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Artur Brauner, deutscher Filmproduzent polnischer Herkunft. Brauner und seine Familie wurden von den Nationalsozialisten während der Besetzung Polens verfolgt.

„Verfluchte Liebe deutscher Film“, Arte

Kann Filmemachen einfach sein?

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In ihrem erhellenden Dokumentarfilm „Verfluchte Liebe deutscher Film“ widmen sich Dominik Graf und Johannes F. Sievert der Generation um Klaus Lemke & Co.

Wenn man durch die deutsche Filmgeschichte geht, stolpert man immer wieder über das Oberhausener Manifest. Papas Kino war tot, ein neues musste her. Es herrschte allgemeine Unzufriedenheit über das, was seit dem Krieg auf deutschen Leinwänden zu sehen war. Wie vorher die Novelle Vague und später New Hollywood wollte man sich neu erfinden. Das Manifest wurde 1962 beim inzwischen legendären Festival im Ruhrgebiet verkündet. Doch wie bei fast jeder Bewegung gab es auch hier eine Gegenströmung. Um diese kümmern sich nun Dominik Graf und Johannes F. Sievert in ihrem munteren Dokumentarfilm „Verfluchte Liebe Deutscher Film“, der auf Arte leider nur in einer 60-Minuten-Version läuft, auf der Berlinale war die 90-minütige Fassung zu sehen.

Es geht da nicht um die international anerkannten Protagonisten des Neuen Deutschen Films wie Alexander Kluge, Edgar Reitz und die Brüder Schamoni & Co., sondern um Regisseure wie Roland Klick und Klaus Lemke, aber auch um Schauspieler wie Mario Adorf – in diesem Film wunderbar aufgelegt. Sie alle verkaufen steile Thesen, machen das mit einer solch arrogant-selbstverständlichen Lässigkeit, dass man ihnen vielleicht gern glauben würde, aber es nicht so recht vermag. Klaus Lemke sitzt mit Sonnenbrille und Baskenmütze vor Graf, bekräftigt alle seine Aussagen gestisch frei nach Kinski und behauptet großspurig, die Oberhausener seien alles reiche Kids gewesen, die in ihrem Filmschaffen im Grunde nur ihre eigenen Abituraufsätze wiederholen wollten. Das klingt nach radikaler Abgrenzung, vielleicht aber auch ein wenig nach Neid.

Die Filme von Lemke und Klick haben tatsächlich nicht so viel mit gut ausgearbeiteten Schulklausuren zu tun. Lemkes „Brandstifter“ etwa zeigt eine Gruppe junger Menschen, die sich zusammentun und radikal gegen die politische Ordnung aufbegehren. Der Film ist ein Jahr nach dem Anschlag auf das Frankfurter Kaufhaus Schneider entstanden, verübt von Andreas Baader und Genossen. Lemke hört sich so an, als hätte er dauernd mit Bader in Kneipen abgehangen, wäre sein bester Freund gewesen,  habe ihn nur nicht zum Film bringen können.

Die Hauptrolle in Brandstifter spielt übrigens Margarethe von Trotta. Sie ist wie auch Helke Sander und Ula Stöckel eine der Frauen, die nach Oberhausen zu Regisseurinnen wurden, was zuvor in dieser Form im deutschen Kino kaum denkbar war. Und auch in der „Bewegung“ – wenn man sie denn so nennen mag – der Münchener jungen Wilden wie Lemke und Klick geht es inhaltlich zwar – vor allem bei Lemke – immer wieder um Frauen, aber hinter der Kamera sucht man sie vergeblich.

Mario Adorf, der in Deutschland und Italien spielte, erzählt amüsant und amüsiert über die Arbeit mit dem „irren“ Roland Klick, der ihn in „Deadlock“ durch die Wüste jagte und dann überfahren lassen wollte – ohne zu schneiden. Klicks Plan war nicht durchzuziehen, so Adorf – zum Glück. Man kann von Adorf halten was man möchte, aber es ist ohne Zweifel beeindruckend, wie er da sitzt und sich noch genau an einen Text von einem Film erinnert, für den er Berliner Dialekt lernen musste. Wort für Wort. Der Mann hat laut Internet Movie Database in 216 Filmen mitgewirkt.

Ebenso beeindruckend ist Roland Klicks „Supermarkt“, der – auch von Graf und Sievert  thematisiert – ein wenig New Hollywood vorwegnahm. Zwischen dunklen Straßen und grellem Neonlicht  macht da der Protagonist Bekanntschaft mit einer jungen Prostituierten – zwei Jahre vor „Taxi Driver“.

Die Regisseure um Klick, Lemke oder Roger Fritz hörten dann mit ihrer wirklich aktiven Zeit auf, als es immer schwieriger wurde, „einfach“ einen Film zu machen. Anfang der 70er holte Kluge die Fernsehgelder für Kinofilme mit ins Boot, im Gegenzug für die exklusiven Erstausstrahlungsrechte. Produzent Arthur Brauner – mittlerweile stolze 98 Jahre alt – erzählt etwas zu anekdotisch, dass in seiner Zeit Verleihverträge noch auf einer Restaurantquittung gemacht wurden und es einen Tag dauerte, einen Film zu finanzieren, nicht Jahre. Sicher ist das stark vereinfacht, aber Lemke, Klick & Co. erwecken mit ihren ungestümen Filmen das Gefühl einer Leichtigkeit – mag es stimmen oder nicht – die den Anschein erweckt, jeder könne sowas zu jederzeit herstellen, man müsse nur die Kamera nehmen und rausgehen.

Doch wenn der Film auch irgendwo laufen, ein Publikum bekommen soll, dann sind wir damals wie heute weit von irgendeiner Einfachheit entfernt. Das zeigt nicht zuletzt dieses deutsche Kinojahr, ein inhaltlich ungewöhnlich starkes. Der völlig unterschätzte Film „Schau mich nicht so an“ von der Deutsch-Mongolin Uisenma Borchu hatte zum Beispiel irrsinnige Probleme, weil ihr Film – die Geschichte von zwei Frauen erzählend, die miteinander anbandeln – zu radikal und zu weiblich sei.

Wahrscheinlich waren Finanzierung und Vertrieb früher nicht viel einfacher, aber Lemke und seine Kollegen sind Meister darin, es so zu verkaufen. Vor allem in diesem Dokumentarfilm.

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