In dem Film geht es um eine wunderliche Geschichte eines Mannes, der jünger wird statt zu altern. Der Film startet am 29. Januar 2009 in den deutschen Kinos.
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In dem Film geht es um eine wunderliche Geschichte eines Mannes, der jünger wird statt zu altern. Der Film startet am 29. Januar 2009 in den deutschen Kinos.

"Der seltsame Fall des Benjamin Button"

Jugend ohne Jugend

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Der Filmheld, gespielt von Brad Pitt, kommt als alter Mann auf die Welt und wird im Laufe seines Lebens immer jünger - nicht ganz unproblematisch. Ein melancholisches Epos von David Fincher.

Einmal im Jahr geschieht ein kleines Wunder, und aus Hollywood kommt ein Film, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Sie begegnen uns um die Jahreswende, wenn die Filmakademie ihre Oscar Nominierungen bekannt gibt. 2008 hieß dieser Nachzügler aus einer Zeit, als in Hollywood die kostspieligste Kunst der Welt entstand, "There will be Blood". Jetzt ist es "Der seltsame Fall des Benjamin Button".

Wie sein Titelheld, jener Junge, der am letzten Tag des Ersten Weltkriegs als alter Mann auf die Welt kommt und sich im Laufe eines Jahrhunderts immer weiter verjüngt, hatte auch der Film eine schwere Geburt. Wenn selbst Steven Spielberg nach etlichen Jahren der Arbeit an einem Projekt noch kalte Füße bekommt, kann man davon ausgehen, dass es an Schwierigkeiten nicht mangelte.

Sie beginnen mit dem literarischen Einfall F. Scott Fitzgeralds in seiner gleichnamigen Kurzgeschichte. Wohlweislich hielt sich der Autor mit Einzelheiten darüber zurück, wie sein Held eigentlich auf die Welt gekommen sei - in welchem Frauenkörper sollte ein ausgewachsener Mann Platz finden?

Drehbuchautor Eric Roth setzt der Einfachheit halber einem Baby ein Greisengesicht auf, was dessen entsetzten Vater dazu treibt, es sofort auf der Treppe eines Altenheims auszusetzen. Hier reift es zu einem kindlichen Greis heran, der sich freilich langsam aber stetig äußerlich verjüngt.

Auf den ersten Blick meint man die nun folgende Zeitreise vorherzusehen. Immerhin schrieb Eric Roth auch schon das Drehbuch zu "Forrest Gump", wo er die US-Geschichte des 20. Jahrhunderts an einer Phantasiefigur spiegelte, die allein der Wille ihres Autors an alle erdenklichen Dreh- und Angelpunkte der Historie katapultierte. Doch obwohl er sich diesmal gut zweieinhalb Stunden Zeit nimmt, um Fitzgeralds 26 Seiten bis in die Gegenwart fort zu spinnen, obwohl Finchers Bilder bis zum letzten Korn nach großem Epos aussehen, blättert niemand im Geschichtsbuch.

Der Zweite Weltkrieg dauert kaum länger als die Flugzeit eines Torpedos, der den Schleppkahn versenkt, auf dem Button angeheuert hat. Und obwohl die Heimat des jungen Alten New Orleans ist, wo er von einer Schwarzen aufgezogen wird, bleibt die Bürgerrechtsbewegung ausgespart. Kennedy, Nixon und Vietnam sind kein Thema. Hurricane Katrina immerhin macht kurz seine Aufwartung, aber um ein paar sehr private Erinnerungen wegzuspülen.

Offensichtlich spielt dieser opulente Film bei aller Bilderfülle doch in einer Innenwelt. Die Zeitreise, die er dabei entwirft, meint nicht die Geschichte, sondern das Mysterium der Lebenszeit. Die erste große Sequenz liefert ein griffiges Bild für Finchers Absicht und legt zugleich den Rhythmus fest. Ein Uhrenbauer erfährt während der Arbeit an seinem Meisterwerk für den Bahnhof von New Orleans, dass sein Sohn im Krieg gefallen ist. Als er die Uhr enthüllt, geht sie rückwärts: Auf dass, wie er erklärt, sich die Zeit zurückwende und die Toten wiederkehren könnten.

Uhren begegnen uns oft in der Filmgeschichte. Das Zeitmedium Film stellt gern seine Überlegenheit über ihren messbaren Ablauf dar, der Western "Zwölf Uhr mittags" ist dafür wohl das bekannteste Beispiel. Diese Szene aber erinnert an einen berühmten US-Stummfilm über den Ersten Weltkrieg, Frank Borzages Melodram "Seventh Heaven": Darin siegt ein toter Soldat über die Zeit und kehrt zur vereinbarten Stunde heim zur Geliebten.

Bevor wir also noch wissen, dass sich auch Finchers Film zu einem Liebesdrama entwickeln wird, hat diese wunderbare Szene bereits die Gangart des Films eingeschlagen. Der hoch musikalische Fincher folgt ihrem Rhythmus wie einem Metronom, das man auf den menschlichen Herzschlag eingestellt hat.

In jungen Jahren, also als äußerlicher Greis, verliert Benjamin sein Herz an ein fast gleichaltriges Mädchen. Nach dem ersten Drittel des Films sehen sie sich wieder, doch als die junge Frau den vermeintlich älteren Herrn verführen will, fühlt er sich noch nicht reif. Sie macht als Tänzerin Karriere, und der Film verliert sich in einer hinreißenden Hommage an die Zeit der Martha Graham.

Erst in der Mitte ihrer beider Leben finden sie den richtigen Augenblick für ihre Liebe. Und schließlich, auf dem Höhepunkt des gemeinsamen Glücks, läuft Benjamin davon. Endlich sieht er so gut aus wie Brad Pitt, der ihn die ganze Zeit gespielt hat, aussah, als er im Redford-Film "Aus der Mitte entspringt ein Fluss" gespielt hat. Und nun flüchtet seine Filmfigur, um an der Seite der Geliebten nicht unweigerlich zum hilflosen Kind zu verkommen.

Wie alle Liebesgeschichten handelt "Der seltsame Fall des Benjamin Button" von der Gunst der Stunde. So intensiv aber hat man die Willkür dieser Gunst selten erlebt. Das liegt nicht allein daran, dass Brad Pitt und seine Filmpartnerin Cate Blanchett mit der Hilfe von Schminktisch und Computer ihre Rollen durch alle Altersphasen spielen.

Vor allem der musikalische Filmstil des ehemaligen Videoclip-Künstlers Fincher schafft dieses Kunststück. Jede Sekunde ist ihm kostbar, das ist nichts Neues in seinen Filmen, aber bei einer Laufzeit von 166 Minuten addiert sich das immerhin auf die stolze Summe von 9960 kostbaren Sekunden. Die meisten davon zeigen das Leben als einzigen Abschied. Indem sich für Button ein Menschheitstraum erfüllt, er immer jünger und schöner wird, ist er auch aller Zeitgenossenschaft entrückt.

Wenn es je einen melancholischen Film gab, dann ist es "Der seltsame Fall des Benjamin Button". Sein Erfinder, F. Scott Fitzgerald, mag bei der Namensgebung an Jim Button gedacht haben, jenes Findelkind, das sich Charles Darwin von einer Reise mitbrachte. Was für eine Vorlage für ein Filmgedicht über die kleinste Einheit der Evolution - das einzelne Menschenleben.

Der seltsame Fall des Benjamin Button, USA 2009, 166 Minuten.

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