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Nach einem Brand während eines Raves unter Münchens Hauptbahnhof vermisst Nellie (Lilly Charlotte Dreesen, l) ihren Bruder Max. Ihr Influencer-Freund Janosch (Yasin Boynuince) ist ihr keine große Hilfe in einer Szene aus „Katakomben“
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Nach einem Brand während eines Raves unter Münchens Hauptbahnhof vermisst Nellie (Lilly Charlotte Dreesen, l) ihren Bruder Max. Ihr Influencer-Freund Janosch (Yasin Boynuince) ist ihr keine große Hilfe.

TV-Kritik

„Katakomben“ (Joyn Plus): Sozialdrama über Münchens High-Society und Unterwelt

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Die aufwändig gestaltete Serie „Katakomben“ auf Joyn Plus ist ein düsteres Antimärchen mit eindrucksvollen Bildern, guten Akteur:innen und einer fesselnden Geschichte.

  • „Katakomben“ (Joyn Plus) erzählt in sechs Teilen vom Aufeinandertreffen verwöhnter Jugendliche aus der Münchner Oberschicht auf die Bewohner der Unterwelt.
  • Die Serie ist Krimi und aufklärerisches Sozialdrama zugleich.
  • Die Umsetzung bedient sich an den Genres Horror und Mystery.

München - Meist sind es Regisseurinnen oder Regisseuren, die Qualität versprechen. In diesem Fall ist es die Produktionsfirma: Das junge Unternehmen Neuesuper hat unter anderem Serien wie „Hindafing“ (BR), „Breaking Even“ (Neo) und „8 Tage“ (Sky) hergestellt. Mit „Katakomben“ macht sich nun auch Jakob M. Erwa einen Namen; der Österreicher ist für seine Verfilmung des Jugendbuchs „Die Mitte der Welt“ (2016) bereits mit dem Bayerischen Filmpreis als Bester Nachwuchsregisseur ausgezeichnet worden.

Die sechsteilige Serie, die er gemeinsam mit Koautor und Produzent Florian Kamhuber entwickelt hat, erzählt vom Aufeinanderprallen zweier Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Bei einem illegalen Rave unter dem Münchener Hauptbahnhof treffen verwöhnte Jugendliche aus der Oberschicht auf die Bewohner der Unterwelt. Was nach Horrorfilm klingt, entpuppt sich als aufklärerisches Sozialdrama, das mit den Mitteln des Thrillers eine unanständige Doppelmoral anprangert: Die bessere Gesellschaft akzeptiert die rechtsfreie unterirdische Parallelwelt, weil auf diese Weise Obdachlose und Junkies aus dem Stadtbild verschwunden sind.

„Katakomben“ (Joyn Plus): Nellie glaubt, sie kennt das Leben - in Wirklichkeit hat sie keine Ahnung

Schon die Gestaltung des Vorspanns ist clever: Oben entsteht in orangefarbener Neonschrift die Skyline von München, unten bildet sich in kühlem Blau eine verwirrende Verästelung; und dann wird das Unterste nach oben gekehrt. Die ersten Bilder wirken harmlos: Eine Frau hat ihr Nachtlager in einer U-Bahnstation aufgeschlagen; vorbeikommende Jugendliche verteilen ein bisschen Flitter über ihr. Aber dann wird ihr Hund unruhig: Kleine Rauschwaden steigen aus der Unterwelt empor, plötzlich strömen viele Menschen in Panik an die Oberfläche, schließlich ist alles voller Qualm; und eine junge Frau ruft verzweifelt nach ihrem Bruder.

Nellie (Lilly Charlotte Dreesen, Hauptdarstellerin der ersten „Druck“-Staffeln) ist die Prinzessin der Geschichte. Sie kommt aus einer Luxuswelt, die Erwa und Kameramann Julian Krubasik in entsprechend hellen, freundlichen Farben zeigen. Nellie studiert und glaubt, sie kenne das Leben; in Wirklichkeit hat sie keine Ahnung. Ihr in jeder Hinsicht düsterer Gegenentwurf ist die wortkarge Tyler (Mercedes Müller), die sich als Engel der Gestrauchelten entpuppt. Sie ist eine Art Mittlerin zwischen den Welten, versorgt die Menschen mit abgelaufenen Medikamenten und kümmert sich um eine schwerkranke Mutter und deren kleinen Sohn. Nellie bittet Tyler, ihr bei der Suche nach Max (Nick Romeo Reimann) zu helfen. Der jüngere Bruder war ebenfalls auf der Party und ist seither verschwunden. Seine Freundin wird gefunden, allerdings tot; von Max und einem weiteren Jungen fehlt jede Spur.

„Katakomben“ (Joyn Plus): Erzählungen aus den Perspektiven mehrerer Figuren

Geschickt verteilen Kamhuber, Erwa und ihr Drehbuchteam die Erzählung auf die Perspektive mehrerer Figuren. Weitere Protagonisten sind eine erfahrene Bundespolizistin (Sabine Timoteo) und ein junger Staatsanwalt (Yung Ngo): Sie mischt sich immer wieder in den Fall ein, weil sie ein sehr persönliches Interesse an den Ereignissen hat; er muss sie mehrfach darauf hinweisen, dass sie ihre Kompetenzen überschreitet, tut das aber sehr rücksichtsvoll, weil er sich trotz ihres harschen Wesens in die Polizistin verliebt hat.

Und dann gibt es noch eine ganz andere Ebene, die nur mittelbar mit dem Rave und seinen Folgen zu tun hat. In der Nähe des Hauptbahnhofs soll das ehrgeizige Bauprojekt „Unity Tower“ entstehen, mit dem eine junge Architektin Lisa (Marleen Lohse) ein Symbol für „vertikale Integration“ errichten will. Nellies Mutter (Aglaia Szyszkowitz) ist Baustadträtin und präsentiert vor den Kameras gern ihr großes Herz für Obdachlose, versucht jedoch, das Projekt zu sabotieren. Sie hat sich auf Geschäftspartner eingelassen, die bei ihren Methoden nicht zimperlich sind.

Zur Sendung

„Katakomben“, 11.3.2021, Joyn Plus, ab 0.00 Uhr

„Katakomben“ (Joyn Plus): Influencer, Bling Bling und High Society - ein kompletter Schwindel

Eine besondere Rolle spielt Nellies bester Freund Janosch (Yasin Boynuince), ein Influencer, der seinen Anhängern ständig Einblicke in sein aufregendes High-Society-Dasein bietet. Dabei sind seine Bling-Bling-Auftritte ein kompletter Schwindel: Er lebt mit seinem Vater (Michel A. Grimm), einem Kanalarbeiter, in einem Wohnsilo am Rand der Stadt; und selbst das ist nicht die ganze Wahrheit. Mit großem Geschick verknüpft die Serie die multiperspektivische Handlung zu einer komplexen Geschichte, sodass der Wechsel der Erzählebenen nie sprunghaft erscheint. Zu Beginn jeder Folge liefern Kamhuber und Erwa neue Erkenntnisse darüber, was sich in jener verhängnisvollen Nacht tatsächlich ereignet hat, und es zeigt sich, dass niemand ohne Schuld ist: weder Nellie noch Tyler noch Max; und erst recht nicht die Erwachsenen.

Gegen Ende ufert der Janosch-Strang etwas aus, aber ansonsten ist die Serie durchgehend fesselnd, zumal sich aus den verschiedenen Perspektiven eine reizvolle Mischung ergibt. Über allem schwebt das Vorzeichen Drama, aber Erwa bedient sich bei seiner Umsetzung auch bei den Genres Horror und Mystery. Die aufwändige Bildgestaltung ist ohnehin von herausragender Qualität; Julian Krubasik war unter anderem für die bemerkenswerte Optik von Verena Altenbergers Premiere als neue Münchener „Polizeiruf“-Kommissarin verantwortlich („Der Ort, von dem Wolken kommen“, 2019). Wichtig für die Wirkung der Bilder ist auch die Musik (David Reichelt), selbst wenn sie mitunter bloß aus unmelodischen elektronischen Tonfolgen besteht. Die akustisch wirkungsvollsten Szenen sind allerdings die stillen Aufnahmen eines „Silent Rave“, bei dem die Besucher zu Musik aus dem Kopfhörer tanzen. (Tilmann P. Gangloff)

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