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Die Goldminen sind leer: Julio Machado in "Joaquim".

Berlinale

Katzengold

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Das große Film-Glück fehlt noch auf der Berlinale: Wettbewerbsbeiträge aus Brasilien und Korea von Marcelo Gomes und Hong Sangsoo.

Wenn es eine Filmfigur gibt, mit der man sich bei dieser Berlinale identifizieren könnte, dann wohl einer der Goldsucher aus Marcelo Gomes’ Film „Joaquim“. Nicht dass diese Desperados aus dem Brasilien des 18. Jahrhunderts besonders viel Sympathie verdienten. Doch man teilt mit ihnen das ausbleibende Finderglück. Wenigstens für etwas Katzengold wäre man hier schon dankbar, doch im Endspurt dieser Berlinale konzentrieren sich die meisten Gespräche auf Vergangenes.

Denn Besseres als die am ersten Wettbewerbstag gezeigte ungarische Schlachthofromanze von Ildikó Enyedi oder wenigstens Josef Haders „Wilde Maus“ und Aki Kaurismäkis Tragikomödie „The Other Side of Hope“ weiß hier niemand zu benennen. So füllen wir unsere Siebe weiterhin mit trübem Wasser und in ihnen verfangen sich nur Flusskiesel. Immerhin bleibt uns das traurige Schicksal von Titelfigur Joaquim erspart, der seine Elendsgeschichte erzählt, nachdem man ihn bereits enthauptet und gevierteilt hat.

Eine wacklige Handkamera führt in der Folge in die von Sklaverei und Korruption geprägte portugiesische Kolonie. Die Goldminen versiegen und ein Leutnant macht Jagd auf Schmuggler des Edelmetalls. Vom Kopfgeld hofft er, eine Sklavin von ihrem brutalen Halter freizukaufen, doch man mag bezweifeln, dass sie es bei ihm besser hätte. Ein guter Geschäftsmann ist er nicht; die Beharrlichkeit seiner Nachfrage steigert nur den Preis. Und da man ihm auch seine Jagdprämien verweigert, macht er sich selbst zum Sklaventreiber, indem er ein paar Helfer durch flache Gebirgsflüsse jagt.

Genrereferenzen an den Western oder an Sklavenfilme kokettieren mit dem Exploitationgenre, dem der Film trotz etwas Kolonialismuskritik auch tatsächlich näher ist als dem anderen Extrem: einem vermeintlichen Kunstkino, das Gomes durch lange, ereignislose Szenen zu bedienen versucht. Die wenigen Spannungsmomente entstehen etwa dadurch, dass vor der Überquerung eines Flusses auf dessen angeblichen Piranha-Gehalt verwiesen wird. Man kann mit diesem Trick größeren Eindruck machen, wenn man ihn mit Fünfjährigen auf einem Wasserspielplatz probiert.

Bei keinem Festival ist alles Gold, was glänzt – hier ist man schon mit einem blassen Schimmern zufrieden. Dieses kam vom Koreaner Hong Sangsoo, einer verlässlichen Größe im internationalen Festivalzirkel.

Mit seinem wohl populärsten Film „Hahaha – Oki’s Movie“ gewann er im Jahr 2010 in Cannes die Certain-Regard-Sektion, vor zwei Jahren erhielt er ebenso verdient einen goldenen Locarno-Leoparden mit „Right Now, Wrong Then“, der verträumten Miniatur um einen reisenden Filmregisseur und Müßiggänger. Auch Martin Scorsese zählt zu den Bewunderern seiner lebensvollen Miniaturen; nun zeigt Berlin sein neues Werk „On the Beach at Night Alone“.

Hong Sangsoos verhinderte Liebesfilme leben von der Ohnmacht der Sprache, selbst bei jenen, die sich beruflich ihrer bedienen müssten, weil sie sich im Kulturbetrieb tummeln: bei Künstlern, Dichtern, Regisseuren oder, in diesem Fall, einer umworbenen Schauspielerin. Aus Liebeskummer hat sie dem verheirateten Regisseur, mit dem sie eine Affäre verbindet, den Rücken gekehrt und hofft doch insgeheim, von ihm zu hören. Ihr temporärer Rückzug führt sie in ein winterliches Hamburg, von dem man allerdings wenig mehr sieht als eine Parkbank und einen Buchladen. Wenn sie nach ihrer Rückkehr von den schönen Körpern westlicher Männer schwärmt, kichert das Berliner Publikum geschmeichelt. Anerkennend nicken auch ihre Freunde, doch aus dem wenigen, was uns der Film von ihrer deutschen Eskapade zeigt, können wir es nicht bestätigen.

Tatsächlich ist die vom koreanischen Filmstar Kim Minhee („Die Taschendiebin“) gespielte junge Diva weit entfernt davon, etwaige Abenteuer zu genießen. Schließlich lässt sie sich, kann das wirklich Zufall sein, von den Assistenten des geliebten Filmemachers als vagabundierende Strand-Schläferin auflesen.

Wie mag dieser feine, aber mit Mut zur Lücke gesponnene Film wohl auf den Jurypräsidenten Paul Verhoeven wirken? Ähnlich wie Aki Kaurismäki zeigt sich hier einer der verlässlichen Autorenfilmer der Gegenwart auf der Höhe des eigenen Niveaus. Wie gerne aber sähen wir noch zum Finale jemanden über sich hinauswachsen.

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