Karte statt Cash: Sind die Tage des Bargelds gezählt?
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Karte statt Cash: Sind die Tage des Bargelds gezählt? Diese Frage versucht eine ZDF-Doku zu beantworten.

TV-Kritik

„Karte oder Cash – Schafft Corona das Bargeld ab?“ im ZDF: Nur Bares ist Wahres

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Die ZDF-Reportage informiert sehr kurzweilig über die Vor- und Nachteile des bargeldlosen Zahlungsverkehrs.

Spätestens das Schlussbild lässt keinen Zweifel mehr: Kersten Schüßler möchte nicht, dass das Bargeld abgeschafft wird. Zumindest hierzulande ist damit auch nicht so schnell zu rechnen, selbst wenn die Anzahl der Kreditkartenzahler im Zuge der Corona-Pandemie deutlich zugenommen hat; viele Menschen fürchten, Münzen oder Banknoten könnten das Virus übertragen. Anderswo hingegen kann man teilweise gar nicht mehr bar bezahlen: Schüßler ist für seine ZDF-Reportage „Karte oder Cash“ nach Stockholm gereist und seine eigens besorgten schwedischen Kronen nur mit Mühe losgeworden. Er begleitet einen Deutschen, der mit seiner Familie in der Hauptstadt lebt und unbesorgt ohne Bargeld aus dem Haus gehen kann. Ein Bäcker erklärt, warum er bargeldlosen Zahlungsverkehr sehr schätzt: Man könne nicht mehr beklaut werden. Auf dem Markt bezahlt Schüßlers Reiseführer durch diese bargeldlose Welt mit seinem Smartphone. Das dauert zwar ein bisschen länger, aber wer auf einem Markt einkauft, hat es in der Regel ohnehin nicht eilig.

Der Reporter schlägt einen leutseligen Ton an, macht aber keinen Hehl daraus, dass ihm die Zahlungsweise sehr suspekt ist. Der deutsche Stockholmer überweist seinen Kindern das Taschengeld ebenfalls per Smartphone und kann bei seinem Sohn lückenlos nachvollziehen, wofür der sein Geld ausgegeben hat. Innerfamiliär mag das noch angehen, aber wer nicht will, dass große Konzerne Konsumdaten sammeln, sollte lieber bar zahlen. Die Chinesen sind sogar schon einen Schritt weiter: „Zahle mit deinem Lächeln“, heißt ein Pilotprojekt, das auf der Gesichtserkennung basiert. Kein Wunder, dass Wirtschaftsinformatikerin Sarah Spiekermann (Wirtschaftsuniversität Wien) von Überwachungskapitalismus spricht.

Andererseits ist Bargeld quasi die Voraussetzung für Steuerflucht und Schwarzgeldzahlung. Eine ehrliche Berliner Gastronomin erläutert die Methode, mit deren Hilfe die schwarzen Schafe ihrer Branche dem Fiskus viel Geld vorenthalten: Ein Kellner wird auf Minijob-Basis eingestellt, hat jedoch in Wirklichkeit eine Vierzig-Stunden-Woche. Offiziell bekommt er 400 Euro; den Rest gibt’s bar auf die Hand. Kein Wunder, dass die lautstärksten Befürworter der Bargeldabschaffung, unter anderem eine von großen Kreditkartenfirmen gegründete Initiative namens „Better Than Cash“, als Hauptargument die Eindämmung der Kriminalität nennen. Selbst Johannes Beermann, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, bezweifelt jedoch, dass sich die Schattenwirtschaft – angeblich entgehen dem deutschen Staat pro Jahr bis zu zehn Milliarden Euro an Steuergeldern – auf diese Weise beenden ließe. An eine Übertragung des Corona-Virus via Banknoten glaubt er im Übrigen ebenfalls nicht.

„Karte oder Cash“ dauert nur knapp dreißig Minuten, Kurzweiligkeit ist da gewissermaßen eingepreist. Für optische Auflockerung sorgt zudem die Idee, Bilder etwa von Straßenumfragen auf Schaufenster und Hausfassaden zu projizieren. Angesichts der vielen Aspekte, die Schüßler mit seiner Reportage beleuchtet, besteht allerdings die Gefahr einer gewissen Kurzatmigkeit. Trotz ihres Facettenreichtums und der Reisen kreuz und quer über den Kontinent ist die Reportage jedoch weder sprunghaft noch oberflächlich, selbst wenn selbstverständlich auch der industrielle Handel mit den Daten sowie die nahezu völlige Transparenz des menschlichen Daseins zur Sprache kommen. Und während es sonst oft eitel wirkt, wenn sich Reporter ins Bild stellen, ist es tatsächlich ein Vergnügen, Schüßler bei seiner Recherche zuzuschauen, zumal er offenbar ein angenehmer Gesprächspartner ist; jedenfalls wirken die sorgsam ausgewählten Männer und Frauen, mit denen er spricht, sehr entspannt.

Der entscheidende Punkt ist jedoch die Nähe, die Schüßler auch zu seinen Zuschauern herstellt. Das Thema mag zwischendurch abstrakt werden, aber er findet jedes Mal Kriterien, die für Verbraucher von Bedeutung sind. Diese Nähe erreicht er auch, indem er den Worten stets Taten folgen lässt: Wenn ein Berliner Start-up-Unternehmen eine Möglichkeit gefunden hat, bargeldlos zu zahlen, ohne digitale Spuren zu hinterlassen, dann lässt sich der Autor das nicht nur erklären, er geht mit dem jungen Leiter der Firma auch gleich mal einkaufen. Der sympathische Epilog schließlich illustriert das kleine Glück, das jeder kennt, wenn man auf der Straße eine Münze findet. Auch das gäbe es nicht mehr, wenn das Bargeld abgeschafft würde. (Von Tilmann P. Gangloff)

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