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Der zehnjährige Jojo ist Mitglied der Hitlerjugend und will als braver Junge ein herausragender Nationalsozialist sein. Sein bester (und imaginaäer) Freund ist Adolf Hitler persönlich. Als er feststellt, dass seine Mutter Rosie ein jüdisches Mädchen versteckt, untergräbt die aufkeimende Freundschaft der beiden seine Ideologie zunehmend. 

„Jojo Rabbit“

„Jojo Rabbit“ im Kino: Böse Glanzbilder

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Taika Waititis Oscar-Favorit „Jojo Rabbit“ spielt mit einem längst gebrochenen Tabu – dem Lachen über Hitler.

Frühling für Hitler“, der Titel jener unseligen Broadway-Revue der „Producers“ in Mel Brooks gleichnamiger Filmkomödie, war durchaus prophetisch: Als das schrille Werk acht Jahre nach seiner Entstehung 1976 die deutschen Kinos erreichte, erlebten die Medien eine regelrechte Hitlerwelle. Während einerseits Neonazi-Bewegungen in vielen westlichen Ländern aus den Böden sprossen, anderseits aber die Aufklärung über den Holocaust allmählich eine breite Öffentlichkeit erreichte, gab es auch das plötzlich wieder: Lachen über Hitler – mehr als drei Jahrzehnte nach Chaplin und Lubitsch, die ihre Werke noch in Unkenntnis der ganzen Ausmaße der Gräuel geschaffen hatten.

Inzwischen kann man die Komödien über Hitler und die Nazi-Verbrechen kaum noch zählen. Lange ist das Tabu gebrochen, übrig bleiben noch die Geschmacksfragen. Dani Levy misslang manches bei seinem „Mein Führer“; aber als unglückselige Farce war es doch immer noch ein wichtiger Gegenpol zum Naturalismus von „Der Untergang“. Und der Schmerz, den auch das Misslungene bereiten kann, ist manchmal wertvoller als die Glätte von „Er ist wieder da!“.

Kinostarts am 23.1.2020

Das geheime Leben der Bäume: Förster Peter Wohlleben ist und nach seinem gleichnamigen Beststeller nun auch der Star eines Dokumentarfilm über den deutschen Wald, seine Schönheit und seine Sorgen. Ob Laub- oder Nadel – schnell ist man mit Freund Baum auf Du und Du. (Regie: Jörg Adolph, Jan Halft, D 2020,) © Verleih
Die Hochzeit: Eine Hochzeit und ein überraschender Todesfall sind zwar immer noch drei Hochzeiten weniger als in der gleichnamigen britischen Komödie, aber entsprechend turbulent sollte es bei Regisseur Til Schweiger dann doch zugehen. Und auch nicht weniger menschelnd. (D 2020) © Verleih
Das Vorspiel: Das psychologisch-realistische Drama über die Ambitionen einer ehrgeizigen Mutter  und Geigenlehrerin, die ihre verhinderten Ambitionen an zwei Jungen auslebt, ist vor allem ein Solo für die unfehlbare Nina Hoss. (Regie: Ina Weisse, D 2019) © Verleih
Die Wolf-Gäng: Ein kleiner Vampir mit Blutphobie, eine Fee mit Flugangst und ein Werwolf mit Tierhaarallergie könnten zusammen im „Wizard of Oz“ mitspielen. Doch in dieser deutschen Kinder-Fantasy halten sie es lieber als kleine Detektive mit den drei Fragezeichen. (Regie: Tim Trageser, D 2020) © Verleih

„Jo Jo Rabbit“ ist die erste Hitler-Komödie seit langem, die eine Art von heilsamen Unbehagen bereitet – und zugleich einen Humor besitzt, der sättigend im Halse stecken bleibt. Sie führt in ein Nazideutschland im vorletzten Kriegsjahr, und ihr kindlicher Held ist ein fanatischer Hitlerjunge. Der zehnjährige Roman Griffin Davis verleiht seiner überschwänglichen Begeisterung etwas irritierend Unverfängliches. Fast erinnert er an einen Popfan der Beatleszeit, nur dass er sein Kinderzimmer eben bis zur letzten Ecke mit Hitlerpostern und Wimpeln der NSDAP dekoriert hat.

Die übertriebene Ausstattung der Kulisse erinnert an die in Deutschland wenig bekannten Propagandafilme, die Walt Disney einst gegen die Nazis drehte. Eine zentrale Szene ist sogar direkt übernommen aus dem bedeutenden Disney-Cartoon „Education for Death“: Ein kleiner Junge wird darin zum Nazi, nachdem ihn seine Mitschüler als „Weichling“ hänseln – er hat zuvor Mitleid mit dem armen Häschen in einer Bildergeschichte gezeigt.

Titelheld „Jo Jo Rabbit“ kommt in ähnlicher Situation zu seinem Spitznamen: Die erwachsenen Anführer seiner Hitlerjugend-Brigade, allen voran Sam Rockwell als Captain Klenzendorf, wollen die Kinder lehren, „wie man für den Führer tötet“. Dazu soll Jojo einem Häschen den Hals umdrehen, was er nicht übers Herz bringt. Trost findet er dann ausgerechnet bei seinem imaginären Freund, und das ist tatsächlich Hitler persönlich.

Regisseur Taika Waititi spielt die Rolle selbst. Er ist nicht nur in seiner Heimat Neuseeland ein gefeiertes Multitalent – als Schauspieler, Komiker, Maler und Drehbuchautor. Der Sohn eines Maori verwendet gelegentlich auch den Familiennamen seiner Mutter mit russisch-jüdischen Wurzeln, dann heißt er Taika Cohen.

Scarlett Johansson macht eine eigentlich unmögliche Filmfigur unvergesslich.

Hitler-Fan Jo Jo bleibt gleichwohl auch in der Hitlerjugend ein Außenseiter. So verbringt er viel Zeit zu Hause, wo er allein mit seiner Mutter lebt. Der Zuschauer begreift schnell, was Jojo nie ahnen würde – Scarlett Johanssons Filmfigur ist Gegnerin des Regimes. Als Jojo mal wieder allein zu Hause ist, entdeckt er eine versteckte 16-Jährige. Zunächst hält er diese Rose für einen Geist, doch sie verneint. „Was bist du denn?“ – „Eine Jüdin“. Im Original heißt das „A Jew“, was er beantwortet mit: „Gesundheit!“. Nicht jeder Witz lässt sich auch übersetzen.

Jojo Rabbit. USA 2020. Regie:Taika Waititi. 108 Min.

Auch wenn Jo Jo als Möchtegern-Nazi den Antisemitismus verinnerlicht hat bis zu dem Punkt, dass er glaubt, Juden hätten Hörner, beginnt eine ungleiche Freundschaft. Doch dies ist nicht die einfache Geschichte einer Bekehrung. Der surreale Humor, die tragende künstlerische Irritation, besteht in der Unvereinbarkeit zweier Identitäten, die doch jede für sich unkorrumpierbar scheinen: Da ist ein kleiner Junge, der das Herz wie eine Erich-Kästner-Figur auf dem rechten Fleck zu tragen scheint. Und der doch die Parolen der Nazis nachplappert, bis ihm jemand vorsichtig eröffnet, dass er doch zu intelligent sein sollte, um an sie zu glauben. Tatsächlich ist eben auch das positive Bild der jugendlichen Unschuld nur ein Klischee. Und wäre nicht gerade der kleine Junge mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, den wir uns an Stelle des kleinen Nazis wünschen, einem Glanzbild aus dieser Zeit zum Verwechseln ähnlich?

„Jo Jo Rabbit“ sieht aus wie ein solches Sammelbilder-Album, bei dem die drei Schweinchen und der böse Wolf in derselben Straße wohnen. Und in dem nicht nur die Nazis, sondern auch die Widerstandskämpfer Stereotypen sind. Ähnlich wie Quentin Tarantino in „Inglourious Basterds“ scheint Waititi Helden, Opfer und Verbrecher mit den gleichen breiten Pinselstrichen zu verflachen.

Doch gerade das offensive Spiel mit Klischees macht auch die Konventionen vieler vermeintlich aufklärerischer Filme offensichtlich. Hatte man nicht oft das Gefühl, in historischen Spielfilmen über die Nazizeit wehten nicht nur mehr Fahnen in den Kulissen, sondern es habe auch mehr Widerstandskämpfer gegeben als in Wirklichkeit?

Und dann geschieht abermals etwas Ähnliches wie bei Tarantino: Überragendes Personal füllt die B-Film-Rollen mit einer eigenen Wahrheit. Scarlett Johansson, die schon in „Marriage Story“ über sich hinaus wuchs, macht eine eigentlich unmögliche Filmfigur unvergesslich: Eine Widerstandskämpferin, die nur das Beste für ihren verführbaren kleinen Jungen will. Gut möglich, dass sie am 10. Februar gleich zwei Oscars mit nach Hause nimmt.

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