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Die Gäste bei Maybrit Illner diskutierten zum Thema Rente.
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Die Gäste bei Maybrit Illner diskutierten zum Thema Rente.

TV-Kritik: „Maybrit Illner“

„Kalte Enteignung“

  • Daland Segler
    VonDaland Segler
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"Länger schuften, mehr vorsorgen – und im Alter trotzdem arm?" hieß das Thema bei Maybrit Illner, und die Moderatorin erwies sich als ungewohnt parteiisch – für die Rentner.

Alle Jahre wieder: die Rente. Der Finanzminister (CDU) zauberte jüngst wie das Kaninchen aus dem Hut den Vorschlag, man könne doch die Lebensarbeitszeit an die steigende Lebenserwartung  anpassen – malochen bis 70 ? Die CSU assistierte, indem ihr Häuptling Horst Seehofer erklärte: „Die Riester-Rente ist gescheitert.“ Und im permanenten Wahlkampf entdeckte die auf kleine Prozentzahlen geschrumpfte Partei der kleinen Leute soziale Themen wie etwa die Altersvorsorge. Und schon haben wir die schönste Debatte über Altersarmut. Denn 16 Millionen Bundesbürger haben sich zusätzlich zu ihrer Rente auf das Modell des ehemaligen Arbeitsministers Walter Riester als private Vorsorge eingelassen. Doch  inzwischen ruhen 20 Prozent der Verträge, die Leute zahlen angesichts von eliminierten Zinsen nichts mehr ein.

Das war eine der erhellenden Informationen bei Maybrit Illner. "Länger schuften, mehr vorsorgen – und im Alter trotzdem arm?" hieß ihr Thema, und das Fragezeichen, soviel wurde im Laufe der Debatte klar, wäre gar nicht nötig gewesen. Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten, eröffnete den Reigen der Kritik am Riester-Modell. Er wies darauf hin, dass  die Versicherten nicht ausbezahlt bekämen, was sie eingezahlt hätten – es sei denn, sie würden so alt wie Methusalem... So werde bei der „überlangen Sterbetafel“ tatsächlich eine Lebenserwartung von 100 Jahren angenommen.

Bei den Versicherungen kann man diese Spekulation ja noch auf Profitgier zurückführen, wenn ein Politiker wie  Carsten Linnemann (CDU), Vorsitzender der Mittelstands-vereinigung, behauptet, ein heute geborenes Kind werde im Schnitt 100 Jahre alt, handelt es sich vermutlich um  Realitätsverweigerung. Immerhin will er nicht, wie sein Parteifreund Schäuble, dass der gemeine Arbeitnehmer bis 70 den Buckel krumm macht. Er glaubt, dass seine Generation zusätzlich zur Rente wird arbeiten müssen (was auf wohlversorgte Politiker wie ihn wohl kaum zutrifft).

Linnemann tat sich denn auch schwer, die offensichtliche Krise der Rentenpolitik schönzureden. Zumal Maybrit Illner einen Gast geladen hatte, der auf  bedrückende Weise den Zustand demonstrierte. Petra Vogel, 58 Jahre, Reinigungsfachkraft und Betriebsrätin in einem Krankenhaus, verdient nach eigenen Angaben 1950 Euro brutto, wovon ihr 1100 Euro bleiben, und wird nach 41 Jahren Einzahlung in die Rentenkasse eine Rente von 650 bzw. 730 Euro bekommen – also unterhalb der Armutsgrenze von 840 Euro, weswegen sie Grundsicherung wird beantragen müssen. Linnemann reagierte mit der Beteuerung, man „werde zusehen“, dass der Freibetrag geändert werde und im Herbst einen Gesetzentwurf vorlegen. „Jetzt muss die Politik reagieren“ sagte – der Politiker.

Bürgerversicherung zu kurz beleuchtet

Auch Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, sah ein: „Dieses Netto reicht nicht zum Sparen“, obwohl er doch die private Altersvorsorge für unumgänglich hält, gerade in Zeiten niedriger Zinsen – die Maybrit Illner treffend die „kalte Enteignung“ der Sparer nannte.  Heises Festhalten am Riester-Modell erklärte Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht bündig damit, dass diese Art des Sparens „ein Goldesel für die Versicherungsgesellschaft“ sei. Bei den von Illner zitierten drei Milliarden Gewinn der Allianz konnte Heise nicht überzeugend widersprechen. Und im Einspielerfilm bestätigte die Sprecherin der Verbraucherzentrale, dass die hohen Provisionen ein „Geschenk für die Versicherer“ seien. 

Neben diesem Übel wurde ein weiteres ausgemacht: die komplizierten und selbst für Experten nur schwer verständlichen Vertragstexte, für Kleinlein bei der Lektüre „das nackte Grauen“. Linnemann verschrieb als Heilmittel eine „bessere Kundenbindung“, man dürfe die Versicherten nach Vertragsabschluss nicht alleine lassen. Wenn das alles so bürokratisch und undurchschaubar ist, warum geht man dann nicht den direkten Weg, fragte Maybrit Illner zurecht. Die Erklärung Linnemanns: wegen der Gefahr, dass der Staat in die Rentenkasse greift. Ein schönes Bild des Gemeinwesens, das der Christdemokrat da zeichnete...

Er gab das Bild eines Mannes ab, der an einem Übel herumdoktert, während seine Kollegin Wagenknecht das österreichische Modell als Alternative anpries, wo auch Beamte und Selbständige (und Politiker) in die Rentenkasse einzahlten. Dieses bundesdeutsche Tabu, die Vermeidung einer Bürgerversicherung, wurde auch in dieser Sendung, wie in einigen früheren zum Thema Rente, zu kurz beleuchtet. Stattdessen brachte Illner die „Deutschland-Rente“ der hessischen Landesregierung aufs Tapet. Dabei wird in einem vom Staat verwalteten Fonds eingezahlt, es werden keine Provisionen fällig, aber der aktienbasierte Fonds birgt wegen möglicher Kursschwankungen gewisse Risiken.

Sahra Wagenknecht forderte deshalb die Rückkehr zum früheren Rentenniveau von 53 Prozent – also in der Höhe, die vor der Einführung der Riester-Rente bestand. Aber bevor die Regierung den Alten im Lande soweit entgegenkommt, muss sie wohl 100 Jahre im Amt sein.

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