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Einen traurigeren Clown hat man selten gesehen als Joaquin Phoenix in seinem ersten Auftritt als „Joker“.

„Joker“

„Joker“ mit Joaquin Phoenix: Ein Clown im Kino - mit verschmierter Schminke und ganz ohne Batman

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Todd Phillips’ durchaus einzigartiger Comic-Blockbuster „Joker“ erreicht genau das, was dem Protagonisten gefallen würde: die große, allgemeine Verunsicherung.

Der Clown“, sang Heinz Rühmann, „war immer lustig anzuschau’n / doch keinen ließ der Clown in sein Herz hineinschau’n“. Batmans „Joker“ wird er damit wohl nicht gemeint haben. Der möchte am liebsten die ganze Welt in sein verwundetes Herz blicken und den bitteren Preis für sein Leid bezahlen lassen.

Einen traurigeren Clown hat man selten gesehen als Joaquin Phoenix in seinem ersten Auftritt als „Joker“. Als Tagelöhner ist er bei einer Schaustelleragentur beschäftigt, die an diesem Tag nichts Besseres für ihn anzubieten hat als eine „Rolle“ als lebendes Werbeschild. Das erbärmliche Bild, das er dabei abgibt, weckt den Sadismus einer Halbstarken-Gang, die den schutzlosen Mann brutal verprügelt. Es ist die erste einer Reihe äußerst drastischer Gewaltszenen, mit denen Regisseur und Co-Autor Todd Phillips in seinem Prequel erzählen möchte, wie der Joker wurde, was er ist: der wohl berühmteste und vielleicht gruseligste aller Comicschurken.

„Joker“: Gewalt löst Kontroversen aus 

In Venedig vor wenigen Wochen als erster Comic-Blockbuster mit einem Goldenen Löwen prämiert, ist der Film bei der US- Kritik heftig umstritten, nicht allein wegen seiner Gewaltdarstellungen. Eine ungewöhnliche Fülle an Zitaten aus Filmgeschichte und Politik bietet reichlich Futter für kontroverse Debatten.

Kinostarts am 10. Oktober 2019

Auch das schöne Setting einer Rinderzucht tröstet bei dieser romantischen Komödie nicht über die schlechten Dialoge und auch nicht über eine allzu launige Filmmusik  hinweg. Dieser Film enthält mehr als nur einen Hauch von „Bauer sucht Frau“. (Regie: Tom Sommerlatte, D 2019)
„Bruder Schwester Herz“: Auch das schöne Setting einer Rinderzucht tröstet bei dieser romantischen Komödie nicht über die schlechten Dialoge und auch nicht über eine allzu launige Filmmusik  hinweg. Dieser Film enthält mehr als nur einen Hauch von „Bauer sucht Frau“. (Regie: Tom Sommerlatte, D 2019) © Verleih
Geht es noch herzschmerziger als dieses Liebesmelodram um eine 19-Jährige, die sich Ende der 90er in einen HIV-Kranken verliebt? Wenn man in Deutschland Hollywood kopiert, sieht das Ergebnis meist aus wie Werbung. Und entsprechend falsch fühlt es sich an – trotz des wunderbaren Schweizer Jungstars Luna Wedler. (Regie: Tim Trachte, D 2019)
„Dem Horizont so nah“: Geht es noch herzschmerziger als dieses Liebesmelodram um eine 19-Jährige, die sich Ende der 90er in einen HIV-Kranken verliebt? Wenn man in Deutschland Hollywood kopiert, sieht das Ergebnis meist aus wie Werbung. Und entsprechend falsch fühlt es sich an – trotz des wunderbaren Schweizer Jungstars Luna Wedler. (Regie: Tim Trachte, D 2019) © Verleih
„Dora und die Goldene Stadt“: Dieses sehr vergnügliche Teenie-Abenteuer entführt die Heldin, eine Tochter von Archäologen, mit ihren Freunden in eine versunkene Maya-Stadt. Das ist mehr „Drei Fragezeichen“ als „Indiana Jones“, aber wenigstens ist es kein Dschungelcamp.  (Regie: James Bolin, USA 2019)
„Dora und die Goldene Stadt“: Dieses sehr vergnügliche Teenie-Abenteuer entführt die Heldin, eine Tochter von Archäologen, mit ihren Freunden in eine versunkene Maya-Stadt. Das ist mehr „Drei Fragezeichen“ als „Indiana Jones“, aber wenigstens ist es kein Dschungelcamp.  (Regie: James Bolin, USA 2019) © Verleih
"Der Glanz der Unsichtbaren": Als ein Anlaufzentrum für obdachlose Frauen geschlossen wird, bleiben der Leiterin in dieser Komödie nur drei Monate, um möglichst viele von ihnen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Die Realität steht wie so oft im aktuellen französischen Kino im Schatten der guten Laune. (Regie: Louis-Julien Petit)
„Der Glanz der Unsichtbaren“: Als ein Anlaufzentrum für obdachlose Frauen geschlossen wird, bleiben der Leiterin in dieser Komödie nur drei Monate, um möglichst viele von ihnen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Die Realität steht wie so oft im aktuellen französischen Kino im Schatten der guten Laune. (Regie: Louis-Julien Petit) © Verleih

Clown Arthur ist ein Angehöriger des Kultur-Prekariats: Für ein paar Dollar unterhält er Kinder bei Geburtstagen; nebenbei erprobt er selbstgemachte Witze bei Talentabenden. Gotham City war dem real existierenden New York noch nie so ähnlich, sogar die Spielzeit lässt sich anhand der Broadway-Plakate recht genau auf das Jahr 1981 datieren. Kaum ein Komiker galt damals mehr als Woody Allen. Arthur ist nicht so intellektuell und auch seine Unsicherheit braucht er nicht erst zu spielen. Der schüchterne Mann, der als Kind missbraucht wurde und zu Hause die kranke Mutter pflegt, weckt auch dann noch Sympathien, als er es ist, der für die minutiös choreografierten Gewaltexzesse des Films verantwortlich ist.

Seit Tim Burton mit seinem ersten „Batman“ Gotham City als große Opernkulisse entdeckte, verlockt gerade die Figur des Jokers zu besonders extravaganten Interpretationen. Es ist ein doppeltes Déjà-vu, wenn Joaquin Phoenix am Ende mit verschmiertem Make-up aus einem Taxifenster blickt und die Lichter der Großstadt dazu auf der Scheibe tanzen. Der früh verstorbene Heath Ledger hatte sich mit einer fast identischen Einstellung in „Dark Knight“ einen ikonischen Augenblick erspielt. Mutig genug, diesen Vergleich herauszufordern, doch damit geben sich weder Phoenix noch Regisseur Phillips zufrieden.

Joaquin Phoenix als „Joker“: Selbstbewusste Clowns-Maskerade

Eine zweite Referenz, die sie immer wieder herbeizitieren, ist „Taxi Driver“: Martin Scorseses Psychogramm eines narzisstisch-gestörten Attentäters rekonstruieren sie wie eine virtuelle Realität, um in dieser Kulisse das vollkommene Simulakrum zu erschaffen: Einen Film, der nicht nur so aussieht wie ein Klassiker des New Hollywood Cinema der 70er, sondern bis ins letzte analoge Filmkorn Scorseses Stil kopiert.

Um die Verwirrung komplett zu machen, orientiert sich die Geschichte um den glücklosen Clown-Darsteller, der, wie sich herausstellt, einem populären Stand-up-Komiker nacheifert, an einem zweiten Scorsese-Film, „King of Comedy“. Und zur Bekräftigung wird dieses Idol auch noch gespielt vom Hauptdarsteller beider Filme, Robert De Niro.

Der Joker persönlich könnte in seiner Maskerade nicht selbstbewusster auftreten als dieser Film in seinem zusammengeklaubten Look. Und kaum weniger verführen mit seinem Retro-Rausch: Vom ersten Moment schlägt dieser Ausreißer in der Comic-Blockbuster-Welle in seinen Bann: Phoenix’ anrührende Darstellung des psychisch schwer geschädigten, erst hilflosen, dann unbeherrschbaren Außenseiters stiehlt allen die Schau – außer einem brillanten De Niro. Auch wenn seine Nebenrolle erst spät im Film zum Tragen kommt, dürfte sie ihm eine weitere Oscar-Nominierung eintragen: Als Fernsehliebling verströmt er den öligen Charme der alten Platzhirsche der Unterhaltung.

Minimalistische Kameraführung entfesselt kunstvolle Montagen

Bewundernswert ist auch die scheinbar minimalistische Kameraführung, die sich in den Gewaltszenen zu kunstvoll ästhetisierten Montagen entfesselt. Oder die unter die Haut gehende Filmmusik der isländischen Cellistin und Komponistin Hildur Gudnadóttir. Zuletzt hatte sie wesentlich dazu beigetragen, aus der Fernsehserie „Chernobyl“ einen Sensationserfolg zu machen. Doch all das fügt sich lediglich zu einem Kunstwerk aus zweiter Hand, selbst der Cello-Einsatz hat ein direktes Vorbild in Werner Herzogs Hausmusiker, Ernst Reijseger. Das klingt nach Klagen auf hohem Niveau: Es gibt gewiss schlechteres als einen packenden Psychothriller, der an die besten Filme von Martin Scorsese erinnert. Wirklich ärgerlich ist aber ein politischer Subtext: Als der Joker drei junge Banker erschießt, entfacht das solidarische Massendemonstrationen. Im Stil der Occupy-Bewegung tragen die Protestler Joker-Masken, als wären Kapitalismuskritik und Terror naturgemäß dasselbe.

„Joker“ ist mitreißend – und verunsichert

Es gibt noch mehr solcher unbedachter, pseudo-politischer Verweise: Kann es Zufall sein, dass Arthur am Anfang von Angehörigen ethnischer Minderheiten angegriffen wird? In den USA weckte die Täter-Gruppe Erinnerungen an die „Central Park Five“, fünf zu Unrecht zu langen Haftstrafen verurteilte Afroamerikaner. Im Spiel mit solch emotional aufgeladenen, aber ins Leere führenden Verweisen steckt ein raffiniertes Kalkül, wie man es sonst vielleicht von Lars von Trier kennt.

Das ist frustrierend, und selten verlässt man einen derart mitreißenden Film so unbefriedigt. Vielleicht aber sollte man den höheren Sinn dahinter weder suchen noch vermissen, wie Teile der amerikanischen Filmkritik. Regisseur Phillips kennt sich aus mit Katerstimmung, er ist vor allem bekannt für seine drei „Hangover“-Filme. Dies ist sein erster Spielfilm, der keine Komödie ist. Auf seine Art erreicht er genau das, was dem Joker das Liebste wäre: die große, allgemeine Verunsicherung.

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