Im Auto: Szene aus Panahis "3 Gesichter".
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Im Auto: Szene aus Panahis "3 Gesichter".

Filmfestival

Jubel für die Abwesenden in Cannes

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Das Filmfestival Cannes feiert Jean-Luc Godard und Jafar Panahi, Wim Wenders porträtiert Papst Franziskus.

Papst Franziskus ist kein Kinogänger, und auch aus dem Fernsehen soll er sich nichts machen. Die Kamera aber liebt ihn trotzdem. In den Interviews, die er Wim Wenders für seinen Porträtfilm „Ein Mann seines Wortes“ gewährte, scheint zu allen im Kinosaal zu sprechen, ohne dass dabei der Eindruck entstünde, er fixiere ein Objektiv oder halte eine einfach Ansprache.

In den vier Sessions, die er dem protestantischen deutschen Filmemacher gewährte, hält sich Schweres und Leichtes die Waage. Wenigstens in Wenders’ Montage: Trauer und Empörung über die Missbrauchsverbrechen durch katholische Priester, Zorn über soziale Ungleichheit – und ein Morgengebet von Thomas Morus, das ihm jeden Morgen ein Lächeln aufs Gesicht zaubere: „Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.“

Hörern von Radio Vatikan ist das längst bekannt, und wer sogar das Vatikanische Fernsehen CTV über das Internet nutzt, kennt auch schon einen Gutteil dieses Films: Ohne dass dieses Fremdmaterial im Film besonders ausgewiesen wäre, nutzt Wenders es über weite Strecken. Die bekannte Dokumentation einer Fußwaschung in einem Gefängnis wirft freilich die Frage auf, ob überhaupt die Persönlichkeitsrechte der Häftlinge gewahrt sind, die hier erkennbar in Großaufnahmen porträtiert werden. Wie uns der Verleih erklärt, habe man das Material in dieser Form vom Vatikan bekommen.

Nicht, dass wir diesem Papst, dem wohl einflussreichsten Verfechter sozialer Umverteilung, auch jenseits der Kirche nicht jede Öffentlichkeit wünschen. Er sagt großartige Dinge zur religiösen Toleranz bis hin zur Öffnung des Himmelreichs für Andersgläubige („Am jüngsten Tag werden wir alle eine große Überraschung erleben“). Aber in seiner Form ist dieser Film, der auf Einladung des Vatikans entstand, auch wenn Wenders ihn produzierte, kaum von einem PR-Produkt zu unterscheiden.

Was macht er also – selbst „außer Konkurrenz“ – im Programm von Cannes? Auch das einzige, was Franziskus zur Homosexualität erklärt, stammt aus einer oft gesehenen Pressekonferenz. Zur Rolle der Frau in der katholischen Kirche erfährt man nichts Neues. Abgesehen von ein paar kleinen Spielszenen über Franz von Assisi, die Wenders’ mit einer Stummfilmkamera drehte, hätte auch jeder andere professionelle Filmemacher den Wunsch des Vatikans nach einem Papstfilm erfüllen können.

Jean-Luc Godard und die Platon'sche Höhle

Wäre die Filmkunst eine Religion, und eine Zeitlang war sie das für viele Intellektuelle ja tatsächlich, hieße ihr Papst wohl immer noch Jean-Luc Godard. Mit seinem neuen Essayfilm „Le Livre d’image“ verwandelte der 87-Jährige das Festivalpalais in eine Platon’sche Höhle, schleuderte Bild- und Tonfragmente förmlich in den virtuellen Denkraum.

Getragen von der musikalischen Idee des Kontrapunkts, blättert Godard durch das Bilderbuch einer sich selbst wiederholenden Geschichte brutalster Konflikte. Er fächert die jahrtausendealten Vorgeschichten der Kulturkämpfe der Gegenwart in hunderten Filmausschnitten auf, mischt zu Blitzlichtern verkürzte Youtube-Bilder der Morde des „Islamischen Staats“ mit ikonischen Szenen aus Filmklassikern von Sergei Eisenstein, King Vidor oder Max Ophüls. Und als wollte er den verwaschenen VHS-Kassetten ein zweites Leben schenken, koloriert er die Schwarzweißbilder in den Farben der Expressionisten Klee und Macke auf ihrer Tunisreise. Diese ins Psychedelische überhöhten Erinnerungen an den Exotismus in der klassischen Moderne entwickeln eine eigenständige Originalität.

Nach der Vorführung zeigte sich der öffentlichkeitsscheue Regisseur überraschend der Presse, wenn auch nur auf einem in den Saal gereichten Smartphone. Geduldig und charmant beantwortete er alle Fragen, auch die der FR nach dem Überleben der Filmtheater in Zeiten des medialen Umbruchs. „Ich kann es nicht wirklich sagen, auch wenn ich mir wünsche, dass dieser Denkraum überlebt.“ Später schob er einen seiner philosophischen Einzeiler hinterher: „Manchmal kommt mir das Kino vor wie ein kleines Katalonien, das verzweifelt versucht, zu existieren.“

In Abwesenheit musste auch der Iraner Jafar Panahi seine Premiere im Wettbewerb verfolgen, noch immer ist der Filmemacher mit Arbeits- und Ausreiseverbot belegt. Wie sein Berlinale-Gewinner vom 2015, „Taxi Teheran“, spielt „Se Rokh“ („3 Gesichter“) fast ausschließlich in einem Auto, und wieder sitzt der Regisseur, der sich hier selbst spielt, am Steuer. Eine Schauspielerin bittet ihn um Hilfe, um der verstörenden Videobotschaft einer jungen Frau nachzugehen, die ihren Selbstmord vorgetäuscht hat.

Tatsächlich sucht sie Unterstützung bei ihrem Wunsch, gegen den Willen der Eltern der Provinz zu entfliehen, um selbst Schauspielerin zu werden. Folglich steuert Panahi den Film höchst selbst in Richtung Road-Movie, doch statt einer plakativen Anklage gegen den Konservatismus folgt eine liebevolle Innenansicht der nordiranischen Provinz. Ihre Traditionen mögen in der Summe wie ein fürsorgliches Gefängnis wirken, die Landbevölkerung selbst porträtiert Panahi in warmen Farben.

Bisher hat dieser unscheinbare Wettbewerb kein Meisterwerk gefunden, da ist man mit Godards klugem Essay und Panahis liebenswertem Kleinod schon zufrieden.

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