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Journalismus in Russland – „Fortsetzung folgt“

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Von: Stefan Scholl

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Das Schild des nun geschlossenen Moskauer Büros der Deutschen Welle.
Das Schild des nun geschlossenen Moskauer Büros der Deutschen Welle. © dpa

Mit der Schließung des Korrespondentenbüros der Deutschen Welle verlieren Moskaus kritische Medienschaffende einen weiteren Verbündeten.

Pawel Kanygin sitzt im Starbucks an der Metrostation Jugo-Sapadnaja und ist mit seinem Handy beschäftigt. Nach der Deutschen Welle, sagt er, sei wohl Youtube dran. Er befürchtet, dass die Videoplattform bald in ganz Russland blockiert werden wird. „Alles wird noch schlimmer werden“, sagt er

Kanygin ist Journalist, Liberaler und eigentlich Optimist. Kürzlich hat er sein eigenes Online-Projekt gestartet: „Prodolschenie sledujet“, Fortsetzung folgt. Derzeit aber werden in Moskau eher Medienprojekte beendet. Vergangene Woche haben die russischen Behörden dem deutschen Auslandskanal Deutsche Welle (DW) die Sendelizenz entzogen, sein Korrespondentenbüro geschlossen, den fünf Medienschaffenden, davon drei russischen, die Akkreditierungen annulliert. „Ein Riesenschlag für uns alle“, sagt der deutsche Bürochef Juri Rescheto. Moskaus schräg-drastische Antwort auf das Sendeverbot für den russischen Staatssender RT DE in Deutschland.

Aber in den Coffeeshops und den Onlinechats der Moskauer Szene ist DW kaum Thema. „Das Gefühl, dass jetzt auch ausländische Journalisten aus Moskau heraus gedrängt werden, ist natürlich schlecht“, erklärt Kanygin. Nur sei es nicht mit den Gefahren für russische Journalisten zu vergleichen. „Die Drohungen, die Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow gegen unsere Journalisten ausspricht, bereiten uns mehr Sorgen“, bestätigt Andrei Lipski, Auslandschef der „Nowaja Gaseta“. Vor wenigen Tagen erst hat Jelena Milaschina, die Kaukasusreporterin der Oppositionszeitung, erklärt, sie verlasse Russland eine Zeitlang aus Sicherheitsgründen. Zuvor hatte Kadyrow sie und den Menschenrechtler Igor Kaljapin als „Terroristen“ beschimpft. „Wir haben Terroristen immer vernichtet“, erklärte er. „Und das werden wir weiter mit ihnen tun.“

Für Russlands oppositionelle Journalistinnen und Journalisten sind Drohungen oder Festnahmen längst Alltag. Wie die Redaktion der „Nowaja Gaseta“ will Kadyrow auch die des liberalen Senders TV Doschd hinter Gitter bringen will, Doschd kann mangels Sendelizenz im eigenen Land auch nur Internetfernsehen machen. Und er wurde wie das Nachrichtenportal meduza.io zum „ausländischen Agenten“ erklärt. Andere Redaktionen flohen komplett ins Ausland.

Der in Staatsgeld schwimmende Propaganda-Kanal RT mit seinen immer neuer Auslandsablegern genießt bei den Zurückgebliebenen wenig Sympathien. „RT ist ein Format von sehr geringer journalistischer Qualität“, sagt Lipski. „Andererseits sollten die Standards der Presse überall gelten. Als Anfang der 90er Jahre alle riefen, man müsse die kommunistische Zeitung ,Prawda‘ verbieten, war ich auch dagegen. Presse darf man nicht verbieten, auch wenn sie einem nicht gefällt. Die deutsche Bürokratie begeht ebenfalls Dummheiten.“

Aber Moskaus Medienschaffende spüren auch, dass sie mit dem DW-Korrespondentenbüro wieder einen Verbündeten verlieren. Wer wird über die Milaschina schreiben“, fragt Kanygin, „wenn die westlichen Journalisten aus Moskau verschwinden?“ Außer ihnen gebe es in Russland noch ein gutes halbes Dutzend kritischer überregionaler Medien. „Die Deutschen hat es zuerst erwischt“, sagt der Fotograf Witali, der auch ans Auswandern denkt. „Als nächstes könnten die Franzosen dran sein, dort wird ja auch gegen RT ermittelt.“

Kanygin hat seinen Kaffee ausgetrunken, schaut zu einem jungen Mann hinüber, der sich zwei Tische weiter niedergelassen hat. „Eine verdächtige Figur“, murmelt er. „Komm, lass uns gehen.“ Die Angst, bespitzelt und verfolgt zu werden, ist im russischen Journalismus längst eine Alltäglichkeit.

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