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Joko und Klaas waren kurzzeitig ernst. 

„Joko und Klaas gegen ProSieben“

Joko und Klaas machen zehn Minuten Ernst

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„Joko und Klaas gegen ProSieben“: Die Spaßmacher des Privatsenders überraschen mit bewegenden politischen Aussagen.

Das Bild vom Hofnarren ist gerade aktuell; jüngst benutzte es Rainer Haseloff, CDU, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, bei Sandra Maischberger. Er meinte damit einen jungen Mann in schwarzem Hoodie, der im Gewand eines Depressiven satirisch die Verlogenheit der Regierenden bloßlegt und von denen vor allem Ignoranz erfahren hat, und einen jungen Mann mit blau gefärbten Haaren, der in 55 Minuten auf YouTube all die Versäumnisse und Vertuschungen der Regierenden auflistet und von denen als Reaktion – vor allem Ignoranz erfahren hat. 

Rezo und Nico Semsrott nutzen Bild-Medien

Um zu zeigen, wie groß die Kluft ist zwischen Reden und Handeln führender Politiker, nutzen Rezo und Nico Semsrott Bild-Medien wie Internet und Fernsehen. Nun haben sie Gesellschaft bekommen, von zwei nicht mehr ganz jungen Unterhaltern aus dem Privatfernsehen.Die Ankündigung zu „Joko und Klaas gegen ProSieben“ ließ vermuten, die beiden Quotenbringer des Senders könnten es einfach nicht lassen, nachdem sie sich von „Duell um die Welt“ verabschiedet hatten. 

Tatsächlich war die Show die erwartete Neuauflage dieses Spiels ohne Grenzen, das von den Zumutungen lebt, die sich die beiden Spaßmacher auferlegen. Joko und Klaas gewannen gegen den Sender. Ihr Preis: 15 Minuten Sendezeit zur Primetime und zur freien Verfügung. 

Pia Klemp, die Kapitänin des Seenotrettungsschiffs „Iuventa“

ProSieben ließ zu Beginn einblenden, man habe „keinerlei Einfluss auf die Gestaltung der gewonnen Sendezeit“. Ob das nun stimmt oder nicht: Was folgte, war in der Tat unüblich für dieses Programm. Nach einigen Scherzen darüber, was sie alles mit ihrer Zeit anstellen können („Frischhaltefolien essen“), räumten sie das Studio mit der Bemerkung, es gebe Leute, „die Themen mitbringen, die ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verdient haben, und die kommen jetzt“. 

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Auf den leeren Stuhl in der Mitte des abgedunkelten Raums setzte sich dann zunächst Pia Klemp, die Kapitänin des Seenotrettungsschiffs „Iuventa“, ein Schiff, mit dem 14000 Menschen im Mittelmeer gerettet wurden und das trotzdem (oder deswegen) von Italiens Regierung beschlagnahmt wurde. (www. iuventa10.org) Nun drohen ihr und ihrem Team bis zu 20 Jahre Haft – dafür, dass sie Menschen retten. Nicht immer gelingt das. So musste sie tagelang einen toten Zweijährigen in ihrer Tiefkühltruhe aufbahren, bevor sie an Land gelassen wurden. 

Obdachlose und Flüchtlinge nicht ausblenden

„Was sage ich einer traumatisierten Frau“, fragte sie, „deren Kind da in meinem Tiefkühler liegt, über den Friedensnobelpreisträger EU?“ Die setze seit Jahren auf Migrationsabwehr, lasse Menschen wissentlich ertrinken. Auf Pia Klemp folgte Dieter Puhl; er leitete die Sozialstation am Berliner Bahnhof Zoo und sprach vom Leben und Sterben der Obdachlosen. Er zählte die Vorurteile ihnen gegenüber auf und hob hervor, dass viele dieser Menschen „nicht das nötige Fett auf ihrer Seele hätten“, um in der Gesellschaft zu bestehen. 

Sein Appell: „Blendet sie nicht aus!“ Danach setzte sich Birgit Lohmeyer auf den Stuhl und schilderte, wie sie seit fast 15 Jahren dem Terror von Nazis in ihrem Wohnort, dem Dorf Jamel, ausgesetzt ist – als ob es einen rechtsfreien Raum gäbe. Doch die Familie wehrte sich, mit einem Musikfestival, "Jamel rockt den Förster", bei dem schon prominente Künstler wie Marteria oder Herbert Grönemeyer aufgetreten sind. Sie rief dazu auf: Wehrt euch! Es lohnt sich.“ 

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Dann ist die Viertelstunde um, von der gut zehn Minuten nicht dem Jux, sondern bewegenden Schilderungen gewidmet waren, in bestem Sinne politischen Beiträgen, die den Finger in Wunden der Gesellschaft legten. Ob das alles nun so geplant und ein PR-Manöver des Senders war oder nicht: Was zählt ist, dass auch in einem Umfeld, das der Ablenkung des Publikums vom Alltag dient, plötzlich für kurze Zeit sich ein Fenster zur Wirklichkeit geöffnet hat, dank zweier Spaßmacher, die mal Ernst gemacht haben. Und damit gezeigt haben, dass sie keineswegs Hofnarren sind. 

Denn die gibt es in einer Demokratie ohnehin nicht; ihr Bild wird lediglich von Leuten bemüht, die noch in Kategorien wie Obrigkeit denken und Kritik mit historisch schiefen Vergleichen abwehren. Und diese Leute danken hoffentlich bald ab; die Zeichen dafür mehren sich.

„Joko & Klaas Live – 15 Minuten | ProSieben“

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