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Katastrophe ohne Ausweg: der Krieg der USA nach 9/11. 

„9/11 – Die Welt danach“, Arte

Katastrophe ohne Ausweg

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Ilan Zivs zeichnet auf Arte ein deprimierendes Bild einer strukturellen Dummheit von Militär und Politik.

Es ist erschütternd, mit was für dürftigen Grundsätzen, mit welch minderbemitteltem Problembewusstsein Staaten regiert und Kriege erklärt werden. Die Idiotie der Reaktionen, die die Regierung des Präsidenten George W. Busch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in die Welt setzte, war so monumental und konsequent, dass all die Dämlichkeiten davor, die zugelassen hatten, dass sich Infrastruktur und ideologischer Bodensatz für eine neue Art von islamistischem Terrorismus ungestört ausbreiten konnten, schon fast unauffällig wirken. 

Für beide Phasen der außen- und militärpolitischen Fehlleistungen – also vor und nach dem 11. September 2001 – ist der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA nicht allein, aber maßgeblich verantwortlich. Die CIA war am Ende des letzten Jahrhunderts ordentlich informiert über alles, was im alten russischen Reich geschah, aber sie beschäftigte nicht einmal genügend Leute mit arabischen Sprache- und Politik-Kenntnissen, um auch nur die wichtigsten Vorgänge im Nahen Osten zu kapieren. 

So nahm der Schlamassel seinen Lauf, den Ilan Zivs Dokumentarfilm vergleichsweise sachlich diskret ausleuchtet und nacherzählt. Es ist eine Katastrophe ohne Ausweg, in die sich die USA ohne jegliches Problembewusstsein hineingestürzt haben. Und es ist nicht zu erwarten, dass die gegenwärtige Regierung, die offenbar intellektuell noch viel unbedarfter, verständnis- und bedenkenloser agiert, Auswege findet. Der zentrale Fehler bestand offenbar darin, dass das, was die USA gegen den Terrorismus zu tun gedachte, als Krieg definiert wurde. Bei diesem Wort schweben einem Kommisskopf die üblichen Verläufe vor: Angriff, Schlacht, überlegene Waffen, Helden, Sieg. 

Gut, im Krieg des größten Teils der Welt gegen den deutschen Nationalsozialismus waren etliche Probleme gelöst worden, die die Welt anders kaum in den Griff bekommen hätte. Aber diesen Sieg des Politik- und Wirtschafts-Modells der westlichen Demokratie als Blaupause für den Krieg gegen den Dschihad, gegen Al Qaeda beziehungsweise Al Kaida, gegen das riesige Projekt eines neuerlichen Kalifats zu nehmen, war ein Fehler, den man eigentlich nur mit kompletter Verblendung oder, sagen wir das Wort noch einmal, militaristischer Idiotie erklären kann. 

Dass jegliche Begründung für den Afghanistan-Krieg und den Irak-Krieg auf Fehlinformationen, absichtsvollen Lügen und fehlgeleiteten Einschätzungen basierte sowie auf einem furchtbaren Mangel an Wissen über die Gegner und einer gänzlich fehlenden zivilen und sozialen Perspektive , ist eine Tatsache, deren Folgen heute unter anderem in Syrien ausgebadet werden. Ilan Zivs Film geht, anders als dieser Text, mit wenig Eifer und ohne spürbaren Zorn vor und kann so immerhin ein Narrativ für die kumulierte Dummheit westlicher Außen- und Militärpolitik liefern. 

Das macht ihn unbedingt sehenswert. Die sachgerechte Analyse massiver gewaltförmiger Borniertheit in grauen Anzügen und besternten Uniformen ist eine beachtliche Leistung. Schön auch die abgefilmte Galerie nachträglich selbstgerecht bedauerter Hilflosigkeit, die subtile Charakterisierung intellektueller Bescheidenheit und fehlender sozialer und strategischer Fantasie in der Politik. Dass da weit und breit kein Ausweg ins Blickfeld rückt, kann man dem Film nicht vorwerfen.

„9/11 – Die Welt danach“, Arte (zwei Teile à 54 Min.), 12.. März, 20:15 Uhr. Im Netz: Arte +7

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