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Adrian (Jeremy Miliker) mit einer brennenden Rakete in der Wohnung.

"Die Beste aller Welten"

Kampf gegen den Dämon Droge

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Das Drama "Die Beste aller Welten" erzählt ungemein authentisch und berührend von einer süchtigen Mutter und ihrem kleinen Jungen.

„Die Beste aller Welten“: Der Titel klingt mindestens sarkastisch, wenn nicht gar zynisch. Der kleine Adrian wächst in einer Umgebung auf, die von Drogen und Alkohol geprägt ist. Seine Mutter Helga ist zwar überzeugt, ihre Sucht im Griff zu haben, aber dann setzt sie sich doch wieder den nächsten Schuss. Ihr siebenjähriger Sohn, und das ist das Frappierende an diesem Film, ist trotzdem ein fröhliches, weitgehend unbeschwertes Kind, das davon träumt, später mal ein Abenteurer zu werden und Monster zu besiegen. In seinen Träumen muss er als Kämpfer in grauer Vorzeit gegen einen Dämon antreten, der in einer Höhle angekettet ist. Als sich das Ungeheuer eines Tages von seinen Fesseln befreit, hat der Held nur eine Chance: Er muss das Monster mit einer magischen Pfeilspitze erlegen.

Dieser in der Tat recht gruselig anzuschauende Dämon steht natürlich für die Drogensucht der Mutter, und spätestens das fesselnde Finale verdeutlicht die ungeheure Last, die das Kind zu schultern hat. Aber auch Helga kämpft: Sie weiß, dass sie Adrian verlieren wird, wenn sich nichts ändert, weshalb sie aus Angst, das Jugendamt könne ihr den Jungen wegnehmen, bei jedem Klingeln in Panik ausbricht. Aus diesem Grund ist die Stimmung des Films einem ständigen Wechsel unterworfen: Auf den idyllischen Beginn mit Lagerfeuer am Flussufer, wo Adrian auch die Pfeilspitze findet, folgt das hektische Aufräumen der im Chaos versunkenen Wohnung, weil sich ein Behördenvertreter angekündigt hat. Familienähnliche gemütliche Abende mit Helgas Freunden enden am nächsten Morgen mit bohrenden Fragen der Polizei, weil einer der Gäste in Helgas Bett an einer Überdosis gestorben ist.

Es ist kein Zufall, dass der junge Held den gleichen Vornamen hat wie Adrian Goiginger, Autor und Regisseur des Films: Der österreichische Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg erzählt mit diesem Drama seine eigene Geschichte. Der Kinofilm war gleich neunmal für den Österreichischen Filmpreis 2018 nominiert und in fünf Kategorien erfolgreich (darunter bester Spielfilm, beste Regie und bestes Drehbuch). Die Qualität des herausragenden Debüt zeigt sich nicht zuletzt in der vermittelten Stimmung: Obwohl die Handlung denkbar düster ist, wirkt sie nicht deprimierend. Von außen betrachtet mag Adrians Kindheit trostlos sein, aber er macht in der Tat die Beste aller möglichen Welten daraus.

Dabei tut Goiginger nichts, um die Umstände zu beschönigen, im Gegenteil. In den Traumsequenzen sorgt das Licht für typische Horrorfilmatmosphäre, viele Innenaufnahmen sind in einem giftig anmutenden gelblich-grünlichen Farbton gehalten. Oftmals liegt zudem eine Art Nebelqualm in der Luft, weil Helga und ihr gleichfalls süchtiger Lebensgefährte Günter (Lukas Miko) mit ihren Besuchern alle nur denkbaren Drogen konsumieren. Immerhin achtet die Mutter darauf, dass Adrian nie Zeuge wird, wenn sie sich eine Spritze gibt. Dann zieht sie sich in ein verschlossenes Zimmer zurück. In diesem Raum kommt es schließlich zum entscheidenden Zweikampf des Jungen mit dem Dämon, den er unter Einsatz seines Lebens auf äußerst einfallsreiche, aber auch höchst gefährliche Weise besiegt.

Goiginger ist Jahrgang 1991, hat „Die Beste aller Welten“ also mit Mitte zwanzig inszeniert; zuvor hatte er einen Schulfilm und eine Handvoll Kurzfilme gedreht. Vor diesem Hintergrund ist sein Langfilmdebüt von einer umso eindrucksvollen Reife. Das hängt sicher auch mit der Bildgestaltung von Yoshi Heimrath und Paul Sprinz zusammen; Heimrath wurde mit Goigingers Film 2017 für den Deutschen Kamerapreis nominiert. Und dennoch sind es vor allem die Darsteller, denen dieser Film seinen herausragenden Status verdankt. Verena Altenberger, für ihre Rolle als Adrians Mutter mit mehreren Schauspielerpreisen geehrt, ist hierzulande als attraktive Titeldarstellerin von „Magda macht das schon“ (2017) bekannt geworden. Im Vergleich dazu ist sie in Goigingers Drama kaum wiederzuerkennen, und das ist nicht nur eine Frage des Maskenbilds, selbst wenn Helga des Öfteren wie eine wandelnde Tote aussieht.

Und doch ist die Leistung des kleinen Jeremy Miliker noch imposanter; der Junge stand schließlich das erste Mal vor einer Kamera. Goiginger hat es geschafft, dass Jeremy die Rolle in sich aufnimmt. In vielen Einstellungen brauchte er bloß ein Kind sein, das übermütigen Unfug treibt oder einfach nur durch die Gegend tollt, aber es gibt auch Momente, die schon beim Zuschauen unter die Haut gehen. Fast so grausig wie Adrians Kampf gegen den Dämon ist eine Szene, in der ein betrunkener Nachbar (Michael Pink) ihn mit Gewalt zwingen will, Wodka zu trinken.

Goiginger inszeniert dieses Ereignis ungeschönt und in all’ seiner traumatischen Wucht; Helga wird regelrecht zur Furie, als ihr klar wird, was der Mann ihrem Sohn antun wollte. Nicht weniger emotional sind die intensiven Mutter/Kind-Szenen, in denen beide, die erfahrene Schauspielerin und das junge Naturtalent, innige Zuneigung vermitteln. Jeremy wurde 2018 als jüngster Preisträger überhaupt beim österreichischen Film- und Fernsehpreis „Romy“ als bester männlicher Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet. Der SWR ist dankenswerterweise nicht auf die Idee gekommen, den Salzburger Dialekt für die TV-Ausstrahlung zu entschärfen; das führt zwar zu gelegentlichen Verständnisproblemen, bewahrt dem Film aber seine unmittelbare Authentizität.

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