+
Ein historisches Schauspiel als absurdes Theater in „Adults in the Room“.

Filmfestspiele Venedig

„Joker“ und „Adults in the Room“: Joker im Retro-Rausch

  • schließen

Besser ein echter Costa-Gavras als ein falscher Scorsese: Todd Phillips’ „Joker“ und der erste Spielfilm zur Griechenlandkrise in Venedig.

Es ist ein doppeltes Déjà-vu, wenn Joaquin Phoenix am Ende von „Joker“ mit verschmiertem Make-Up aus einem Taxifenster blickt und die Lichter der Großstadt dazu auf der Scheibe tanzen. Der früh verstorbene Heath Ledger hatte sich mit einer fast identischen Einstellung in „Dark Knight“ einen ikonischen Augenblick erspielt. Mutig genug, diesen Vergleich herauszufordern, doch damit geben sich weder Phoenix noch Regisseur Todd Phillips zufrieden.

Eine zweite Referenz, die sie während der 122 Filmminuten ihres „Batman“-Prequels immer wieder herbeizitieren, ist „Taxi Driver“. Martin Scorseses Psychogramm eines narzisstisch-gestörten Attentäters rekonstruieren sie wie eine virtuelle Realität, um in dieser Hülle das vollkommene Simulakrum zu erschaffen: Einen Film, der nicht nur so aussieht wie ein Klassiker des New Hollywood Cinema der Siebziger, sondern bis ins letzte analoge Filmkorn Scorseses Stil kopiert.

Geschichte um einen glücklosen Clown-Darsteller

Um die Verwirrung komplett zu machen, orientiert sich die Geschichte um einen glücklosen Clown-Darsteller, der einem populären Stand-Up-Komiker nacheifert, an einem zweiten Scorsese-Film, „King of Comedy“. Und zur Bekräftigung wird dieses Idol auch noch gespielt vom Hauptdarsteller beider Filme, Robert De Niro. Der Joker persönlich könnte in dieser Maskerade nicht selbstbewusster auftreten als Phillips’ Film in seinem Retro-Rausch.

Vom ersten Moment an schlägt dieser denkbar weiteste stilistische Ausreißer in der Comic-Blockbuster-Welle in Bann: Phoenix’ anrührende Darstellung eines psychisch schwer geschädigten, erst hilflosen, dann unbeherrschbaren Missbrauchsopfers stiehlt allen die Schau außer einem brillanten De Niro. Es überzeugt die scheinbar minimalistische Kameraführung, die sich in den Gewaltszenen zu kunstvoll ästhetisierten Montagen entfesselt. Und die unter die Haut gehende Filmmusik der isländischen Cellistin und Komponistin Hildur Gudnadóttir. Zuletzt hatte sie wesentlich dazu beigetragen, aus der Fernsehserie „Chernobyl“ einen Sensationserfolg zu machen. Doch all das fügt sich nun in ein Kunstwerk aus zweiter Hand, selbst der Cello-Einsatz hat ein direktes Vorbild in Werner Herzogs Hausmusiker, Ernst Reijseger.

Joaquin Phoenix als psychisch geschädigter „Joker“.

Das klingt nach Klagen auf hohem Niveau: Es gibt gewiss Schlechteres als einen packenden Psychothriller, der an die besten Filme von Martin Scorsese erinnert. Im Wettbewerb eines Filmfestivals wäre einem aber ein echter Scorsese lieber, oder wenn nicht, dann der nächste Sorcese; nur einen falschen kann man hier weniger gebrauchen. Wirklich ärgerlich ist zudem ein politischer Subtext: Als der Joker drei junge Banker erschießt, entfacht das solidarische Massendemonstrationen. Im Stil der Occupy-Bewegung tragen die Protestler Joker-Masken, als wären Kapitalismuskritik und Terror naturgemäß dasselbe.

Es sagt schon einiges aus über die Hollywoodnähe dieses Festivals, dass der falsche Glanz von „Joker“ um den Goldenen Löwen konkurriert, während man einen echten Costa-Gavras nur außer Konkurrenz zu sehen bekommt. Dabei hat der 86-jährige Veteran des politischen Kinos mit „Adults in the Room“ seinen besten Film seit vielen Jahren gedreht.

Verfilmung des gleichnamigen Erinnerungsbuchs von Yanis Varoufakis

Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Erinnerungsbuchs von Yanis Varoufakis, Griechenlands ehemaligem Finanzminister. Kein geringerer als Ulrich Tukur spielt seinen Gegenspieler auf deutscher Seite, Wolfgang Schäuble, der sich vermutlich sehr geschmeichelt fühlen wird: Alle Härte, alle Herablassung, die er auf Pressekonferenzen gegenüber der neu gewählten griechischen Regierung zur Schau stellte, gießt Ulrich Tukur in schnarrendes Brummen – nicht als Karikatur, eher als Hommage an das Bild des „hässlichen Deutschen“, das Schäuble so erfolgreich wiederzubeleben verstand.

Ein ums andere Mal weigert er sich im Einklang mit Jeroen Dijsselbloem (Daan Schuurmans), dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe, die griechischen Kompromissvorschläge überhaupt nur durchzulesen. Mit feinem Humor und einem Überschuss an unvermuteter Wärme (auch für die Deutschen) zelebriert Costa-Gavras das historische Schauspiel als absurdes Theater, mit Varoufakis als würdigem Nachfahren von Sisyphos. Den Höhepunkt inszeniert er als schwelgerisches Ballett, was auch Angela Merkel, hier hat sie nur eine stumme Rolle, zu einem eleganten Auftritt verhilft.

Meryl Streep im Offshore-Paradies in „The Laundromat“.

Politisches Kino, in Venedig ist es eher die Ausnahme. Steven Soderbergh versucht sich in „The Laundromat“ mit überschaubarem Erfolg an einer Farce über die Panama-Papers. Meryl Streep reist darin als streitbare Witwe persönlich in das Offshore-Paradies, wo die Briefkastenfirma ansässig ist, die ihr eine Entschädigungszahlung schuldet.

Auch in Venedig zu sehen: Laurie Andersons Mondfahrt und die Wettbewerbsbeiträge „The Painted Bird“ und „The Domain“

Recht didaktisch erklärt ein launiger Kommentar die Machenschaften solcher Unternehmen. Und vergisst dabei auch nicht einen Prominenten aus den Papieren zu erwähnen, der erst am Vortag hier am Lido für sein Lebenswerk geehrt wurde – der Spanier Pedro Almodóvar. Völlig verständlich wird das Ganze trotzdem nicht und ist leider auch bestenfalls halblustig.

Neuverfilmung von Jack Londons Romanklassiker „Martin Eden“

Soziale Ungleichheit ist auch das Thema von Pietro Marcellos italienischem Beitrag, der Neuverfilmung von Jack Londons Romanklassiker „Martin Eden“. 1979 war das mal ein aufwendiger Fernsehmehrteiler, und wirklich anders sieht es auch jetzt nicht aus. Zwar hat man nicht das Gefühl, dass es Marcello mit dem Einsatz von analogem Filmmaterial wie Todd Phillips’ „Joker“ nur um eine Retro-Ästhetik ging. Er bemüht sich ernsthaft, an eine Tradition des Erzählfilms anzuknüpfen, die in Italien mit Namen wie Francesco Rosi oder Luigi Comencini verbunden ist; dazu passt die zeitliche Verschiebung der Aufsteigergeschichte eines ehemaligen Matrosen, der sich als Schriftsteller einen Namen macht, in die siebziger Jahre.

„Martin Eden“ ist ein mehr als respektabler Film, aber es gelingt ihm nicht, die selbst gewählte Form mit Leben zu erfüllen. Verfremdungselemente wirken halbherzig. Das größte Problem des italienischen Kinos ist schon seit Jahren meist ein Hang zum Äußerlichen, zum etwas zu guten Geschmack; in Venedig kann man ein Lied davon singen.

Lesen Sie hier mehr zu den Filmfestspielen Venedig

„J’accuse“: Gift des Antisemitismus, Pest der Medienmanipulation

Filmfestspiele in Venedig: Brutalismus auf dem Mars

Filmfestspiele von Venedig ignorieren die #MeToo-Bewegung

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion