Juliette Binoche mit ihrem „European Achievement in World Cinema“-Preis.
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Juliette Binoche mit ihrem „European Achievement in World Cinema“-Preis.

Europäischer Filmpreis

Juliette Binoche immerhin war da

  • vonFrank Junghänel
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Acht Trophäen für „The Favourite“: Regisseur Yorgos Lanthimos ist der große Gewinner beim Europäischen Filmpreis, aber auch er kam nicht nach Berlin.  

Der Favorit hat gewonnen. Mit anderen Worten: „The Favourite“ ist der Europäische Film des Jahres 2019. Darüber hat sich zum Schluss schon keiner mehr gewundert, was den allenfalls höflichen Beifall des Publikums im Haus der Berliner Festspiele erklären mag. Mit insgesamt acht Nominierungen war die Historiengroteske des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos ins Rennen gegangen – acht Preise sind es am Ende auch geworden. Der meistgefragte Mann am Samstag war der irische Produzent Ed Guiney, der die Trophäen für „The Favourite“ auf der Bühne abholte, da der Regisseur bei der Feier nicht zugegen war, was dem Ganzen gehörig seinen Glanz nahm. So stark der diesjährige Filmjahrgang war, so schwach die Präsenz der Sieger. In allen Hauptkategorien fehlten die Preisträger.

„The Favourite“, der im deutschen Verleih den Zusatz „Intrigen und Irrsinn“ trägt, zeichnet auf dramaturgisch und stilistisch brillante Weise ein Bild des englischen Königshofes im frühen 18. Jahrhundert. Königin Anne, gespielt von Olivia Colman, die ebenfalls mit einem Filmpreis geehrt wurde, befindet sich mit England im Spanischen Erbfolgekrieg. Kostüme, Kamera, Schnitt, Maske, alles extraordinär, alles preiswürdig.

Die elfjährige Helena Zengel, die in dem Film „Systemsprenger“ ein unberechenbares, gewalttätiges Mädchen spielt, ging zwar nicht mit einem Preis nach Hause, dafür jedoch mit den Sympathien des Publikums. Wie auch die Regisseurin Nora Fingscheidt, deren Film wohl nur eine Außenseiterchance hatte. Der deutsche Kinofilm ging diesmal leer aus. Alexander Scheer für die Rolle des „Gundermann“ nominiert, konnte sich gegen einen der ganz Großen nicht durchsetzen.

Als bester Schauspieler wurde Antonio Banderas geehrt, was man schon hatte ahnen können, als er aus einem leeren Kinosaal auf die Videoleinwand zugeschaltet wurde. Er sah zwanzig Jahre jünger aus als in Pedro Almodóvars Film „Leid und Herrlichkeit“, in dem er das Alter Ego des Regisseurs spielt, dem er dann gleich eine herzliche Laudatio widmete. Vor vierzig Jahren waren sie sich zum ersten Mal begegnet, seit dieser Zeit sind sie künstlerisch einander nah. Almodóvar nahm die Huldigung äußerlich unbewegt hin. Der spanische Regisseur zählt zu den Verlierern der diesjährigen Preisvergabe. Seinem berührenden Alterswerk wäre größerer Zuspruch zu wünschen gewesen.

Wie auch dem französischen Beitrag „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, für den Céline Sciamma den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Ihr Film erzählt die Liebesgeschichte einer jungen Malerin und ihrem Modell, die sich in den Jahren vor der Französischen Revolution auf einer bretonischen Insel begegnen und eine kurze, glückliche Zeit miteinander verbringen. Céline Sciamma konnte nicht nach Berlin kommen, weil sie in Frankreich im Generalstreik feststeckte.

Präsentiert wurde die Gala in diesem Jahr zum ersten Mal von der litauischen Schauspielerin Aiste Diržiutee gemeinsam mit ihrer deutschen Kollegin Anna Brüggemann, deren Bruder Dietrich Brüggemann für die Inszenierung zuständig war. Sie machten ihre Sache prima, die Show war amüsant und charmant, manchmal wirklich witzig so bei der todtraurigen Präsentation der besten Komödie. Der Preis ging einmal mehr an „The Favourite“.

Diese Ballung an Preisen wirft die Frage auf, ob das nun wirklich der überragende europäische Film des Jahres ist. Einerseits schon, in seiner künstlerischen Geschlossenheit und formalen Originalität ragt der Film tatsächlich heraus, anderseits sind die 3600 Akademiemitglieder mit ihrem Votum der Konfrontation mit dem politischen Kino der Gegenwart aus dem Wege gegangen. So hätte etwa das französische Sozialdrama „Les Misérables“ von Ladj Ly durchaus größere Aufmerksamkeit verdient. Immerhin gab es für den Film den Kritikerpreis für die Entdeckung des Jahres.

Einige der Gewinner standen bereits vorher fest. Die französische Schauspielerin Juliette Binoche wurde für ihren Beitrag zum Weltkino geehrt. Eine bessere Wahl hätte es in diesem Jahr nicht geben können – wie eigentlich auch schon in allen Jahren zuvor. Seit ihrem Debüt 1985 zählt Juliette Binoche zu jenen Künstlerinnen, die das Kino mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Klugheit, ihrem Charme und ihrem Witz bezaubern. Im Februar leitete sie die Berlinale-Jury und nun war die Oscargewinnerin erneut in die Stadt gekommen, um ihrer Sammlung eine weitere Trophäe hinzuzufügen. Auf sie ist Verlass. Binoche, in ein langes schwarzes Kleid gehüllt, sorgte für einen Moment von glamouröser Seriosität, wie nur sie sie verkörpern kann, als sie an die Kolleginnen und Kollegen appellierte, ihre Projekte sehr bewusst zu wählen: „Es ist das, was wir zu geben haben.“

Der Preis für das Lebenswerk ging an Werner Herzog, der 1962 als 19-Jähriger seinen ersten Kurzfilm drehte und nach den Klassikern der 70er und 80er Jahre („Woyzeck“, „Fitzcarraldo“) heute vor allem für seine Dokumentarfilme Wertschätzung erfährt. Der Akademiepräsident Wim Wenders dankte ihm für seinen „unendlichen Enthusiasmus“ und nannte ihn in Zeiten von Belanglosigkeit und Fake einen „tower of integrity“. Herzog beschwor in seinen Dankesworten ein einiges Europa, das er das größte Friedensprojekt der Menschheitsgeschichte nannte. Der 77-Jährige bekam den größten Applaus des Abends.

Zu den Gästen der Zeremonie, die jährlich wechselnd in Berlin und einer anderen europäischen Stadt stattfindet, zählte neben viel europäischer Filmprominenz auch der ukrainische Regisseur Oleg Senzow, der im September nach fünfeinhalb Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde. Als Aktivist der Kiewer Maidan-Bewegung war er wegen der angeblichen Vorbereitung terroristischer Anschläge von einem russischen Gericht zu zwanzig Jahren Straflager verurteilt worden. Die Europäische Filmakademie hatte sich von Beginn an für die Freilassung Senzows eingesetzt.

Der neu berufene Vorsitzende der Filmakademie, Mike Downey, kündigte an, dass sich die Organisation in einer Koalition für bedrohte Filmemacher weltweit engagieren werde. Der britische Produzent hatte das Amt von der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland übernommen, die eine Novität zelebrieren durfte. Zum ersten Mal wurde beim Europäischen Filmpreis eine TV-Serie ausgezeichnet, „Babylon Berlin“. Die Dominanz von Serien im Filmgeschäft zeigte sich hier auch personell, als Tom Tykwer zur Danksagung ein gutes Dutzend Mitstreiter auf die Bühne rief.

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