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Kein Mann ohne Eigenschaften

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Georg Elser zieht bei den Härlens (Rüdiger Klink, Katharina Schüttler) ein und lernt seine große Liebe kennen.
Georg Elser zieht bei den Härlens (Rüdiger Klink, Katharina Schüttler) ein und lernt seine große Liebe kennen. © dpa

Oliver Hirschbiegels Spielfilm über den Hitler-Attentäter: „Elser – Er hätte die Welt verändert“. Der Streifen ist ein markantes Porträt eines Querkopfs, doch „Elser“ ist weit mehr als eine individuelle Entwicklungsgeschichte.

Von Frank Olbert

Unbekannte in den Gleichungen der Geschichte sind keine Überraschung. Im Fall des Johann Georg Elser gibt es gleich zwei davon: Wer war dieser Mann, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller Hitler töten wollte? Und wer könnten die Hintermänner dieses Attentats gewesen sein, das nur deshalb scheiterte, weil der Diktator den Ort des Geschehens dreizehn Minuten zu früh verließ? Dass Elser tatsächlich ein unbeschriebenes Blatt aus der schwäbischen Provinz, und dass er darüberhinaus ein Einzeltäter war, beides konnten seine Peiniger von der SS nicht glauben. Ein Mann ohne Eigenschaften als Herausforderer des nationalsozialistischen Regimes, des „Führers“ selbst, dies war nicht allein für Hitlers Schergen, dies war auch für die spätere Geschichtsschreibung eine Zumutung.

Im Vergleich zu den Männern des 20. Juli 1944 ist Elser also ein Phantom der deutschen Historie geblieben. Doch dass er sehr wohl Eigenschaften besaß, führt nun eindrucksvoll der neue Film von Oliver Hirschbiegel nach einem Drehbuch von Fred und Leonie-Claire Breinersdorfer vor Augen. Ein Einzelgänger in einer Zeit der Gleichschaltung war Elser sehr wohl, aber aus dem gesellschaftlichen Nichts kam er keineswegs.

Dramaturgisch bedient sich Hirschbiegel eines einfachen, aber wirkungsmächtigen Mittels, um die Person Elsers auszuloten: Beginnend mit der Vorbereitung der Bombe im Bürgerbräukeller über die Verhaftung bis hin zu den Verhören unter Folter, erstreckt sich die erzählerische Gegenwart – vertieft, erweitert und unterfüttert wird sie immer wieder durch Rückblenden, kleine Zeitreisen zurück ins Leben des jungen Elser, als dieser noch am Strand des Bodensees in die Saiten seiner Klampfe griff und so naturverbunden wie jugendbewegt deutsche Volkslieder anstimmte: „Kein schöner Land in dieser Zeit.“

Der Kontrast, der sich damit zum Land der Nationalsozialisten ergibt, ist nicht ironisch, er ist rabenschwarz und zutiefst erschütternd, zumal Hirschbiegel nicht die geringste Neigung zeigt, irgendetwas zu beschönigen. In der Tat sind die Szenen schwer zu ertragen, in denen Elser seinen Peinigern ausgesetzt ist, die ihn unter dem Befehl des Gestapo-Chefs Heinrich Müller quälen: Wenn sich eine Verschwörungstheorie, wie sie die Nazis im Zusammenhang mit dem Attentat ausbrüten, partout nicht bestätigen lässt, dann muss sie buchstäblich aus dem Delinquenten herausgefoltert werden – diese mörderische Konsequenz zeigt Hirschbiegel mit einem Nachdruck, der bereits seinen „Untergang“ über die letzten Tage im sogenannten Führerbunker unter der Berliner Reichskanzlei geprägt hat.

In „Elser“ muss sich freilich kein Bruno Ganz als Hitler verkleiden. Hier bringen bereits die Herkunft und die Sozialisation des Protagonisten mit sich, dass sich deutsche Geschichte eher aus der Graswurzel-Perspektive entfaltet: Elser wächst auf der Schwäbischen Alb auf, sein Heimatdorf Königsbronn trägt zwar einen klingenden Namen, ist aber in Wahrheit ein schäbiger Flecken, aus dessen Tristesse sich sein Vater in der Kneipe davonsäuft.

Georg Elser absolviert eine Schreinerlehre, er geht auf Wanderschaft und entdeckt am Bodensee die Freiheit und die Frauen – verträumt, romantisch, verliebt und lebensdurstig, so spielt Christian Friedel den späteren Hitler-Attentäter auf eine derart intensive Weise, dass er seinem Lehrer aus Michael Hanekes „Das weiße Band“ eine weitere Facette hinzufügt: Wo der Pädagoge die konstituierende Phase des Faschismus, seine Kinderjahre sozusagen, mit kritischem, aber distanziertem Blick verfolgte, ist Elser ein Hitzkopf, einer, der etwas tun will. Wenn nötig, auf eigene Faust.

So gelingt Hirschbiegel das markante Porträt eines Querkopfs, doch „Elser“ ist weit mehr als eine individuelle Entwicklungsgeschichte. Ebenso große Beobachtungskraft setzt der Film nämlich dort frei, wo es um Zeitgefühl, die mitunter schwer greifbare Aura und das Flair von Epochen geht: Vor dem Jahr 1933, wenn sich aus einem dumpfen Gemisch aus wirtschaftlicher Not, Unbildung und allerhand Ressentiments die radikalen Strömungen zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus herausbilden. Und nach 1933, wenn die Sache entschieden ist und der Dorfschläger von nebenan mit Pomade auf dem Scheitel als Vertreter der Herrenrasse auftritt. Ganz konkret, immer anschaulich, vollzieht Hirschbiegel all das nach, auf dem mit Hakenkreuzfahnen geschmückten Dorffest, auf dem die Kirchgänger plötzlich verhöhnt werden, im Wirtshaus, auf dem Marktplatz.

Am 8. November 1939 hätte Johann Georg Elser das blutigste Kapitel der deutschen Geschichte womöglich umschreiben können. Dass die große historische Tat im Kleinen beginnt, auch dies führt Hirschbiegels Film vor – mit großem Gespür für den inneren Konflikt Elsers, wenn der seine Geliebte (Katharina Schüttler) zurücklässt, um in München den Ort des Attentats vorzubereiten, in aller Stille und vollkommen einsam. Christian Friedel ist als Elser ein bescheidener Held, einer, der nicht der historischen Berufung folgt, sondern der inneren Stimme seines Gewissens. Auch darin setzt ihm Hirschbiegel ein würdiges Denkmal. Und der allzu seltenen Eigenschaft, für die dieser Mann steht: der Zivilcourage.

Elser. Deutschland 2015. Regie: Oliver Hirschbiegel. 110 Minuten.

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