Der Regisseur Joseph Vilsmaier.
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Der Regisseur Joseph Vilsmaier.

Nachruf

Joseph Vilsmaier: Das kalte Herz der Berge

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Zum Tod des Regisseurs Joseph Vilsmaier.

Für sein großes Antikriegsdrama „Stalingrad“ ging Joseph Vilsmaier mit seiner Filmcrew nicht zuletzt auch über physische Grenzen hinaus. Die Dreharbeiten fanden bei bis zu 40 Grad minus am Polarkreis statt, und der Ratschlag, sich warm anzuziehen, half nicht weiter. Dieser unbedingte Wille, das Leiden der Soldaten realistisch darzustellen, kam bei der Kritik allerdings nicht an. „Das mit großem Aufwand vor Augen geführte Kampfszenarium soll abschreckende Wirkung haben“, heißt es im „Lexikon des Internationalen Films“, „aber die schwach konstruierte Handlung mit ihren stellenweise nicht sehr glaubhaften Zügen schadet dem Gesamteindruck.“

„Stalingrad“ war 1993 Vilsmaiers dritter großer Spielfilm nach dem Überraschungsdebüt „Herbstmilch“ von 1988 und verfestigte das Phänomen, dass Vilsmaier mit seinen Arbeiten große Anerkennung beim Publikum fand, von der Kritik aber stets etwas unterschätzt wurde. Das hatte zweifellos auch damit zu tun, dass er immer mit viel Schwung und dem Wagnis zu Werke ging, so viel Herz wie möglich in die Waagschale zu werfen, um das lange diskreditierte Genre des Heimatfilms auf seine Art ganz neu zu beleben.

„Herbstmilch“ kam 1989 nach dem autobiografischen Roman von Anna Wimschneider ins Kino und schildert das arbeitsame Landleben der Bäuerin Anna zu Beginn der 20er Jahre. Der Film, der fast zwei Millionen Zuschauer zum Kauf einer Kinokarte animierte, handelt von einer verlorenen Kindheit und dem sich anschließenden Martyrium einer jungen Frau in einer archaischen Gesellschaft an der Grenze zur Moderne.

Anna und Albert auf dem Rad

Vilsmaiers Coup bestand dabei darin, die gängigen Klischees des Heimatfilms nicht einfach zu reproduzieren, sondern das Handlungsgeschehen in eine sehr realistisch wirkende Filmwirklichkeit zu übersetzen. Eines der Filmbilder, die in diesem Sinne haften blieben, war eine Fahrradfahrt, bei der Werner Stocker als Albert Wimschneider seiner geliebten Anna, gespielt von Joseph Vilsmaiers Ehefrau Dana Vávrová, einen Kuss abringt. Der abschätzige Blick auf Vilsmaiers opulente Lust auf Kitsch verkannte indes, dass sein filmischer Realismus durchaus in der Tradition von Roberto Rossellini und dessen paradigmatischem Filmdrama „Stromboli“ zu verorten war.

Das rustikale Traumpaar Dana Vávrová und Werner Stocker hatten allerdings nur wenig Gelegenheit zu reifen. Bald nachdem Joseph Vilsmaier die beiden für seinen Film „Rama dama“ ein weiteres Mal erfolgreich besetzt hatte, verstarb Werner Stocker 1993 im Alter von nur 38 Jahren.

Auf den Spuren von „Herbstmilch“ bewegte sich Vilsmaier 1995 auch bei der Verfilmung des Romans „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider. Erzählt wird darin die Geschichte des musikalisch begabten Elias, der Ende des 19. Jahrhunderts in dem Dorf Eschberg im mittleren Vorarlberg aufwächst. Das filmische Muster ähnelt dem von „Herbstmilch“. Diesmal aber musste sich Joseph Vilsmaier den Vorwurf gefallen lassen, dass seine filmische Abbildung der komplexen Erzählstruktur der Romanvorlage nicht annähernd gerecht geworden sei.

Sein Gespür dafür, Filme fürs Publikum zu machen, hat Joseph Vilsmaier im Verlauf seiner Karriere noch deutlich verfeinert, und mit historischen Stoffen über die Geschichte der Gesangsgruppe Comedian Harmonists und einem Biopic über Marlene Dietrich traf er den Nerv der Zeit, sich der Geschichte der in den Nationalsozialismus abdriftenden Weimarer Republik über deren glamouröse Seite anzunähern.

Besonders stolz war Vilsmaier über den Erfolg von „Comedian Harmonists“, ein Stoff, vor dem ihn viele in der Branche gewarnt hätten, weil sie es als schlechtes Omen ansahen, dass die Schallplatten der Comedian Harmonists in den 90ern für ein paar Mark verramscht wurden. Schließlich aber habe sogar US-Präsident Bill Clinton eine Kopie seines Films angefordert und diesen zu seinem Lieblingsfilm erklärt. Den entsprechenden Artikel in der „Washington Post“, so Vilsmaier einmal in einem Interview, habe er für immer aufbewahrt.

In der Filmbranche hatte der 1939 in München geborene Joseph Vilsmaier zunächst als Kameramann begonnen, wo er etwa Folgen für den „Tatort“ und die sehr erfolgreiche Serie „Auf Achse“ (mit Manfred Krug) gedreht hat. Als er wegen eines Bandscheibenvorfalls für einige Zeit nicht mit der Kamera auf der Schulter arbeiten konnte, entschloss Vilsmaier sich zu einer Auszeit auf einem kleinen Hof in der Nähe von Pfarrkirchen, wo er aufgewachsen ist. Die Stippvisite war die Initialzündung für viele der Geschichten, die Joseph Vilsmaier erzählen wollte. Am Dienstag ist er im Alter von 81 Jahren in München gestorben. Sein letzter Film „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ mit Michael Herbig und Hape Kerkeling soll im November 2020 in die Kinos kommen.

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