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Juliette Binoche über „Paradise Highway“: „Ich war überrascht, dass es diese Welt überhaupt gibt“

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Sich als Frau in der Truckerszene zu behaupten, erinnert Binoche an ihre Anfänge als junge Schauspielerin. dpa
Sich als Frau in der Truckerszene zu behaupten, erinnert Binoche an ihre Anfänge als junge Schauspielerin. © Everett Colle/dpa

In „Paradise Highway“ schlüpft Juliette Binoche in die Rolle einer US-Truckerin. Eine ungewohnte Umgebung für die französische Schauspielerin - doch keine, der sie nicht gewachsen scheint

Seit 40 Jahren ist Juliette Binoche mittlerweile Schauspielerin und gilt längst nicht nur in ihrer französischen Heimat als eine der Bekanntesten. Kürzlich drehte die 58-jährige Pariserin, die für „Der englische Patient“ mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, mal wieder in den Vereinigen Staaten für ihren Film „Paradise Highway“. Wir trafen sie anlässlich der Premiere beim Filmfestival in Locarno zum Gespräch mit idyllischem Blick auf den Lago Maggiore.

Frau Binoche, in Ihrem neuen Film „Paradise Highway“ spielen Sie eine Truckerin in den USA. Was hat Sie an der Welt, die wir in dieser Geschichte kennen lernen, am meisten überrascht?

Zunächst einmal war ich tatsächlich überrascht, dass es diese Welt überhaupt gibt. Denn von Frauen, die Trucks fahren, hatte ich vorher eigentlich noch nie bewusst gehört und wusste entsprechend nichts über ihren Alltag. Mir war nicht klar, wie lang die Arbeitstage sind und wie viele Bestimmungen es gibt, wann die Fahrerinnen Pause machen müssen und wie lange. Ich war schockiert zu hören, wie viele der Frauen in ihrem Job vergewaltigt werden, nicht zuletzt durch die Männer, von denen sie ihre Fahrerlaubnis bekommen. Verglichen damit natürlich banal, aber irgendwie auch empörend finde ich, wie fürchterlich sich die Truckerinnen ernähren müssen. Ein paar haben kleine Küchen in ihren Autos, aber die meisten halten an den Tankstellen und Truck Stops – und dort gibt es, wie ich inzwischen weiß, nur wirklich schreckliches Essen, das weder schmeckt noch gesund ist.

Gleichzeitig verbinden viele mit dem Truckfahren eine gewisse Romantik ...

Woher das kommt, kann ich schon nachvollziehen. Wenn man Steuer eines so riesigen Fahrzeugs sitzt und vor einem liegt so ein endloser amerikanischer Highway, dann spürt man irgendwie ein Gefühl von Freiheit. Man bricht auf, womöglich in eine neue Richtung, und lässt etwas anderes weit hinter sich.

Sind Sie selbst mal gefahren?

Na klar, das habe ich für den Film gelernt. Ich gehöre zu den Schauspieler:innen, die es lieben, für ihre Rollen Neues zu lernen und sich körperlichen Herausforderungen zu stellen. Deswegen war ich begeistert von dieser Aufgabe. Mir war es auch wichtig, dass man mich im Film wirklich fahren sieht und die Sache authentisch wirkt. Ich musste wissen, was ich da tue. Aus Sicherheitsgründen war bei den Szenen natürlich der Highway teilweise gesperrt und links und rechts fuhren Polizeiautos neben mir her. Aber ich saß am Steuer und bin dieses riesige Ding selbst gefahren.

Man hat auch das Gefühl, dass Sie sich in dieser Rolle anders bewegen …

Das habe ich mit bei der echten Truckerin abgeguckt, die ich als Recherche eine Weile begleitet habe. Sie wirkte ein wenig maskulin in ihrem Auftreten, was natürlich auch viel mit Selbstschutz zu tun hatte. Ich fühlte mich direkt an meine Zeit als junge Schauspielerin erinnert. Wenn ich spät abends von der Schule kam, dann lief ich den letzten Weg von der U-Bahn auch immer besonders kraftvoll und markant. Einfach um möglichst stark zu wirken und hoffentlich unversehrt zuhause anzukommen.

Ihr Interesse am körperlichen Arbeiten führte sogar dazu, dass Sie vor einigen Jahren mit dem berühmten Choreografen Akram Khan für eine Modern Dance- Produktion zusammengearbeitet haben. Verstehen Sie sich auch als Tänzerin?

Nein, nur weil ich damals in dieser Show getanzt habe, bin ich nicht automatisch eine Tänzerin. Damit würden wir wirklichen Tänzer:innen Unrecht tun. Aber ich liebe Bewegung, das kann man auf jeden Fall sagen. Bewegung ist Leben und der spannendste Weg, etwas Innerliches zu veräußerlichen. Auch in der Arbeit vor der Kamera. Das physische Auftreten eines Menschen sagt so viel aus über seine innere Balance und darüber, wie er durchs Leben geht. Das gilt natürlich auch für Filmfiguren. Deswegen gehört dieser Aspekt für mich immer zu den spannendsten einer Rolle.

Gehört Bewegung der sportlichen Art auch zu Ihrem Alltag?

Mal mehr und mal weniger, wenn ich ehrlich bin. Es gibt Phasen, in denen ich versuche, jeden Tag ein bisschen Sport zu machen. Aber wenn ich gerade drehe, bin ich oft wirklich erschöpft von der Arbeit und tatsächlich mit voller Konzentration bei meiner Rolle und nichts anderem. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ich ein paar Wochen wenig Gedanken an meine körperliche Fitness verschwende.

Zur Person

Juliette Binoche (58) wurde ihr Talent als Tochter eines Regisseurs und einer Schauspielerin bereits früh in die Wiege gelegt. Ihre erste bekanntere Filmrolle hatte sie im Alter von 20 Jahren in Jean-Luc Godards „Maria und Joseph“.

Einen Oscar erhielt Binoche 1997 als Beste Nebendarstellerin für ihre Rolle der Hana in „Der englische Patient“.

In „Paradise Highway“ wird Truckerin Sally (Binoche) gezwungen, illegale Fracht zu transportieren. Der Thriller von Regisseurin Anna Gutto ist seit Kurzem auf DVD und Blu-Ray erhältlich. FR

Sie arbeiten insgesamt ziemlich viel, hat man den Eindruck. In diesem Jahr etwa waren Sie auch schon mit dem Film „Wie im echten Leben“ im Kino zu sehen und spielten auch in der Serie „The Staircase“ (bei Sky) mit. Wird Ihnen langweilig, wenn Sie nicht drehen?

Oh nein, keine Sorge, ich weiß mich auch ohne Arbeit zu beschäftigen. Nicht zuletzt im Corona-Lockdown habe ich das mal wieder gemerkt. Da habe ich gemalt, einen Text übersetzt oder mit meinen Kindern gekocht. Nur herumhängen und gar nichts tun, das ist tatsächlich nicht unbedingt meins. Und was die Schauspielerei angeht, ist es schon richtig, dass ich sie sehr liebe. Die Recherche, die kreative Arbeit, die physischen und psychologischen Herausforderungen, all die Erkenntnisse über die menschliche Natur, die ich darüber gewinne – all das ist für mich eine große Freude, und ich schätze mich sehr glücklich, diesen Beruf ausüben zu dürfen.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Ihre Liebe für den Beruf entstand?

Mit elf oder zwölf Jahren spielte ich Theater in der Schule und war sofort begeistert. Wobei mich damals das ganze Drum und Dran faszinierte. Ich hätte gar nicht sagen können, ob ich lieber Schauspielerin, Regisseurin oder Bühnenbildnerin werden möchte. Und an Film dachte ich sowieso erst einmal gar nicht. Meine Eltern waren beide vor allem am Theater tätig, deswegen hatte ich andere Optionen gar nicht wirklich vor Augen. Erst als mich eine gute Freundin überredete, bei einem Casting-Agenten in Paris vorstellig zu werden, öffnete sich die Tür zum Kino für mich. Erst winkte ich ab, als er wollte, dass ich für einen Film vorspreche. Doch als er mich warnte, dass es viele andere Nachwuchsschauspielerinnen gäbe, die die Rolle haben wollen, und ich nicht lange zögern dürfe, entschied ich mich spontan um. Was eine gute Entscheidung war, denn ich bekam die Rolle, der Film lief beim Festival in Cannes und bekam tolle Kritiken. Wer weiß, ob ich anderenfalls heute noch vor der Kamera stehen würde?

Die Idee, auch mal selbst Regie zu führen haben Sie dann nie weiterverfolgt. Warum eigentlich nicht?

Es ist gar nicht so, dass ich nicht immer noch irgendwie daran interessiert wäre. Aber ich hatte all die Jahre so viele wunderbare Möglichkeiten, mit großartigen Regisseur:innen an großartigen Geschichten zu arbeiten. Hätte ich das irgendwie toppen können? Auf jeden Fall hätte ich mich selbst um viele Chancen gebracht, denn selbst einen Film vorzubereiten und zu inszenieren ist ja eine Aufgabe, die viel Zeit und Energie kostet. Da kommt man dann eine ganze Weile zu wenig anderem.

Auch mit dabei: Hollywood-Schwergewicht Morgan Freeman. Praesens Film AG)
Auch mit dabei: Hollywood-Schwergewicht Morgan Freeman. © Courtesy of Lionsgate / Praesens Film AG

Inzwischen drehen Sie schon lange nicht mehr nur in der Heimat, sondern auch – siehe „Paradise Highway“ – in den USA. Haben Sie eine Präferenz?

Nein, ich drehe überall auf der Welt gerne. Manchmal ist es logistisch einfacher, in Frankreich zu drehen, weil man entweder einfach zuhause wohnen kann oder zumindest nicht weit weg ist, wenn Familienangelegenheiten im Raum stehen. Gleichzeitig kann genau das aber natürlich manchmal auch schwierig sein, und ich war oft auch schon froh, weit weg von meinem Alltag und in meiner kleinen Filmblase zu sein. Früher, als die Kinder noch nicht erwachsen waren, waren Dreharbeiten im Ausland eine besondere Herausforderung, denn dann mussten wir eine Wohnung und eine Schule finden, und von der Nanny über eine Assistentin bis hin zum Sprachlehrer waren immer viele Leute in unser Leben eingebunden. Dass eines meiner Kinder solche Reisen liebte und eines gar nicht, verkomplizierte die Sache zusätzlich. Aber ich habe auch viele schöne Erinnerungen an diese Zeit.

Und in denen schwelgen Sie heute mit Ihren erwachsenen Kindern?

Meine Kinder sind, noch mehr als ich, sehr fest im Hier und Jetzt verankert. Für die gibt es Spannenderes, als mit Mama über die gute alte Zeit zu quatschen. Aber ich habe sie schon gewarnt: Wenn ich irgendwann mal eine alte Oma bin, dann werden die ollen Kamellen alle nochmal auf den Tisch gebracht.

Was war denn in all den Jahren der außergewöhnlichste Ort, an den es Sie je für die Arbeit verschlagen hat?

Mein Problem ist immer, dass ich mich so stark auf meine Arbeit konzentriere, dass ich die besonderen Orte, an denen ich drehe, gar nicht immer so richtig zu schätzen weiß. Aber eine Erfahrung, die sich mir sehr eingebrannt hat, waren die Dreharbeiten zu dem Film „In My Country“ in Südafrika. Die Schriftstellerin Antije Krog, auf deren Memoiren das Skript basierte, nahm mich mit in die Hochebene Little Karoo, und während wir dort durch diese beeindruckende Landschaft mit den wunderschönen Bergen fuhren, las sie mir ihre Gedichte vor. Das war nicht nur ein ziemlich einmaliger Reisemoment, sondern hat auch für immer meinen Zugang zu Lyrik verändert. Bis dahin waren Gedichte für mich eigentlich eine sehr intellektuelle Angelegenheit gewesen. Seither öffnen sie mir das Herz.

Interview: Patrick Heidmann

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