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Kein echter Neuanfang

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Von: Harald Keller

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Natürlich hat Anwältin Isabel von Brede (Sabine Postel) auch einige Rechtsfälle zu bearbeiten, aber die landen in der Auftaktfolge nicht einmal vor Gericht.
Natürlich hat Anwältin Isabel von Brede (Sabine Postel) auch einige Rechtsfälle zu bearbeiten, aber die landen in der Auftaktfolge nicht einmal vor Gericht. © ARD/Georges Pauly

Mit „Die Kanzlei“ unternimmt Das Erste den Versuch, die beliebte Serie „Der Dicke“ ohne deren verstorbenen Hauptdarsteller fortzuführen. Der Auftakt geriet zum übertrieben harmonischen Kompromiss.

Ein echter Neuanfang in der Hamburger Kiezkanzlei, die aussieht wie eine Eckkneipe, war das noch nicht. „Die Kanzlei“ knüpft an die Serie „Der Dicke“ an, deren Hauptdarsteller Dieter Pfaff 2013 verstarb. Die von ihm seit 2005 verkörperte Serienfigur Gregor Ehrenberg hingegen lebt weiter. Zunächst gibt sein plötzliches Verschwinden den verbliebenen Kanzleimitarbeiterinnen, der Anwältin Isabel von Brede (Sabine Postel), der Sekretärin Yasmin (Sophie Dal) und der zur Ermittlerin aufgestiegenen Putzfrau Gudrun (Katrin Pollitt), noch Rätsel auf. Am Ende der ersten Folge findet sich eine Erklärung: Ehrenbergs in Stuttgart lebender Vater ist verstorben. Wie‘s mit Ehrenberg weitergeht, blieb vorerst noch offen.

In jedem Fall ist der sanfte Abschied von Ehrenberg damit eingeleitet. Allzu verstörende Ereignisse wie der Tod einer Hauptfigur werden den Zuschauern dieser Serie nicht zugemutet. Natürlich hatte Anwältin Isabel von Brede auch einige Rechtsfälle zu bearbeiten, aber die landeten in der Auftaktfolge nicht einmal vor Gericht. Ein sachliches Gespräch mit einem Zuhälter, eine Plauderei mit dem Staatsanwalt bei chinesischem Essen aus der Tüte, und die Dinge waren, ganz ohne zeitraubendes Aktenstudium, im Sinne der Mandanten bereinigt. Und der böse Supermarktfilialleiter, der den Verkäufer einer Obdachlosenzeitschrift vom Grundstück gewiesen und später übel verletzt hatte, versöhnte sich unter der Kennedy-Brücke mit seinem Vater, ebenfalls ein Unbehauster, der den Aufenthalt in geschlossenen Gebäuden nicht ertragen konnte. Auch die privaten Angelegenheiten der Kanzleiangestellten erhielten einigen Raum. Yasmin argwöhnte, ihr Lebensgefährte wolle sich von ihr trennen; ein Handlungsstrang, der, wenig überraschend, in einen Heiratsantrag mündete.

Dazu wurden immer wieder einmal Hamburgs Schönheiten in Szene gesetzt. Das Gespräch mit einer Zeugin fand an den Landungsbrücken statt, der Schwenk über die Hafenkulisse als Bindeglied zwischen wechselnden Schauplätzen war obligat.

Diese Folge mit dem Titel „Auf der Suche“ war ein Zwischenspiel, ein Scharnier zwischen dem alten Zyklus und der modifizierten Fortsetzung. Im Weiteren wird Herbert Knaup in der Rolle des Anwalts Markus Gellert zum Ensemble stoßen. Das Erste beschreibt diese Figur in einer Vorschau als „undurchschaubar“. Ein wenig Undurchschaubarkeit im Sinne reduzierter Vorhersehbarkeit wäre dieser Serie zu wünschen, ebenso schärfer modulierte Konflikte, bissigere Dialoge und komplexere Plots. Bleibt es indessen bei der Tonart der ersten Folge, verharrt die Serie auf dem Niveau der heiter-besinnlichen Kurzgeschichten, wie sie früher in den Wochenendbeilagen der Tageblätter zu lesen waren. Und wird über den Status der Belanglosigkeit kaum hinausgelangen.

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