzüge trägt, besitzt Karl eine großzügige Villa mit Schwimmbecken und lässt sich vom Chauffeur zur Arbeit fahren. Laut Leys Film war dies auch der Grund, warum die Verbrecher Ollenburg und Kron (Peter Kurth, Ronald Kukulies) nicht ihn, sondern Theo entführt haben. Andere Quellen sprechen allerdings davon, dass die Entführer Karls angegriffenem Gesundheitszustand als zu großes Risiko betrachtet haben. 

Ungleich entscheidender als solche Details ist jedoch eine Zuschauerfrage, der sich jeder Film stellen muss: „Warum soll ich mir das ansehen?“ Leys Rekonstruktion der Entführung ist sicherlich detailgetreu; seine Arbeiten mögen zwar in den nicht dokumentierten Bereichen Spekulationen aufgrund von Tatsachen sein, aber sein Ziel ist stets die größtmögliche Authentizität. Nervenkitzel im herkömmlichen Krimisinn kommt jedoch in keinem Moment auf.

Das liegt nicht nur an der spannungsarmen Inszenierung der Entführung, sondern vor allem an der Distanz zu den Figuren; das war schon ein Problem bei „Lehman“ (Drehbuch hier wie dort: Dirk Eisfeld, diesmal gemeinsam mit Hannah und Raymond Ley). Der Film nutzt die Entführung als Rahmen, um den Aufstieg der Albrechts vom Einzelhändler Deutschlands größtem Discounter schildern (Aldi steht für Albrecht-Diskont).

Das ist phasenweise sogar spannender als die Rahmenhandlung, weil es Ley gut gelingt, die Firmenphilosophie mit Hilfe entsprechender Spielszenen sowie Gesprächen mit ehemaligen Aldi-Managern zu vermitteln. Was auf dieser Ebene zu kurz kommt, ist die zunehmende Entfremdung zwischen den Brüdern. Der expandierfreudige Karl spricht irgendwann davon, dass er seinen Bruder als Bremser empfinde, weshalb er schließlich die Aufteilung des Unternehmens in Nord und Süd vorschlägt, aber der Film beschränkt sich darauf, das Ende dieses schleichenden Prozesses zu verkünden.

Irritierend ist zudem, dass sowohl die beiden Albrechts wie auch ihre Frauen selbst in den Rückblenden ins Jahr 1952 kein bisschen jünger aussehen. Wirklich sehenswert ist vor allem der Kern des Films. Bei der Biografie der beiden Entführer bleibt das Drehbuch zwar äußerst sparsam – der eine, Kron, ein hartgesottener Berufsverbrecher, der andere, Ollenburg, ein spielsüchtiger Rechtsanwalt –, aber dennoch haben die Auseinandersetzungen zwischen Tätern und Opfer dank ihrer kammerspielartigen Intensität einen ganz eigenen Reiz.

Ley ist vielfach ausgezeichnet worden: Für „Die Nacht der großen Flut“ über die Hamburger Sturmflut 1962 bekam er den Deutschen Fernsehpreis (2006), für „Mörderische Entscheidung“ den Grimme-Preis (2014), für „Meine Tochter Anne Frank“ den Fernsehfilmpreis des Fernsehfilmfestivals Baden-Baden (2015). Im Vergleich zu diesen Arbeiten ist „Die Aldi-Brüder“ nicht nur wegen des sichtbar niedrigeren Budgets ein kleiner Film, in dem auch Zeitkolorit keine große Rolle spielt.

Weil sich das Drehbuch auf die Entführung und den nur oberflächlich abgehandelten Aufstieg der Albrechts zum Aldi-Imperium konzentriert, den Zwist zwischen den Brüdern aber auf rein ökonomische Fragen reduziert, bleibt dieses Potenzial weitgehend ungenutzt; aber vielleicht wollte Ley auch vermeiden, dass sein Film allzu große Ähnlichkeit mit den Spielfilmporträts „Duell der Brüder“ (RTL 2016) und „Die Dasslers“ (ARD 2017) über die beiden nicht minder prominenten und auf ähnliche Weise miteinander konkurrierenden Sportartikelhersteller Adolf und Rudolf Dassler bekommt.

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